Ein Winzling zwischen Baumriesen

Familie – zwischen Geborgenheit, Liebe und tiefreichenden Triggern

Ein Blick in die Kronen kann vieles auslösen: Man fühlt sich geerdet, kommt zur Ruhe… oder man fühlt sich klein und unbedeutend.

„Die Eindrücke der Kindheit
wurzeln am tiefsten.“
~Karl Emil Franzos~

Selig sitze ich auf den Stufen meiner Veranda und schaue in den Himmel. Bauschige Schäfchenwolken ziehen träge über das tief strahlende Blau dahin. Innerlich kichernd suche ich Figuren in ihnen, lasse den Hasen hinter dem Igel herjagen und sehe mich selbst, auf einer Wolke liegend, das Schauspiel beobachten. Zufrieden lächelnd mache ich einen tiefen Atemzug, schließe meine Augen und lausche dem Gesang der Vögel. Es ist ein herrlicher Tag. Nicht der erste. In den letzten Tagen herrscht eine Friedlichkeit in meinem Garten, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und ich? Ich sitze nur da und genieße den Frieden. Bewege mich nur langsam durch meinen Garten, halte hier und da inne, hege und pflege meine grünen Schützlinge mit einer tiefen Liebe, die wie ein loderndes Feuer meinen Körper erwärmt. Schön ist es hier!
Lächeln öffne ich meine Augen und lasse meinen Blick durch den Garten schweifen. Er bleibt in meinem Wäldchen, ganz hinten im Garten, hängen. Vorfreude ergreift mich. Für den Nachmittag habe ich dort, inmitten meiner geliebten Bäume, ein Picknick geplant. Die Wolken in meinem Kopf
beginnen schneller zu fliegen. Was will ich vorher noch erledigen? Was muss ich alles einpacken? Ich sehe mich schon, auf meiner bunten Picknickdecke auf dem weichen Erdboden, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, unter den Kronen meiner Bäume sitzend. Vor mir auf der Decke ausgebreitet, liebevoll gebackener Kuchen, würzig duftender Kaffee, leuchtende Erdbeeren, klebrig süße Wassermelonenstücke… und über mir, die im Wind rauschenden Kronen der Bäume. Ich sehe ein Eichhörnchen, wie es sich keck um einen Baum hinauf schlängelt, sehe eine Vogelmama in ihr Nest zurückfliegen, wo sie aufgeregt von ihrem Nachwuchs erwartet wird. Vorfreude überkommt mich. Aufgeregt springe ich auf und hüpfe die Stufen meiner Veranda empor. Auf geht es an die Vorbereitung.

Später am Tag:
Die Decke um mich geschlungen rase ich durch den Garten und versuche dem Hagel auszuweichen. Durchnässt vom strömenden Regen, zerzaust vom Wind mit schmerzenden Kratzern versehen. Angekommen auf der sicheren Veranda drehe ich mich schockiert um. Was war passiert? Ich starre zu meinem Wäldchen hinüber. Aus sicherer Entfernung wirkt es friedlich. Die Kronen wiegen sich sanft im Wind. Ich reibe mir die Augen und kann es nicht verstehen.

Ein paar Stunden Familienfeier und meine entspannte Gelassenheit weicht schmerzender Verzweiflung. Was war nur geschehen? Ich liege weinend auf meinem Bett und kann nicht begreifen, warum sich meine innere Welt so rasant gedreht hat. Ich war inmitten geliebter Menschen und doch… Zu laut, zu viel, zu schnell… ich konnte nicht mithalten. Ich saß dazwischen, versuchte mich in meine innere Ruhe zu flüchten, versuchte zu lächeln und versuchte zu verstehen, was in den Gesprächen passierte. Doch ich konnte nicht folgen. Hing ich noch an einem Satz und dachte darüber nach, waren sie längst beim nächsten Thema. Themen, mit denen ich nichts anzufangen wusste. So fern meiner Realität. Zu schnell, zu laut und zu viel von „meine Meinung ist die einzig Wahre“. Was machte ich hier? Und was war es am Ende, das in mir einen Sturm auslöste?

