Nasskalte Wintertage

Winterdepression – lasst sie uns verscheuchen

„Die Kunst zu leben besteht darin,
zu lernen,
im Regen zu tanzen,
anstatt auf die Sonne zu warten.“
~Unbekannt~

Die Knie eng an meinen Körper gezogen, den Kopf zwischen den Schultern versteckt, mit klammen Händen die Decke festhaltend, die sich eng um meinen verspannten Körper schlingt. Starr habe ich mich auf meinen Schaukelstuhl verkrochen. Nur meine Augen lugen aus dem zusammengeschnürten Deckenpaket hervor. Fest auf den Garten gerichtet, schauen sie den Regentropfen bei ihrem unaufhörlichen Fall zu. Verkrampft meine Muskeln vom vielen Zittern. Schmerzend erstarrt. Unmöglich sie zur Bewegung zu bringen. Kälte in jedem Winkel meines Körpers. Dumpf hallt das Trommeln des Regens in meinem Kopf wieder, als würde es aus einem tiefen Winkel dessen kommen. Lange schon sitze ich so da und starre in den Garten. Grau grau, grau. Graue Wolken, graue Pfützen, graues Geäst. Grau. Dunkel. Durch meine Augen dringt die Dunkelheit in jeden Winkel meines Körpers und breitet ihre kalten Flügel aus. Und weiter dieses kontinuierliche Trommeln. Tropf, tropf, tropf, tröööt, tropf, tropf, tropf. Schwach kämpft mein Verständnis um Sinn in diesem Lied. Tropf, tropf, trööt. Doch, ich habe richtig gehört. Durch das Trommeln des Regens klingt ein entferntes Geräusch an mein Ohr und durchdringt das Grau in meinem Verstand. „Du musst Dich bewegen“, scheint es mir zuzurufen. „Weiß ich doch“, antworte ich in Gedanken „aber…“

Aber… wie oft habe ich dieses Gespräch in den letzten Wochen mit mir geführt? Wie viele Kämpfe ausgefochten? Mein Körper will nicht und auch mein Geist findet keine Energie. Hier liegen, einfach nur hier liegen. Eine Schwere, die sich über Körper und Geiste gelegt hat. „Das kann nicht, das darf nicht!“, schimpft es in mir. Immerhin habe ich Urlaub und den will ich doch nutzen. Einiges stand auf meiner Liste, was ich erledigen wollte, doch auch einiges, was ich mir mal wieder gönnen wollte. Und? Nichts… liegen, einfach nur hier liegen. Jeden Tag kämpfe ich gegen diese Schwere, die Müdigkeit, die Antriebslosigkeit. Jeder Tag ein Kampf. Manchmal schaffe ich es, sie zu besiegen und schleppe mich durch eine Aufgabe von meiner Liste. Doch das kostet mich unfassbar viel Energie, trage ich doch dabei die ganze Schwere auf meinem Rücken. Was ist nur los mit mir? Was stimmt mit mir nicht? Depression schon wieder? Irgendwie ja… doch irgendwie nein. So ganz düster sind meine Gedanken dann doch nicht. Als ich anfange mit Freunden darüber zu sprechen, höre ich von denen ähnliche Geschichten. Immer mehr Menschen in meinem Umfeld berichten von diesen Erscheinungen. Mein Verdacht verhärtet sich: Winterdepressionen oder wer es gerne etwas weniger klinisch mag: Winterblues. Es wird also Zeit, für diesen Beitrag. Nicht nur für mich, sondern für euch alle, die ihr mir in den letzten zwei Wochen euer ähnliches Leid geklagt habt und auch für alle anderen, die momentan etwas schwermütiger in Körper und Geist sind. Lasst uns aufstehen und den Winterblues gemeinsam verscheuchen.

Winterdepression – was ist das?

Winterdepressionen treten jahreszeitlich bedingt, oft in Herbst und Winter, auf. Sie sind meist weniger stark ausgeprägt und die Symptome zeigen sich hauptsächlich körperlich. Im Gegensatz zu klassischen Depressionen kommt es eher zu Heißhungerattacken statt Appetitverlust und zu vermehrtem Schlaf statt Schlafstörungen. Doch allgemein zeigen sich auch Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Unausgeglichenheit, Gereiztheit, gedrückte Stimmung und die Vernachlässigung der eigenen Person und der sozialen Kontakte. Die schwächer ausgeprägte Form wird Winterblues genannt. Im Frühjahr verschwinden die Symptome von alleine wieder.

