Das versteckte Gefühl der Einsamkeit

Psychocrash… nackte Emotionen… Verletzlichkeit… jegliche Fassade fällt.
Laut schluchzend stehe ich inmitten meiner Küche. Ich weiß nicht weiter, weiß nicht, wie ich das alleine schaffen soll. Blicke mich um. Alleine. Ich bin alleine. Dann blicke ich zurück zur Wand. Nass. Ich wanke zurück ins Schlafzimmer und starre dort auf die Wand. Nass. Die Verzweiflung zwingt mich in die Knie. Fast schon schreiend bricht all der Kummer der letzten Wochen aus mir heraus. Ich heule und kann nicht aufhören zu heulen. Wie soll ich das alleine stemmen… Alleine. Immer alleine. Ich versuche mich zu beruhigen und greife zu meinem Handy. Irgendjemand muss mir jetzt helfen. Ich bin überfordert. Ich, die sonst so starke Biene. Die, die so viel alleine macht, die bei den Nachbarn hilft wenn Not am Mann ist, die, die seit sie 17 ist auf eigenen Beinen steht… mehr oder weniger. Und doch, die, die gelernt hat, dass sie stark sein muss, dass ihre Emotionen und Schwächen nicht gewünscht sind. Stark sein. Das habe ich gelernt. Ich muss stark sein. Keine Schwäche zeigen, ergo, nicht um Hilfe bitten. Ich bin stark, ich kann das alleine. Ich kann alles alleine. Doch jetzt, hocke ich wie ein Häufchen Elend auf dem Boden. Ich ziehe den Schnodder herunter und wische mir die Tränen aus den Augen. Tief durchatmen. Ich reiße mich zusammen. Dann greife ich noch mal nach meinem Handy. Mein Bruder geht sofort ran. Ich entschuldige mich erstmal, will ihn nicht stören. Sage, dass ich weiß, dass er wenig Zeit hat, aber dass ich dringend Hilfe brauche, weil ich selbst nicht weiter weiß. Kurzum, er hat keine Zeit. Die Kinder. Er könnte morgen vielleicht kommen. Morgen… Alleingelassen sinke ich zurück auf den Boden. Ich kann nicht alleine bleiben, ich brauche Hilfe. Ich lasse meinen Schluchzern freien Lauf und rufe die Nachbarin an. Die ist zwar handwerklich nicht begabt, aber einen Handwerker brauche ich vielleicht erst an zweiter Stelle. Sie kommt sofort. Dabei wollte sie noch packen und Wäsche machen. Urlaubsvorfreude eben. Gemeinsam starren wir nun auf die beidseits nasse Wand. Sie hat eine Idee. Sie hat einen kühlen Kopf. Den habe ich soeben verloren. Ich bin kopflos. Ich brauche Hilfe. Jemanden, der mich tröstet, der mir Halt gibt, der einen kühlen Kopf bewahrt und weiß was zu tun ist. Jemanden, der handeln kann. Ich bin gerade handlungsunfähig. Meine Emotionen haben mich überwältigt, lähmen mich und vernebeln mir den Blick. Die Überforderung lässt mich keinen klaren Gedanken fassen. Die Nachbarin kümmert sich. Tut, macht, organisiert. Die nächsten Stunden laufe ich nur hinterher, überlasse ihr das Feld.
