Offener Brief

Mir brennt etwas auf der Seele. Ich habe das Bedürfnis, mich euch zu erklären. Euch, die ihr mir nahe steht. Ich möchte euch erzählen, was in dem letzten dreiviertel Jahr meines Lebens passiert ist. Ich weiß, dass ich mich von vielen zurückgezogen habe. Ganz bewusst. Ich brauchte Zeit für mich. Ruhe. Ohne Einflüsse von außen. Ich musste in Zwiesprache gehen, musste auf meine Stimme lauschen und dazu war es nötig, alle Ablenkungen von außen auszuschalten.

In den letzten 4 Jahren ging es mir schlecht. Sehr schlecht. Viele von euch haben gar nicht mitbekommen, wie schlecht es mir wirklich ging. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder, hatte mich verloren weit draußen auf offener See. Wie es dazu kam? Nun ja, da waren diese zweieinhalb Jahre in meinem Job, in denen nur auf mich eingedroschen wurde, in denen ich mich verstellen und verbiegen musste um mich vor den Schlägen zu ducken. Ich war nicht in der Lage, damit fertig zu werden, denn ich war schon vorher gebrochen. Wir erinnern uns an mein Ex-Arschloch. Damals brach ich. Ich brauchte lange um wieder halbwegs aufrecht stehen zu können, doch hatte ich noch lange keinen sicheren Stand, als ich in diesen so ungesunden Job hineinschlitterte. Ich würde heute sagen, dass ich nicht zurechnungsfähig war. Denn wäre ich es gewesen, hätte ich diesen Job niemals angenommen oder ich hätte zumindest die Kraft gehabt, mich schnell davon zu lösen. Doch stattdessen hielt ich daran fest nicht wissend, woran ich mich sonst festhalten sollte. Ich verlor mich weiter, entrückte meiner selbst immer mehr. In den letzten Jahren sah ich eine Fremde im Spiegel. Das war beängstigend und traurig zugleich.

Als die Ära des Jobs im Januar dem Ende zuging, suchte ich verzweifelt nach einem anderen trügerischen Halt. Doch da war ein Funke in mir, der rebellierte. Er schrie und tobte, trat nach mir und biss mir so lange in den Arm, bis ich auf ihn hörte und alles abbrach. Ich schmiss alles hin, befreite mich von allen Jobzwängen und ging.
Nun saß ich da, alleine mit mir. Es war beängstigend. Doch mir wurde klar, dass es für mich nur einen Weg geben kann. Entweder, ich würde jetzt einen Weg finden, mein Leben so zu gestalten, dass ich damit klar komme, oder ich würde auf kurz oder lang zu dem Schluss kommen, dass dieses Leben nicht mehr lebenswert ist. Ich sah es vor mir, ganz deutlich. Entweder startete ich jetzt einen Rettungsversuch oder ich würde ertrinken.

Doch wie sollte so ein Leben aussehen? Mit was für einem Leben würde ich klar kommen? Stille in mir, als ich mir diese Fragen stellte. Keiner antwortete. Da wurde mir klar, dass ich zunächst einen ganz anderen Schritt gehen müsste. Ich musste mich auf die Suche nach mir selbst machen. Doch um das ungehindert tun zu können, musste ich mich von allem befreien, was mich davon ablenken könnte. Ich konnte keine Bedenken und Ängste anderer gebrauchen, keine Beeinflussung, kein „du musst dies“ und auch sonst keinerlei Zwänge. Ich musste frei von all dem Lärm da draußen sein, um wieder meine Stimme hören zu können. Auf der Suche nach mir selbst, durchleuchtete ich alle meine Lebensbereiche inklusive aller Menschen, die darin vorkamen. Ich drehte jeden Stein meines Lebens und meiner Psyche um. Viel kam dort zum Vorschein, was ich verarbeiten musste. Vor allem die letzten 4 Jahre wollten aufgearbeitet werden, denn die Wunden, die diese Zeit hinterlassen hat, waren längst nicht verheilt. Ich begann mich systematisch selbst zu heilen und irgendwann hörte ich sie wieder, meine Stimme. Ich schaute in den Spiegel und da konnte ich mich selbst, hinter einem schüchternen Lächeln, wieder erkennen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. In Zwiesprache mit mir selbst durchleuchtete ich wieder jeden Bereich meines Lebens und fragte mich an jeder Stelle, was okay und was nicht okay ist. Was musste raus aus meinem Leben, was sollte dafür rein? Nach und nach malte sich eine Welt vor mir auf, mit der ich nicht nur zurechtkommen, sondern sie auch lieben lernen sollte.

