Wenn Nähe Angst macht

Je mehr ich Dich mag, umso schwerer fällt es mir, nett zu Dir zu sein. Denn je mehr ich Dich mag, umso mehr schließe ich Dich in mein Herz, umso näher kommst Du mir. Kommst Stück für Stück hinter meine dicke Mauer. Doch die Nähe ist es, die mir Angst macht. Nähe macht verletzbar. Offen liegt dann meine rohe, geschundene Haut. Bemüht sie zu schützen, ziehe ich hastig Stacheldraht um mich herum. Verletzen wird er Dich nun, kommst Du mir zu nah. Verletzen wird er auch mich, so weisen die Stacheln doch nie nur in eine Richtung.

Warum ist das so? Warum fällt es mir so schwer, zu den Menschen, die mir am Herzen liegen, nett zu sein? Warum nur ertrage ich die Nähe nicht? Eine gute Freundin sagte letztens zu mir „Du bist ein sehr herzlicher und liebevoller Mensch, nur nicht bei denen, die Dir nah stehen“. Warum? Warum kann ich es da nicht? Da ist eine Schranke in mir, etwas, das mich zurückhält, dass mich nicht weitergehen lässt. Gefangen in meinen Verhaltensmustern stehe ich dann vor der Schranke und sehe mich selbst, wie ich mich wieder und wieder nicht so verhalte, wie es meinem Inneren gerecht werden würde. Es ist mein Schutzschild, was dann nach außen sichtbar wird, nicht aber mein wahres Empfinden. Was heißt es aber, wenn die Menschen immer nur meine Mauern und Schutzschilde sehen? Am Ende, sehen sie nie mich… Das macht mich traurig. Ich wünsche mir sehr, dass sie mich sehen würden. Nach allem, was ich dieses Jahr für mich erreicht habe, wünschte ich, sie würden den Menschen sehen, der nun hinter der Mauer sitzt. Doch trotz allem was ich erreicht habe, bleibt es noch immer hinter den Mauern verborgen.

Vor ein paar Wochen ging es mir nicht gut. Zu viel triggerte mich. Plötzlich hatten viele Dauersingles in meinem nahen Umfeld einen Partner und ich merkte plötzlich, wie weh es mir tut, dass ich das nicht kann. Mir erscheint es unvorstellbar, jemanden so nah an mich heran zu lassen. Das tat mir unglaublich weh und ich brauchte lange, um damit klar zu kommen. Doch ich fasste den Entschluss, mich damit auseinanderzusetzen. Es ist das letzte Zimmer meiner Psyche, das ich bisher nicht betreten habe, es nicht konnte. Hin und wieder habe ich es versucht, doch dann schrie das kleine Kind in mir auf, tobte, weinte, brüllte und schlug wild um sich. Das Zimmer ist tabu, auch für mich. Doch dieses Tabu kann und will ich nicht länger gelten lassen, denn es steht mir und einem freien Leben im Weg. Es verletzt mich immer und immer wieder und das will ich nicht länger zulassen. Die Frage, warum ich Nähe nicht ertragen kann, braucht eine Antwort. Nur dann, werde ich eine Lösung finden können, so meine Hoffnung. Falls es denn mit Mitte 30 noch möglich ist, Nähe zu lernen…

Nähe, was bedeutet das eigentlich? Für manche hat dieses Wort sicher etwas Warmes, etwas, das nach Geborgenheit klingt. Für mich, ist es ein kaltes, angsterfülltes Wort. Denke ich an Nähe, krampft sich in mir alles zusammen, mein Körper steht in Alarmbereitschaft. Es ist die gleiche Reaktion, die mein Körper auf Berührungen zeigt. Nähe bedeutet verletzt werden, Nähe bedeutet verlassen werden. Was Nähe bedeutet, lernen wir in der Kindheit. Ich wuchs mit einer ambivalenten Mutter auf, die mich mal mit Liebe und Nähe überschüttete, mich aber auch mich nächsten Moment wieder kalt abweisen konnte. Hinzu kam die Scheidung meiner Eltern, die mir im Alter von fünf Jahren zeigte, was es heißt, verlassen zu werden. Ab da an hatte ich einen abwesenden Vater, dem es schwerfiel Nähe zuzulassen. Was ich daraus gelernt habe, sind zwei Dinge: 1. Nähe führt zu Verletzungen, 2. Nähe führt zum Verlassenwerden. Beides Dinge, die heute noch zu meiner festen Überzeugung gehören. „Nähe ist verletzend“ und „ich werde ja sowieso verlassen“. Als ich die letzten Zeilen lese, wird mir klar, wie tief diese Überzeugungen in mir verankert sind. Wenn ich sie lese, nickt etwas in mir heftig zustimmend. Der Umkehrschluss ist logisch, „lass keine Nähe zu, dann wirst Du auch nicht verletzt und man kann Dich nicht verlassen“. Das stimmt auf eine gewisse Weise… wenn keiner da ist, kann auch keiner gehen. Ich sehe mein kleines inneres Kind allein auf einer Wiese sitzen. Es pflügt fröhlich Blumen und bindet Kränze daraus. Ein idyllisches Bild. Eine idyllische Momentaufnahme. Das Kind ist glücklich, für den Moment. Doch inzwischen kenne ich diese Welt und ich weiß, dass Situationen kommen werden, da braucht das Kind jemanden, der es in der Arm nimmt, der ihm hilft und es beschützt. Diese Momente werden wieder kommen und dann, das weiß ich, klammert sich das Kind schutzsuchend an einen Baum und schluchzt bitterlich zitternd vor sich hin. Dann wird es die selbstgewählte Einsamkeit verfluchen. Und weil ich das weiß, weil ich weitsichtiger bin als das Kind in mir, sehe ich mich in der Pflicht, etwas an der Situation zu ändern. Ich möchte nicht mehr zusehen, wie sich diese Szenen immer und immer wieder wiederholen. Ich möchte, dass das Kind lernt, dass niemand, wirklich niemand, der über die Brücke auf die Heile-Welt-Wiese kommt, diese heile Welt zerstören kann. Ja, es gibt Menschen und Situationen, die verwüsten und verletzen, doch es gibt auch die, die diese heile Welt noch schöner machen können… und die da sind, wenn ein Sturm aufzieht. Ich möchte, dass das Kind anfängt, die Zugbrücke herunter zu lassen. Ich möchte, dass das Kind nicht mehr alleine ist…. weil ich nicht mehr alleine sein möchte.

Es ist zwei Monate her, dass ich beschlossen habe, dieses Thema anzugehen. Fest vorgenommen habe ich es mir und ich bin entschlossen es durchzuziehen. Ob ich es alleine schaffen werde oder hierfür wieder professionelle Hilfe brauche, das wird sich zeigen. Doch ich will nicht locker lassen. Ich will es betreten, das letzte verschlossene Zimmer meiner Psyche.

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