Emotional kommt gerade einiges hoch. So ein Psychocrash kommt nicht allein von einer Situation, er baut sich auf. Bei mir tat er das seit drei Wochen und er gipfelte in meinem Wasserschaden. Denn er ließ mich schonungslos das spüren, was mir viele Situationen in den letzten Wochen immer wieder gezeigt haben. Ich bin allein. Ganz allein. Seit ich 17 bin, lebe ich alleine. Das ist mein halbes Leben. Seitdem stehe ich mit meinen Sorgen und all meinen Aufgaben immer erst alleine da. Seit ich 17 bin? Nein… eigentlich war es auch davor schon so. Ich hatte nicht die Eltern, die sich mit dem Kind an den Tisch setzen und über die Zukunft nachdenken, die dem Kind, wenn es auszieht, helfen die Wohnung einzurichten oder dem Kind sagen, was es jetzt alles regeln muss (Konto, GEZ, Versicherungen, Ummeldung, Strom…) und das alles von sich aus. Meist war ich mit meinen Sorgen und Aufgaben allein. Und heute? Frage ich kaum, ob mir jemand helfen kann. Die haben doch alle sowieso keine Zeit. Die haben ihre eigenen Sorgen und Aufgaben. Und ich? Ich bleibe allein zurück. Klar, selber Schuld. Ich hätte mir ja einen Partner suchen, mit ihm zusammenziehen können. Dann wäre ich nicht allein. Ja… wenn das alles so ohne weiteres machbar ist, mit einer angeknacksten Psyche. Also, stehe ich hier alleine. Zu oft schon, hörte ich „ich kann jetzt nicht… ich hab keine Zeit“. Also frage ich nicht mehr. Nein, es ist nicht so, dass ich nie Hilfe bekomme, aber es gibt Momente, da braucht man eine haltende Unterstützung, da braucht man jemanden, der das Ruder übernimmt, der weiß, was zu tun ist und einem damit Sicherheit und Halt gibt.
Ich heule die nächsten Stunden immer und immer wieder. Nur im Baumarkt kann ich mich kurz zusammenreißen. Die Nachbarin fährt. Kann ich in dem Zustand ja kaum. Ich lasse sie machen. Erlaube mir, schwach zu sein und die Führung abzugeben. Naja, erlauben… ich habe keine Wahl, ich habe keine Kontrolle mehr. Wenn man meine Freunde, Bekannten und Kollegen fragt, was sie an mir bewundern, dann ist es meine Stärke, meine Selbstständigkeit, dass ich alles alleine regle… Ja, aber hatte ich je eine Wahl? Ich musste stark sein, musste mit meinen Problemen meist alleine klar kommen. Doch manchmal, ist das eine Last. Manchmal ist das Alleinsein kein schönes Gefühl. Manchmal… wenn plötzlich die Wände nass sind, hätte ich gern eine Schulter zum Anlehnen, jemanden, der die Sorgen und Aufgaben mitträgt. Nicht immer alles alleine stemmen, entscheiden und durchfühlen müssen.
Oft hat mir das Leben in den letzten Wochen gezeigt, dass ich mich alleine fühle. Doch ich habe nicht darauf gehört. Nicht, als Er wieder in mein Leben trat und mir wieder zeigte, dass ich Nähe nicht zulassen kann. Nicht, als mir innerhalb kürzester Zeit 4 (!) meiner Dauersingle-Freunde sagten, dass sie jetzt jemanden haben. Nicht, als meine Katze plötzlich schwer krank wurde und ich mit der Angst und mit der Katze im Arm alleine auf der Couch saß. Ich hörte nicht darauf. Ließ das Gefühl nicht zu. Nahm Ängste wahr, auch Wut… auf mich. Doch dieses Gefühl, dieses Alleinsein, das kam nicht an die Oberfläche. Dachte sich das Leben wohl, dass ich mal ne heftigere Erschütterung brauche. Und schwupps, waren meine Wände nass. Da brach alles aus mir heraus. Alleinsein. Nein, nicht dieses wohltuende „Zeit mit sich verbringen“, sondern diese dunkle, schwere Einsamkeit. Und mit ihr kommt all das hoch, was damit zusammenhängt:

