Ein Windstoß und die Arbeit war umsonst…?

Nachsichtiger Umgang mit Rückfällen

„Eine Handvoll Blätter,
machen noch keinen Herbst aus.“
~Sabine Gärtner~

Heulend sitze ich mitten auf meinem Rasen, das Gesicht tief in den Händen vergraben. Das darf doch alles nicht wahr sein! So viel Arbeit und nun soll alles umsonst gewesen sein? Vorsichtig schaue ich zwischen meinen Fingern durch. Doch, da liegen sie: Blätter! In mitten meines Rasens. Das muss der Herbstbeginn sein! Bald wird es stürmen, in Strömen regnen, der ganze Garten wird verwüstet sein!!! Vor meinem inneren Auge ziehen bereits Stürme auf. Stürme, die all meine Arbeit wieder zunichtemachen. Wofür dann das alles? Was habe ich erreicht, wenn es nach einem Sturm wieder alles zerstört sein wird? Ich will das einfach nicht sehen. Schnell springe ich auf und hechte die Stufen zu meiner Veranda hoch. Dort angekommen, verkrieche ich mich ganz tief unter meiner Decke.

Nachsicht…. Ich versuche dieses Wort zu greifen, versuche es mit Bildern zu füllen. Schweigend starre ich auf meinem Bildschirm. In mir rührt sich nichts, nur der Schmerz meines steifen Nackens. Was bedeutet Nachsicht? Laut Duden, ist Nachsicht ein…

„verzeihendes Verständnis für die Unvollkommenheiten,
Schwächen von jemandem, einer Sache“.

Verzeihen. Verständnis. Unvollkommenheit. Schwäche.
Ich bewerte die Worte sofort. Zwei positive und zwei negative Worte… und schimpfe mich dafür. Immer diese Bewertungen! Die Unvollkommenheit bringt doch erst wahre Schönheit hervor und die Schwäche hat etwas Sympathisches. „Eine Schwäche für jemanden haben“, das hat nichts Negatives. Dumm von mir. Und da ist es wieder, meine fehlende Nachsicht… mit mir selbst! Und genau das, ist momentan mein Problem. Ich habe mich verändert, habe unfassbar viel erreicht in diesem Jahr. Und dann kommen da Situationen, in denen ich in alte Muster verfalle. Anstrengend genug. Doch wirklich anstrengend wird es erst, weil ich mich danach ausschimpfe. Ich bin verärgert und will alles hinschmeißen. „Hat doch alles keinen Zweck, hat alles nichts gebracht“, schimpft eine trotzige Stimme in mir. Ich bin hart zu mir und oft auch zu anderen. Nachsicht… nicht gerade eine meiner Stärken. Zu hoch mein Anspruch, zu engstirnig meine Wertevorstellungen. Ich kann nicht aus meiner Haut. Ich habe gelernt, dass ich perfekt sein muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Perfekt… nein, das bin ich längst nicht mehr. Na okay, das war ich nie und auch sonst kann das niemand für sich beanspruchen. Doch was ich meine ist, dass ich aufgehört habe, perfekt sein zu wollen. Also doch ein wenig Nachsichtigkeit? Ja, vielleicht. Vielleicht bin ich inzwischen nachsichtiger mit mir selbst. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Ja, ich bin heute verärgert, weil ich in alte Muster zurückfalle. Doch wenn ich mich in Situationen von vor zehn Jahren zurückdenke, da wäre dieser Ärger in blanken Hass gegen mich selbst umgeschlagen. Was ich heute an Verärgerung spüre, ist eine sanfte Welle, ein letztes Überbleibsel eines einst herrschenden, alles zerstörenden Tsunami. Ja, ich sollte mich in solchen Momente öfter an das erinnern, was war, um zu erkennen, was ich geschafft habe. Mir selbst verzeihen, wenn ich in alte Muster verfalle. Verständnis für mich aufbringen… mich verstehen.