Heute, nach einem dreiviertel Jahr Selbstheilung, kann ich von mir sagen, dass ich glücklich bin. Oder mehr noch: Ich bin so glücklich wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen bin. Ich bin bei mir angekommen und ich stand mir selbst noch nie so nah.

Ich weiß, dass ihr euch Sorgen gemacht hattet. Dass die Ungewissheit darüber, was ich denn da so zurückgezogen treibe, euch in eine unangenehme Unruhe versetzt hat. Dafür möchte ich mich entschuldigen und euch gleichzeitig danken, dass ihr mich dennoch nicht bedrängt habt und mir den Raum gegeben habt, den ich so dringend brauchte.

Jetzt stehe ich hier, als ich selbst und in meinem Leben. Eine unendliche Erleichterung und Dankbarkeit durchströmt mich. Und eine Ruhe, wie ich sie nie zuvor gespürt habe. Ich bin angekommen. Nach und nach, habe ich mich in den letzten Wochen wieder in die Außenwelt begeben. Es ist an der Zeit, auch euch wieder in mein Leben aufzunehmen. Ich heiße euch willkommen, in meiner Welt.

6 Gedanken zu “Offener Brief

  1. Ich kann dich so gut verstehen. Ich war/bin in einer ganz ähnlichen Situation, nur dass ich noch nicht so weit gekommen bin wie du. Es freut mich riesig zu hören, dass du es durch diese schwere Zeit geschafft hast und es dir jetzt wieder gut geht. 🙂 Das macht mir Hoffnung.

    Liebe Grüße
    Myna

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    • Liebe Myna,
      der Weg ist steinig und es wird immer wieder Rückschläge geben. So sitze ich auch gerade heulend auf der Couch, weil mich ein Familientreffen heute emotional aufgewühlt hat. Aber wichtig ist es, sich an den kleinen Schritten zu erfreuen, denn jeder einzelne ist es wert. Es gibt auf diesem Weg kein Endziel, sondern nur den Weg selbst und da zählt jeder Schritt. Also feiere jeden einzelnen, als hättest du ein großes Ziel erreicht.
      Ich wünsche dir viel Kraft, aber auch Freude auf deinem Weg.
      Biene

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      • Hallo nochmal Biene,

        oh, das mit dem Familientreffen tut mir leid. Ich meide Familientreffen seit Jahren. Sie ziehen mich meist ohnehin nur runter … Ich wünsche dir viel Kraft und dass es dir bald wieder besser geht. Solche Rückschläge kenne ich auch.

        Ja,du hast recht, es gibt immer wieder kleine Etappenziele auf dem Weg zum Glück. Und ich merke auch schon, dass ich heute ein ganz anderer Mensch bin, als vor fünf Jahren. Ich heile – langsam, aber sicher. 🙂

        Liebe Grüße
        Myna

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  2. Wow!! Ich bin begeistert und freue mich so sehr für dich! ♥

    Das klingt zwar nach einer sehr aufwühlenden und sicher nicht leichten Zeit, aber auch nach einem wundervollen Neubeginn!

    Es ist nur zu verständlich, dass du diese Zeit für dich alleine gebraucht hast. Das ist wirklich wichtig um für sich selbst Klarheit zu erreichen und sich zu sammeln.

    Es freut mich sehr, dass du diesen großen Schritt gemacht hast und hoffe, dass du weiterhin DEINEN Weg gehst.

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