Ich schaue mir die Gefühle, die an dem Abend in mir tobten, etwas genauer an. Das fällt schwer, denn ich gestehe es mir nicht gerne ein. Ich versuche genauer hinzusehen, doch sofort bäumt sich etwas in mir auf und will mich verscheuchen. Was ist da los? Doch nein, ich gebe nicht auf, ich will wissen, was da passiert ist! Ich will es wissen, es verstehen, analysieren, sezieren, weil ich weiß, dass ich die Wunden, die dort in der Tiefe pochen, nur so heilen kann. Ich versuche mich zu zwingen, die Gefühle wertfrei und schmerzend ehrlich zu betrachten.

Trigger – tief wurzelnde Gefühle aus der Kindheit

Ich fühle mich nicht akzeptiert, nicht wertgeschätzt. Fühle mich belächelt, wertlos, klein und unbedeutend. Nicht dazugehörend, fremd, abgeschnitten, allein. Unverstanden, unwichtig.
Nun, wo ich all das niederschreibe, sehe ich klar, was ich vorher längst vermutet hatte: All das sind die Gefühle meiner Kindheit. Gefühle, die mich begleiten, seit ich… ja seit wann eigentlich? Ich denke zurück, spüre mich als Kind. Sehe mich in der Grundschule – begleitet von diesen Gefühlen, sehe mich im Kindergarten – begleitet von diesen Gefühlen. Als wären sie immer schon dagewesen. Ich sehe das Kind, das sich alleingelassen fühlt und muss weinen. Mir tut es leid, das kleine Mädchen. Doch was hat das mit mir zu tun? Warum bringen mich die Gefühle dieses kleinen Mädchens so sehr aus der Ruhe? Warum kommen sie immer und immer wieder hoch? Warum kann ich sie nicht endlich in der Vergangenheit begraben?

Trigger- was ist das?
Als Trigger bezeichnet man in der Psychologie Schlüsselreize, die einen Flashback auslösen. Flashbacks sind plötzlich auftretende Erinnerungen, die erneut durchlebt werden. Diese Erinnerungen müssen dabei nicht zwangsläufig in Form von Bildern einer bestimmten Situation auftreten, sondern können auch lediglich die durchlebten Gefühle aufkommen lassen.

Wünsche eines Kindes

In mir sitzt also ein verletztes Kind und weint bitterlich. Schön und gut. Aber warum weint es? Was fehlt ihm? Ich schaue mir meine Gefühle noch einmal genauer an. Eigentlich ist es doch glasklar:

Akzeptanz – Akzeptiert werden, so wie man ist, mit allem was man ist, mit all den Entscheidungen, Einstellungen, Meinungen, allem was man macht, was man denkt, was man mag oder nicht mag, wie man aussieht, sich anzieht, seine Wohnung einrichtet, mit welchen Freunden man sich umgibt, was und wo man arbeitet, mit den Hobbys, den Lieblingsbüchern und -filmen. Akzeptiert werden als Ganzes.
Geborgenheit – Sich sicher fühlen können. Nach Hause kommen und wissen, dass einem hier nichts passieren kann, dass man behütet und beschützt wird. Ein Ort, an dem man sich fallen lassen, alle Ängste abstreifen und einfach nur sein kann.
Wertschätzung – Es ist mehr, als Akzeptanz. Es ist nicht nur, dass man so sein darf wie man ist, sondern dass dies auch noch als positiv wahrgenommen wird.
Zugehörigkeit – Ein Teil von etwas sein, Interessen und Erlebnisse teilen. „Wir“-sein.

Negative Glaubenssätze

Vier Elemente, die mir als Kind gefehlt haben. Ja, als Kind… und heute? Vielleicht gibt es für alles seine Zeit, vielleicht ist der Moment, in dem sich die Gewissheit über diese Elemente in einem Menschen entwickeln, längst vorbei. Da wo sie sein sollten, klaffen Lücken in mir. Genau damit habe ich heute immer noch zu kämpfen. Oder? Nein, mehr noch. Nicht Lücken sind es, die dort klaffen, sondern spitze Steine. Elemente, die sich stattdessen dort eingenistet haben.

Statt Akzeptanz –> Du bist falsch.
Statt Geborgenheit –> Hier wird Dir wehgetan.
Statt Wertschätzung –> Du bist schlecht.
Statt Zugehörigkeit –> Du gehörst nicht zu uns.