Ursachen

Eine für mich verständliche Erklärung fand ich auf netdoktor.at:
„Der Mangel an natürlichem Tageslicht, die verminderte Lichtintensität im Winter gemeinsam mit den kürzeren Tagen und den abfallenden Temperaturen gelten als Auslöser.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Neurotransmitter Serotonin am Mechanismus beteiligt ist, der zur Winterdepression führt. Diese Annahme gründet sich auf die Erfahrung, dass bestimmte Medikamente gegen Depressionen (SSRI = Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer), welche die Serotoninwirkung im Gehirn steigern, eine Winterdepression bessern können. Dem Gehirn fehlt Serotonin, und es versucht den Mangel auszugleichen. Eine unbändige Lust auf Süßes überkommt die Erkrankten. Zucker und einige Inhaltsstoffe von Schokolade helfen, den Gehirnzellen wieder mehr Serotonin zur Verfügung zu stellen.
Auch den Zusammenhang zwischen Tageslicht und Stimmungslage kann man mittlerweile erklären: An kurzen und dunklen Wintertagen trifft zu wenig Tageslicht auf die Netzhaut der Augen. Aufgrund einer Nervenverbindung der Netzhaut mit der Zirbeldrüse (Epiphyse) bekommt auch diese mit, dass es an Tageslicht fehlt. Sie reagiert mit einer ungebremsten Ausschüttung von Melatonin. Dieses Hormon ist unter anderem für die Aufrechterhaltung des Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich. Die Folge der übermäßigen Melatoninkonzentration im Gehirn: Die innere Uhr gerät außer Takt. Die Menschen werden müde, schlapp und die Laune sinkt.“

Ich möchte allerdings noch eine weitere Ursache ins Spiel bringen, die mit verschiedenen Auswirkungen einhergeht. Weil für jeden Menschen ganz eigene Faktoren dieser Ursache auf die Stimmung drücken, möchte ich das gar nicht weiter ausführen, sondern nur mit einem Wort erläutern, das jeder für sich selbst deuten kann: Corona.

Tipps für mehr Energie

So, haben wir die Fakten abgehakt, kommen wir aber nun zum wirklichen wichtigen Teil, nämlich der Frage „Was zur Hölle können wir gegen diesen Scheiss tun?!“.

Lichttherapie

Der meist genannte Tipp ist wohl die Lichttherapie. Logisch, denn immerhin ist der Mangel an Tageslicht ein Auslöser für die Winterdepression. Versuche also jede Sonnenminute zu nutzen und sei es nur, indem Du Dir den Lesesessel vors Fenster stellst. (Anmerkung: Höre auf Deine eigenen Tipps… ich bin direkt mal mit dem Laptop ans Fenster umgezogen.) Was aber tun, wenn die Wolkendecke undurchdringlich bleibt? Abhilfe kann dafür eine spezielle Lichttherapie-Lampe schaffen. Tageslichtlampen simulieren die Sonneneinstrahlung, um den Hormonhaushalt des Körpers und den Biorhythmus wieder auf Vordermann zu bringen. Für eine medizinische Wirkung sind mindestens 2.500 Lux Beleuchtungsstärke notwendig. Bei der Kaufentscheidung kann Dir vielleicht der Testbericht auf stern.de helfen.

Farbe

Farben wirken sich auf die menschliche Stimmung aus. Warum sie dann also nicht gezielt nutzen, um die Stimmung aufzuhellen? Besonders an grauen Tagen können Farbtupfer unsere Sinne anregen und der Stimmung helfen. Vor allem gelb und orange wirken aufhellend. Es wird also Zeit, die Wohnung mit einigen neuen Dekodetails zu verzieren oder sich vom nächsten Einkauf einen Tulpenstrauß mitzubringen.

Düfte

Und wenn wir schon bei der Anregung unserer Sinne sind, dann geht es auch gleich mit den Düften weiter, denn auch die wirken auf unsere Stimmung. Es wird Zeit für eine Aromatherapie. Die besten Düfte gegen Depressionen sind: Lavendel, Rosmarin, Orange, Bergamotte, Weihrauch, Kamille. Moment… ich muss mal eben das Ätherische Öl aus dem Schrank kramen.

Bewegung

Stopp! Kein Grund zur Panik. Ich hatte nicht vor, Dich zum Joggen zu schicken. Zugegeben, kaum eine Sportart würde mehr bringen, aber wir wollen uns nicht zu sehr unter Druck setzen, also lasst uns im Rahmen unseres aktuellen Energielevels starten. Wir wollen klein starten, die Ziele nicht zu hoch setzen, denn das führt nur wieder zu Frustration. Hier nun ein paar Anregungen:
– ein kleiner Spaziergang um den Block
– Qi Gong Video auf YouTube mitmachen (mein Geheimtipp: Qi Gong)
– Yoga Onlinekurse
– Fitnessprogramme am Fernseher
– Kleinigkeiten vom Supermarkt mit dem Rad besorgen

Frische Luft

Das lässt sich natürlich wunderbar mit Bewegung verbinden, aber auch ein kurzer Gang auf den Balkon oder einfach mal ordentlich durchlüften ist schon hilfreich.