Mich verstehen, gutes Stichwort. Was sind das für Situationen, in denen ich in alte Muster zurückfalle? Zwei waren es in den letzten Wochen. Eine Situation war ein Treffen mit meiner Familie, die andere das nun ständige Aufeinandertreffen mit dem Mann, den ich halt ein bisschen mehr mag. Also mit Menschen, die ich schon eine Weile, oder gar mein ganzes Leben kenne. Menschen, die in mir große Emotionen auslösen und mit denen ich zwangsläufig festgefahrene Verhaltensmuster verbinde. Und da erwarte ich wirklich von mir, dass ich diese Verhaltensmuster nach einem halben Jahr Retreat alle auflösen konnte? Was sich geändert hat, ist meine Einstellung, meine Herangehensweise. Doch um das Umzusetzen, bedarf es Übung. Wenn ich z.B. keinen Salto kann, ihn aber unbedingt lernen möchte, dann kann ich mir dazu Beschreibungen anlesen, Videos ansehen oder es mir von Menschen erklären lassen, die bereits einen Salto beherrschen. Ich kann mir das so sehr verinnerlichen, dass ich es vor meinem geistigen Auge in perfektem Ablauf sehe. Dann stehe ich auf der Matte… und falle. Alles umsonst? Oder will vielleicht nun nur das Gelernte auch in der Praxis geübt werden?

Während ich mich so in meinem Schaukelstuhl, tief unter meiner Decke, vor und zurück wiege, erklingt ein helles Bellen. Ich horche auf. Da kommt es wieder. Bestimmt ein Hund auf der Straße… doch dann klingt es näher. Neugierig richte ich mich auf. Blättern rascheln und dann wieder das Gebell. Was ist denn da los? Die Decke um meine Schultern gewickelt erhebe ich mich langsam und werfe einen neugierigen Blick über die Verandabrüstung. Erstaunt blicke ich auf die Szene, die sich mir darbietet. Kurz schließe ich die Augen, als ich sie wieder öffne, bin ich mir sicher, dass das Bild verschwunden ist. Doch begleitet mit einem Bellen, zeigt sich mir der gleiche Anblick. Ich muss lachen. Da tobt doch tatsächlich ein junger Fuchs durch meinen Garten. Er tollt durch die Blätter, wirbelt sie auf, nur um sie dann anzubellen und schmeißt sich dann wieder in den Blätterhaufen. Er hört mein Lachen und blickt auf. Beide blicken wir uns an. Da hüpft er hoch und huscht schnell unter einen Busch. Mein Blick folgt seinem Weg, bis auch seine Schwanzspitze unter dem üppig grünen Busch verschwunden ist. Üppig grün? Der ist doch niemals grün im Herbst! Ich schaue die anderen Büsche und Bäume an. Nein, alle grün. Dann blicke auf den Rasen, lasse meinen Blick umherschweifen und muss wieder lachen. Ernsthaft?! Wegen einer Handvoll Blätter habe ich einen Sturm heraufbeschworen? Noch immer lachend hopse ich Richtung Gartenhaus um mir einen Rechen zu holen.

Ich stehe vor meinen ersten größeren Herausforderungen nach meinem Retreat… und will schon alles hinschmeiße. Na herzlichen Glückwunsch. Ich lache mich selbst aus… herzlich. Selbst meine Katze grinst mich gerade an. Auf eine entspannte Art… mit einem Blick voller Liebe. Na was die mir alles nachsieht und mich trotzdem so liebevoll ansieht… Manchmal wünschte ich, sie könnte sprechen. Dann würde sie mir vielleicht das Geheimnis ihrer bedingungslosen, nachsichtigen Liebe verraten.

Was brauche ich nun an Werkzeugen? Was möchte ich hier umsetzen können?

  • Ich wünsche mir, entspannt zu bleiben. Bei mir zu bleiben und mich nicht zu sehr ins Außen zu lehnen.
  • Ich wünsche mir, in Liebe zu handeln und zu sprechen.
  • Ich wünsche mir, liebevoll mit mir selbst umzugehen, wenn ich es nicht schaffe.

