Vielleicht musste ich mich erst verlieren, um mich zu finden

Ich schaue zurück. Sechs Monate sind inzwischen vergangen. Zerrissen und verloren fand ich mich am Boden liegend. Erschöpft, leer und so schmerzhaft weit von mir entfernt, dass ich mich selbst nicht mehr erkannte. Wer war dieser Mensch dort im Spiegel? In meinem Herzen spürte ich eine klaffende Wunde. Unstillbar brannte sich dort eine Sehnsucht ein, die zu verstehen ich nicht im Stande war. Ich war leer und ausgebrannt. Mein Ich lag in tausend Scherben vor mir am Boden. Ich erinnere mich an ein Gedicht, dass ich vor über zehn Jahren geschrieben habe. Auch dort stand, dass ich in tausend Scherben zerfallen wäre, dass die Leute an mir vorübergingen und ich mir nichts mehr wünschte, als dass mich einer von ihnen aufsammeln und wieder zusammensetzen würde. „Aber das geht doch nicht! Einen zerbrochenen Spiegel kann man doch nicht reparieren!“, schimpfte meine Freundin, eine Literaturprofessorin, damals. „Doch!“, schimpfte ich verzweifelt zurück und bestand auf meinem Sinnbild. Wir stritten noch eine Weile. Leider lebt sie heute nicht mehr, denn sonst könnte ich ihr eine Antwort darauf geben und unseren Streit von damals friedlich beenden. Denn heute, nach diesen letzten sechs Monaten, weiß ich, dass es geht. Ich weiß jetzt, dass man diesen zerbrochenen Spiegel wieder reparieren kann. Ich weiß aber auch, dass es niemand von denen, die vorübergehen, tun kann. Nur ich selbst war dazu bestimmt, die Scherben aufzusammeln, mich an ihren scharfen Kanten zu schneiden, dennoch nicht aufzugeben bis ich sie Stück für Stück wieder zu einem Bild zusammengesetzt habe. Das geht nicht, meinst Du? Oh glaube mir, das geht! Denn heute stehe ich hier und erkenne mich wieder selbst in dem Spiegel. Fröhlich und selbstbewusst lacht mein Spiegelbild mich an. Wie das gehen soll, in einem zerrissenen Spiegel? Nun, lass mich Dir dazu zwei Dinge sagen: 1. Ja, ich habe die Scherben aufgesammelt und sie wieder zusammengefügt und ja, es entstand ein zerrissenes Bild, aber 2. machte ich einen Schritt zurück und bemerkte plötzlich, dass nicht der Spiegel in tausend Scherben zersprungen war, sondern nur eine Ecke. Ich wagte es, nachdem ich diese Ecke repariert hatte, meinen Fokus von ihr zu nehmen und mich dem restlichen Spiegel zu zu wenden. Und da war ich wieder, ich und mein Spiegelbild. Mein Ich. Ich! Lachend hieß ich mich willkommen. Die Leere und die Einsamkeit, sie wichen von mir. Ich war nicht mehr allein, ich war bei mir. Die Sehnsucht, die mich so zerriss, sie war gestillt. Wie Liebeskummer hatte sie an mir genagt, so sehr hatte ich mich selbst vermisst. Drei Jahre lang wurde auf mein Ich eingeprügelt, es klein gehalten, ausgemerzt. Doch vernichten, konnten sie es nicht. Es ist da. Nun steht es wieder vor mir, lacht mich an, ist aus den Tiefen seines Versteckes zurück.

In den letzten Wochen habe ich in die Welt zurück gefunden. Zusammen mit meinem Ich an meiner Seite, fühlte ich mich wieder mutig genug. Erst zaghafte Schritte, doch ermutigt von der Außenwelt und den positiven Rückmeldungen, wurden meine Schritte größer, sicherer. Kaum noch eine Spur der Unsicherheit, der Angst und der Selbstzweifel. Sicher, sie sind nicht weg, denn sie sind ein Teil von mir. Doch sie sind nur ein kleiner Teil des Spiegels, sie sind nicht der Spiegel, sie sind nicht Ich! Ich kann wieder atmen, lachen, meinem Gegenüber in die Augen sehen, mich bewegen, hüpfen, tanzen, mich leicht fühlen und laut singen.
Sechs Monate lang, habe ich mich in meine Höhle zurückgezogen um meine Wunden zu heilen. Nie wieder, wollte ich aus ihr heraus kommen. Nie wieder hinaus in diese Welt, in der mir so viel Leid zugefügt wurde. Doch auch das Leid, ist nicht der Spiegel, ist nicht Ich, ist nicht die Welt. Es ist nur ein Teil davon.

Und nun gehe ich wieder in diese Welt hinaus und überschreibe die negativen Erfahrungen der letzten drei Jahre mit positiven Erfahrungen die mich erwarten. Die ersten Schritte sind gemacht. Ungläubig starre ich sie noch an. Kann es gar nicht glauben, was mir auf diesem kurzen Wegstück hinaus aus meiner Höhle, schon alles Positives passiert ist. Es ist, als würde mir jemand nun beweisen wollen, dass es auch anders geht. Als habe sich jemand zur Aufgabe gemacht, meinen Glauben an diese Welt wiederherzustellen. Und ich? Ich will glauben, dass diese Welt ein positiver Ort ist. Ich will an das Gute im Menschen glauben, denn so bin ich und das ist auch gut so. Drei Jahre lang, hat man mir gesagt, ich sei schlecht so wie ich bin. Alles an mir sei schlecht. Drei Jahre lang versuchte ich mich zu verbiegen, versuchte nicht anzuecken, um nicht noch mehr einstecken zu müssen. Ich verbog mich so sehr, bis ich mich selbst verlor. In den letzten sechs Monaten, fand ich durch harte und schmerzhafte Arbeit zu mir selbst zurück. Hand in Hand erkunden mein Ich und ich nun wieder die Außenwelt und siehe da, wir treffen auf Menschen die uns genauso annehmen, wie wir sind. Die uns sagen, dass wir gut so sind, wie wir eben sind und mehr noch, dass sie sogar genau das toll finden.

©Sabine Gärtner, 2020
Mein innerer Garten

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