  • Stark sein müssen
    alles alleine schaffen
  • keine Schwäche zeigen
    nicht heulen
    nicht zugeben, dass man alleine nicht klar kommt
    keinen Rat annehmen
  • Perfektionismus
    alles alleine können, alles perfekt machen, keine Fehler, keine Schwächen zugeben
  • keinen an mich heranlassen
    derjenige könnte ja sehen, dass ich nicht perfekt bin
  • nicht um Hilfe bitten
    Angst, dass die Hilfe abgelehnt wird und die Einsamkeit wie ein Schlag in die Magengrube zurückschlägt
    ich bin es nicht wert, dass sich jemand Zeit für mich nimmt
  • Eifersucht
    auf die, die nicht alleine sind
    die, deren Eltern sich kümmern, egal wie alt sie sind
    die, die einen Partner haben, der das Leben mitträgt
  • Verachtung
    für die, die ständig um Hilfe bitten, die nicht erst versuchen, sich selbst durchzuschlagen

Eine Stimme in mir weigert sich, zu sagen, dass meine Eltern sich nicht kümmern. Das ist so pauschal auch nicht wahr. Aber… meine Mutter ist selbst dauerhaft mit dem Leben überfordert. Es entstehen Gespräche wie:
Ich erzähle von meinem Wasserschaden und davon, dass ich renovieren muss. Sie fragt, wer mir dabei hilft. Ich sage „niemand“. Sie wünscht mir noch ein schönes Wochenende. Noch Fragen? Solche Gespräche kenne ich seit meiner Kindheit. Sie blockt ab. Wahrscheinlich aufgrund eigener Überforderung. Besonders bei emotionalen Problemen, hat sie mich mit dieser Art oft auflaufen lassen. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich heulend abends nach Hause kam. Sie saß auf der Couch und schaute sich einen Film an. Wahr wohl sauer, weil ich so spät kam. Sie ignorierte mich. Als ich schluchzend auf der Couch saß, kam nur ein „pssst“. Also ging ich in mein Zimmer. Allein. Allein mit meiner Angst, meinem Schock. In der Bahn war ein Typ, der belästigte mich und keiner griff ein. Allein. Er folgte mir als ich ausstieg. Allein. Ein Gefühl, das mich seit meiner Kindheit verfolgt. Damals, bei meinem Vater, als wir alle zwei Wochenenden dort waren, war ich allein. Er hatte wenig Zeit. Ich musste leise sein, sollte nicht so viel fernsehen, nicht so viel essen, nicht so viele Emotionen haben… Allein in meinem Zimmer. Allein. Friss oder stirb. Entweder lernte ich also, mit meinen Problemen alleine klar zu kommen oder ich ging vor die Hunde. Bedrohlich wirkt es heute auf mich, wenn ich etwas nicht alleine schaffe. Ich reagiere beleidigt, gar wütend wenn mir jemand Hilfe anbietet, unterstellt er mir doch, ich könne das nicht alleine. Ich hasse das! ich bin doch stark! Ich kann alles alleine! Und erst recht, brauche ich keinen Mann! Ich bin diejenige, die anderen hilft, aber ich selbst, ich brauche doch keine Hilfe!

Und, liebes Leben, was hast du jetzt davon, dass all das aus mir herausgebrochen ist?

3 Gedanken zu “Das versteckte Gefühl der Einsamkeit

  1. Ich wünsche dir ganz viel Kraft Sabine … auch das geht vorüber … Kämpfe nicht dagegen so wie früher immer sondern lass es zu … Ich kenne das sehr sehr gut, wenn sich sowas anbahnt … da ist Wut und Schmerz und Traurigkeit … Wut auf mich dass ich es nicht hinbekomme und nicht perfekt bin … Schmerz dass ich so wie du immer auf mich alleine gestellt war … Aber weißt du wann der Knoten geplatzt ist? Als ich mir gesagt habe dass ich gerade nicht mehr weiter weiß … überfordert bin … Unterstützung brauche … einfach nur diese Sätze auszusprechen hat bei mir einen Berg an Gefühlen freigesetzt Dienste ein reinigender Sturm waren … ich kann mich immer noch schwer in diesen Momenten zeigen, weil die Scham zu groß ist mich verletzlich zu zeigen … umso besser find ich es, dass du das konntest, das ist super. Ich bin etwas neidisch 😌 Sabine das Thema ist: Schwäche zeigen zu dürfen … Verletzlichkeit zeigen zu dürfen … Bedürfnisse wahrzunehmen … Für Bedürfnisse einsetzen … Also bei mir, aber ich glaube das könnte bei dir auch ganz gut sein 😉 Wünsche dir einen schönen Sonntag! LG Julian

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  2. Liebe Sabine, wie schön, dass du so mutig bist, hier dein Herz auszuschütten. Vieles erinnert mich an meine eigene Vergangenheit und daher möchte ich dir gerne schreiben. Wir sind immer alleine. Auch wenn wir mit jemandem zusammen sind, sind wir allein mit unseren Gefühlen und Gedanken. Niemals können wir vor ihnen davonlaufen. Wir nehmen sie überall mit hin. Auch in eine Beziehung. Wenn wir Kinder haben, übertragen wir unsere Schmerzen und Einsamkeit an diese weiter. Wenn ich deinen Beitrag lese denke ich, wie schön das eigentlich ist, wenn man an diesen Punkt endlich angekommen ist und das begreift.
    Wenn erkannt wird, dass sich alles immer wiederholt, weil man den alten Gedankenbalast, in Form von Erinnerung mit sich herumträgt. In solchen Momenten in der Stille sitzen und meditieren ist das beste, was man machen kann. Genau auf diese Schmerzen schauen. Wo kommt das her? Was ist jetzt gerade hier? Wer bin ich?
    Wenn du dir das ganz genau anschaust, wirst du es verstehen und es wird sich alles auflösen. So erreichst du eine Liebe, die von niemandem abhängig ist. Die immer da ist, da du diese Liebe selbst bist. Ich sende ganz liebe Grüße, Monika

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    • Liebe Monika,
      ich verstehe zwar was Du meinst, aber es ging mir nicht darum, mit meinem Schmerz nicht alleine sein zu wollen. Dass nur ich es bin, die mich selbst heilen, das weiß ich längst. Dafür ist auch dieser Blog da. Nur manchmal hätte ich gerne eine Schulter zum Anlehnen, jemanden, der mich mal festhält, der die Alltagssorgen mit mir teilt. Wenn man das nie hatte, dann tut das weh. Es ist anstrengend, immer alles alleine regeln zu müssen.
      Liebe Grüße,
      Biene

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