Die Situationen haben mich dazu gebracht, mich zu weit vor zu lehnen. Ich habe meinen Fokus verloren. War nicht bei mir, sondern zu sehr im Außen. Habe Erwartungen in die Situation gepackt und auch an die Menschen gestellt. Achja, auch an mich. Ich habe erwartet, dass ich in Situationen, die mich emotional sehr bewegen, Nervosität in mir auslösen und in denen ich bisher ein festgefahrenes Verhaltensmuster gezeigt habe, ruhig und gelassen dazusitzen, liebevoll zu lächeln, in mir selbst zu ruhen und den Menschen mit Liebe zu begegnen. Ahja. Sonst noch was? Ich sehe ein, das war zu viel. Zudem habe ich erwartet, dass auch mein Gegenüber anders auf mich reagiert, mich mit anderen Augen sieht, meine Veränderung wahrnimmt und positiv darauf reagiert. Erwartungen über Erwartungen. Klar. Ich habe ja auch erwartet, dass ich nach der Salto-Theorie beim ersten Versuch direkt einen Job im Zirkus angeboten bekomme. Der Vergleich hilft, ich muss schmunzeln. Man Biene, was hast du die Situationen wieder aufgeblasen!

Schön und gut, Fehler erkannt. Und was jetzt? Übung macht den Meister. Ich weiß, dass ich den Situationen nicht aus dem Weg gehen kann… geht ja auch teilweise gar nicht. Nur sollte ich meine Erwartungen runterschrauben, kleine Schritte machen… und dann war da ja noch das mit der Nachsicht. Nachsicht… das Wort hat nun eine Bedeutung für mich bekommen. Wenn ich jetzt in mich hineinhorche, spüre ich bei dem Wort Liebe. Nachsicht ist der liebevolle Umgang mit anderen und mit mir selbst.

Was kann ich also tun?

  • Planung
    Mir vorher überlegen, was ich für mich erreichen möchte. Wie möchte ich mich verhalten? Wie möchte ich mich fühlen? Was ist für mich wichtig, dass ich mich in der Situation wohlfühlen kann?
  • Atmen
    Bewusst und tief dreimal ein- und ausatmen, das beruhigt.
  • Erwartungsfrei
    Keine Erwartungen an die Situation oder die andere Person stellen.
    Nicht auf Reaktionen warten.
  • Bei mir bleiben
    Den Fokus bei mir behalten, auf meine Gefühle und Reaktionen achten.
  • Kleine Schritte
    Nicht alles auf einmal wollen.
  • Üben, üben, üben
    Und das nicht nur an den Situationen, sondern jeden Tag in meinem Alltag kann ich an kleineren Situationen üben, kann ich mich darauf vorbereiten.
  • Nachsicht
    Hat es nicht geklappt:
    • Woran hat es gelegen?
    • Was habe ich vergessen? Fokus verloren? Erwartungen zu hoch? Zu viel auf einmal gewollt?
    • Was will ich nächstes Mal besser machen? —> In kleinen Schritten denken!
    • Mich daran erinnern, was ich schon alles geschafft habe und damit meine eigene Heldengeschichte schreiben.
  • Feiern
    Erfolge feiern, wenn es geklappt hat. Jeden einzelnen, kleinen Schritt!
  • Ausgleich
    Es bleibt weiterhin für mich wichtig, dass ich meinen Alltag so gestalte, dass ich mich wohlfühle. Einige Punkte sind mir wichtig, damit ich mein Gleichgewicht behalte und entspannt und energievoll bin:
    • tägliche Zeit für mich
    • regelmäßige Zeit in der Natur (am liebsten Barfußspaziergänge)
    • Yoga, Qi-Gong und Meditation
    • meinen Rhythmus leben
    • bewusste Ernährung

Na das klingt doch alles gar nicht so blöd. Ich weiß ja, wie es geht… trotzdem klappt der Salto eben nicht beim ersten Mal. Üben, üben, üben….

4 Gedanken zu “Ein Windstoß und die Arbeit war umsonst…?

  1. Liebe Sabine. Der letzte Satz deines Posts ist wohl mit der wichtigste. Ich bin mir sicher, dass du das weißt, dennoch möchte ich dich darin noch einmal bestärken. Üben, üben, üben. Egal, wie oft man denkt man macht Rückschritte oder gar keine Fortschritte. Wir müssen es alles erst üben. Das Verstehen legt nur den Grundstein. Und dann beginnt die nächste „Arbeit“. Und die lohnt sich. Das weißt du sicherlich auch. Halte durch und erinnere dich dran, wie stark du bist. Aber auch, dass du es nicht sein *musst*, Schwäche zeigen ist okay und notwendig.
    ☀️

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s