Die Schafe flüchten im Sturm

Zurück zu mir

„Nicht alle Stürme kommen,
um Dein Leben zu erschüttern.
Manche kommen,
um Dir den Weg frei zu machen.“
~Unbekannt~

Inmitten meines Gartens, die Kapuze meines Regenmantels tief ins Gesicht gezogen, stehe ich da. Starr, jeder Muskel angespannt, die Beine fest in den Boden gestemmt, die Fäuste geballt. „Ha, das soll ein Sturm sein?! Der kann mir doch nichts!“ Entschlossen stapfe ich weiter durch den Schlamm, den Blick auf meine Füße gerichtet. Schritt für Schritt. Hauptsache weiter, nicht aufgeben. Doch beim nächsten Schritt, weigert sich mein rechter Arm mit zu kommen. Etwas zieht an meinem Ärmel. Verärgert wirble ich herum, mit mir eine Wasserfontäne, die vom Saum meines Mantels fliegt und sich in den tiefen Pfützen verliert. Vorsichtig luge ich unter der Kapuze hervor. Mein Blick wandert meinen Arm entlang und trifft auf das Geäst meiner Schwarzpappel. Verhangen habe ich mich dort. Hastig zerre ich an meinem Ärmel, doch die Zweige zerren zurück und der Ast der Pappel zittert in diesem Kampf. „Hör auf!“, brülle ich verärgert und löse mit einem Ruck meinen verhedderten Ärmel. Machtlos gegen das plötzlich fehlende Gegengewicht strauchle ich, taumle ein paar Schritte zurück und lande dann mit einem lauten Platscher in der Matsche. Meine festgezurrte Kapuze löst sich und rutscht mir über den Hinterkopf. Verwirrt schnaufend starre ich die Pappel an. Ruhig steht sie da, als wäre nichts gewesen. Kein Windhauch peitscht ihre Zweige, kein Regentropfen rinnt an ihr herab. Ich brauche ein wenig, um die Situation zu begreifen. So lange hielt der Sturm an, dass ich sein Ende nicht bemerkte. Hielt ich das Zittern meiner Muskeln für den Wind und den Schweiß auf meiner Haut für den Regen. Lachend rapple ich mich auf die Beine und schaue mich um. Gewütet hat der Sturm, ja, doch zerstört hat er nichts. Meine, von der Kapuze befreiten Ohren lauschen den Vögeln in den Baumkronen, bis sie auf ein vertrautes Blöken stoßen. Freudig wandert mein Blick zum Gartentor. Verschlossen finde ich es vor. Na wie sollen auch die Schafe hinein, wenn ich ihnen das Tor verschließe… Fröhlich patsche ich durch die Pfützen zum Tor, erwartungsvoll und etwas belustigt vom Dach meiner Terrasse aus beobachtet. Noch nie eine Nilgans lachen sehen?