Antidepressive Ernährung

Ich hatte schon lange vor, hierüber einen ausführlichen Beitrag zu bringen, doch das Thema ist weitreichend. Für heute also nur eine vereinfachte Kurzversion:
Happy Macher:
– Natürliche Fette
– Mehrfachzucker
– Mangold
– Bleichsellerie
– Omega-3-Fettsäuren
– Olivenöl
– Nüsse
– Vollkorn
– Hülsenfrüchte
Depressiv Macher:
– Einfachzucker
– Weizen (Gluten)
– künstliche Süßstoffe
– Konservierungsstoff
– Laktose
– Soja
– Alkohol

Soziale Kontakte

Eingeschränkt, natürlich. Doch auch in diesen Zeiten, oder jetzt erst recht, sind soziale Kontakte wichtig. Menschen, die uns gut tun und uns inspirieren, sind gold wert! Ein Telefonat am Abend mit einer guten Freundin lässt einen schon gut gelaunt ins Bett gehen. Was gibt es auch Schöneres, als gemeinsam zu lachen?

Stress vermeiden

Wenn die Energie ohnehin schon schwach ist, muss man nicht noch die letzten Reserven an Stress verlieren. Schau Dir Deinen Alltag an und überlege wie Du Druck, Stress und vielleicht auch Termine und to-dos entzerren kannst. Gönne Dir Entspannung.

Tagesstruktur

Wenn es Dir ohnehin schwerfällt, in die Gänge zu kommen, dann solltest Du Dich nicht durch den Tag treiben lassen. Besonders für freie Tage solltest Du Dir Pläne machen und den Tag strukturieren. Nur, siehe oben, lass es nicht in Stress ausarten…

Abwechslung

… und lasse in Deiner Planung noch Platz für Abwechslung. Wer immer nur das gleiche macht, lässt sein Gehirn und seine Sinne ermüden. Also los, lass sie uns mal wieder anregen und etwas Neues ausprobieren. Jaja, ich weiß, dass das in Zeiten von Corona ein wenig eingeschränkt ist, doch lass uns nutzen, was wir noch nutzen können. Auch hier einige Anregungen:
– neues Rezept ausprobieren
– ein Instrument lernen
– YouTube Tutorials nutzen
– einen Blog starten
– Kreativität ausleben (malen, basteln, werkeln.)
– eine neue Sportart ausprobieren (jaja, online)
– eine Sprache lernen

Akzeptanz

Zu guter Letzt, mein Lieblingstipp: Akzeptanz. Nein nein, ich will nicht, dass wir uns nun alle in unsere Depression hineinfallen lassen. Ich möchte vielmehr, dass wir aufhören, dagegen anzukämpfen. Kämpfen raubt Energie und löst negative Empfindungen aus. Lass uns einen positiven Blick auf die Depression werfen. Vielleicht möchte sie uns ja nur sagen, dass wir die kurzen dunklen Tage nutzen sollen, um zur Ruhe zu kommen, uns zu entspannen und etwas für uns zu tun. Vielleicht können wir die Depression als Chance sehen, den Blick mal wieder nach Innen zu richten und uns zu fragen, was wir brauchen. Sie ist nicht unser Feind, sondern unser Freund… dem man aber hin und wieder mal Grenzen setzen muss. 😉

Langsam dringen die Geräusche der Außenwelt in mein Bewusstsein. Tropf, tropf, tröööt, trööö. Ja, da war es wieder. Muskel für Muskel versuche ich meinen Oberkörper aufzurichten und den Kopf zu heben. Schmerzhaft melden sich die verspannten Muskeln. Mit all meinem müden Willen spreize ich die Finger und ziehe mir vorsichtig die Decke vom Kopf und schaue mich um. Trööööt, trööööt. Ich wende den Blick von der grauen Gartenansicht ab und blicke Richtung Treppe. Scheinbar hat mein kleiner Freund nur darauf gewartet und schon sehe ich eine fröhlich flatternde Nilgans auf mich zu hopsen. Kurz vor mir bleibt sie stehen und schüttelt sich kräftig. Ich muss lächeln, als ich die umherwirbelnden Tropfen sehe, die aus seinen Federn fliegen. Dann hopst er auf den Stuhl mir gegenüber, kuschelt sich aufs Kissen und blickt mich zufrieden an, scheinbar zufrieden, an diesem warmen, gemütlichen Ort zu sein.

5 Gedanken zu “Nasskalte Wintertage

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