Ende November. Erster Reif auf den Dächern. Einen Tag vor der ersten brennenden Kerze. Leise Vorfreude macht sich breit. Die Lichter in den Fenstern mehren sich. Die besinnliche Zeit beginnt. Besinnlich… Gutes Stichwort. Es wird Zeit, Zeit für mich. Die letzten zwei Monate haben mich eine Menge Energie gekostet. Körperlich, nervlich, emotional. Als wollte mich das Leben prüfen. Als wollte es prüfen, ob ich es in der ersten Hälfte des Jahres wirklich geschafft habe, zur Ruhe zu kommen, bei mir anzukommen. Der Sturm war stark und schlug mir immer wieder aus einer anderen Richtung ins Gesicht. Als säße ein Katastrophenfilmer in der Regie und jedes Mal wenn ich Luft holte um wieder durchzuatmen, schlug er mir das nächste Drama ins Gesicht. Und ich? Ich hielt verhältnismäßig lange durch, blieb stark und hielt dem Sturm stand. Doch dann fing der Sturm an, an meinen Nerven zu ziehen und an meinem Körper. Ich versuchte weiter zu machen, kämpfte mich weiter durch den Sturm. Bis ich nur noch heulen konnte, nicht mehr weiter wusste und auch nicht mehr wusste, woher ich noch Energie nehmen sollte. Jede Kleinigkeit zerriss mir die Nerven und zwang mich in die Knie. Die Folge war eine depressive Phase, böse Gedanken. Und ich? Ich kämpfte weiter. Den Fokus verloren, nicht mehr bei mir, nicht mehr in Ruhe. Aber weiter. Ich stand auf. Jeden Tag. Was also ist die Geschichte meiner letzten Wochen? Ein Katastrophenfilm? Die Geschichte einer ewigen Verliererin? Oder eine Heldengeschichte? Vielleicht kommt es auf den Blickwinkel an. Ja, da kam eine Menge auf einmal und es kostete mich viel, emotional, körperlich, finanziell, bis hin zu Erschöpfung und zur Existenzangst. Aber… ich habe nicht aufgegeben. Ich bin noch immer hier. Ich habe alles durchgezogen, habe mich nicht von meinem Weg abbringen lassen. Ja, ich habe meinen Fokus verloren, meine Ruhe, meine innere Mitte, aber all das ist in mir und jetzt wird es Zeit, das wieder auszugraben.

Den Anstoß gab mir gestern ein Mensch, den ich sehr gern habe. Es war ein kurzer Moment, der mich einen Blick durch seine Augen auf mich erhaschen lies. Und plötzlich löste sich ein Knoten in mir, die Last fiel von mir ab und die Leichtigkeit kehrte zurück. Ich spürte die Ruhe und die Liebe wieder in mir. Ich sonnte mich in diesem Moment, in diesem Gefühl und spürte mich selbst wieder. Ich bin noch da! All meine Arbeit in der ersten Jahreshälfte war nicht umsonst. Die Früchte dieser Arbeit sind in mir und ich kann sie noch immer ernten. Es wird Zeit, sie wieder zu pflegen.

Was also, habe ich in den letzten Monaten vernachlässigt? Wofür möchte ich mir wieder Zeit nehmen? Was brauche ich jetzt?

  • Zeit für mich
    Zeit um zur Ruhe zu kommen, um Zwiesprache mit mir zu halten
  • Kochen anstatt Fertigessen
    Ja, war während der Renovierung sinnvoll, aber jetzt wird es wieder Zeit für eine liebevolle Ernährung.
  • den Fokus behalten
    Fokus bei mir, Fokus in den positiven Dingen
  • bewusste Kommunikation
    Mir wieder Zeit nehmen, über meine Antworten und Reaktionen nachzudenken. Klarheit in Beziehungen zu bringen, auch liebevoll aber bestimmt Grenzen setzen.
  • Struktur
    Zeit für Qi Gong, Meditation, Spaziergänge, auch für meine to do´s

Na das klingt doch nach einem klaren Plan. Und es ist wieder ein Grund, stolz auf mich zu sein und mich darin zu bestätigen, dass meine Arbeit dieses Jahr wertvoll war. Denn ich weiß, was ich brauche und was mir gut tut. Ich muss nicht auf die Suche nach Hilfe oder nach Inspiration gehen. Das Wissen ist bereits in mir. Ich kenne mich. Ich bin mir nah.
Also, auf geht´s! Aber langsam bitte, nicht alles auf einmal, kleine Schritte.

Struktur

Wenn ich mir all die Punkte ansehe, dann fällt mir besonders das Thema Struktur ins Auge. Denn ich glaube, dass sie der Schlüssel zu den anderen Themen ist. Mir hat Struktur schon immer Halt gegeben. Ich mag es, meine Woche zu planen und mir feste Zeiten für meine to do´s und Pläne zu machen. Es hilft mir auch, mir wirklich Zeit für das zu nehmen, was mir wichtig ist. Die ersten Ideen, wie ich diese Struktur dann auch wirklich umsetzen kann, ploppen schon in meinem Kopf auf. Da muss doch in meinem Keller noch eine kleine Magnettafel liegen… Ich möchte mir meine Pläne und Aufgaben immer wieder vors Auge führen und das klappt besser, wenn ich diese irgendwo sichtbar aufhänge, anstatt sie in meinem zugeklappten Kalender niederzuschreiben.

to do
Magnettafel aus dem Keller holen
und einen geeigneten Platz suchen

Zeit für mich

Der erste Punkt, der Platz in meiner neuen Struktur finden soll. Eigentlich fallen auch hier alle anderen Punkte drunter. Ich nehme mir Zeit für liebevolle Ernährung, Qi Gong, Meditation, Spaziergänge, lesen und in der Zwiesprache übe ich mich ebenfalls in bewusster Kommunikation und fokussiere mich auf das, was mir wichtig ist. So hängen doch all die Dinge, die mir fehlen, eng zusammen. In einem Satz lässt sich sagen, dass ich mir in den letzten Wochen keine Zeit für mich genommen habe. Was würde in einer Partnerschaft passieren, wenn wir unseren Partner vernachlässigen? Ja, die Beziehung wird darunter leiden. Genau das ist mir mit mir selbst nun passiert. Ich spüre nicht mehr die Liebe zu mir selbst und ich vermisse mich.

to do
feste Zeiten für mich einplanen
Qi Gong
Meditation
Spaziergänge
Kochen & Essen

Fokus

Auch hier gehören für mich wieder viele Dinge zusammen. Den Fokus finden und beibehalten kann ich nur, wenn ich mir Zeit für mich nehme. Um den Fokus zu halten, ist bewusste Kommunikation ein wichtiges Mittel. Was aber genau, ist mein Fokus? Was ist mir wichtig? Mein höchstes Ziel ist meine innere Ruhe. Demnach wäre mir wichtig, den Fokus auf das zu legen, was mir gut tut, anstatt auf das, was mich aus der Ruhe bringt. Z.B. der nervigen Kollegin nicht mehr so viel Platz einräumen und ihr durch bewusste Kommunikation Grenzen setzen. Das bedeutet aber auch, mich von Freunden nicht immer wieder in die gleichen Gespräche ziehen zu lassen, deren Themen mich aus der Ruhe bringen. Generell möchte ich meinen Blick wieder mehr auf das Positive richten und mich bei meinen Entscheidungen und meinem Verhalten auf das für mich Wichtige fokussieren und wieder weniger auf die Außenwirkung. Einfach den Blick mehr nach Innen richten.

to do
Zwiesprache nutzen um den Fokus zu justieren
im Alltag innehalten, durchatmen, den Fokus richten

Bewusste Kommunikation

Es gibt momentan so einige Situationen, in denen ich nicht weiß, wie ich Grenzen setzen soll. Bitte auch möglichst ohne den anderen dabei zu verletzen. Auch Situationen, in denen es mir schwerfällt, meine Meinung zu vertreten. Aber auch viele Situationen, in denen ich einfach nur rede um meine Unsicherheiten und Verletzlichkeiten zu überdecken. Alles Momente, die ich gerne anders bestehen möchte. Zeit also auch diese Situationen zu durchdenken, um mir Lösungen zurecht zu legen.

to do
Beziehungsanalyse
Situationsanalysen

Liebevolle Ernährung

Nach zwei Monaten Pizza und Nudeln wird es Zeit, meinen gähnend leeren Kühlschrank wieder mit Liebe zu füllen. Aller Anfang ist schwer, das weiß ich, daher möchte ich ganz langsam wieder von praktisch zu liebevoll fließen. Heute und morgen habe ich frei. Eine gute Gelegenheit, um sich mal wieder Zeit für das Kochen zu nehmen.

to do
Einkaufen
Essen für die freien Tage planen

Es wird Zeit, die Schafe im Garten weiden und die Nilgans im Schaukelstuhl schlummern zu lassen…

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