Was ich also als Kind gelernt habe, ist dass ich schlecht, nirgendwo in Sicherheit und alleine bin. Was das in mir auslöst, sind Selbsthass, tiefe Selbstzweifel, Angst, Misstrauen und Einsamkeit.
Negativ Elemente, mit denen ich mich seit meiner Kindheit herumschlage. Ja, es ist besser geworden, dank harter Arbeit, aber sie sind da und durch Auslöser kommen sie schnell wieder an die Oberfläche. Nun ist es leider ausgerechnet die Familie, die am tiefsten in einen hineinbohren kann. Nicht einmal böswillig, doch sie schaffen es leider, die Gefühle der Vergangenheit schnell wieder heraufzubeschwören.

Glaubenssätze anpflanzen

Schön und gut, aber was tun dagegen? Ich wünschte, ich könnte einfach in einen Laden gehen und mir neue Elemente kaufen. Dann schmeiße ich die negativen, die mit den spitzen Kanten, heraus und lege die leichten, runden hinein. Dann würden sich die Lücken mit folgendem Wissen füllen:

Du bist richtig, so wie Du bist.
Hier bist Du sicher.
Du bist toll, so wie Du bist.
Du gehörst zu uns. Wir sind wir.

Wäre das nicht traumhaft? Leider ist es nicht so einfach. Diese negativen Glaubenssätze sitzen in mir, ebenso, wie das Kind mit seinen Wünschen. Genau deswegen, suche ich immer wieder nach dem, wonach das Kind sich sehnt. Weil es so gut tut, weil es mich den Schmerz vergessen lässt, der in mir tobt. Aber genau deswegen, tut es umso mehr weh, wenn ich eben diese Gefühle wieder von außen bestätigt bekomme. Negative Stiche von außen, fallen in meinem inneren auf fruchtbaren Boden und vermehren sich rasant. Positives jedoch, verpufft sehr schnell wieder. Es kann sich nicht anpflanzen und braucht immer und immer wieder Nachschub.

Glaubenssätze überschreiben

Nicht so einfach…? Mir egal! Ich weiß, dass es sich lohnt, für sein Wohlbefinden zu kämpfen. Ich will diese beschissenen negativen Gefühle loswerden. Also, erstelle ich einen Plan:

Schritt 1: Das weinende Kind trösten
Ich bin hier die Starke! Ich kann mein inneres Kind trösten, kann ihm all das geben, was es braucht. Ich kann es in den Arm nehmen, ihm sagen, dass es toll ist, dass ich aufpasse, dass ihm nichts passiert und dass ich immer bei ihm bin. Ich kann ihm die Liebe und Geborgenheit geben, die ihm gefehlt hat. Denn ich bin die Herrscherin meiner inneren Welt und niemand, der von außen hier eindringt, hat so viel Macht wie ich!

Schritt 2: Negative Glaubenssätze umdrehen
Nur weil wir etwas gelernt haben, muss es noch lange nicht richtig sein. Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich meine Meinung ändern musste, nachdem ich neue Informationen hatte. Oder ich hatte ein Bild von etwas, dass ich revidieren musste, nachdem ich mehr darüber erfuhr. So ist das eben im Leben. Doch genau das, kann ich hierfür nutzen! Ich lerne einfach neue Glaubenssätze. Das funktioniert in … Teilschritten:

  1. Sich seiner negativen Glaubenssätze bewusst werden.
  2. Sie hinterfragen und Gegenbeweise aufzählen.
    Stimmt das wirklich? Ist es immer so? Wer sieht das anders? In welchen Situationen habe ich das Gegenteil bewiesen?
  3. Negatives in Positives umwandeln.
    Aus „Ich kann das nicht.“ wird „Ich schaffe das, weil ich schon so viel mehr geschafft habe.“

Schritt 3: Gehirnwäsche
Nun muss ich mir die positiven Glaubenssätze nur noch einpflanzen. Hab ich „nur“ gesagt? Witzig… Okay, sie treffen in mir nicht auf fruchtbaren Boden, das heißt, dass sie viel Pflege brauchen. Ich werde immer wieder nachsäen, sie gießen und auch von Schädlingen befreien müssen. Ich werde mir also immer wieder meine positiv umgeformten Sätze sagen müssen und mir Situationen bewusst machen, in denen sie bestätigt werden.

Schritt 4: Unterstützung suchen
Nein, wer jetzt hier mit Fishing for Compliments anfängt, der ist in eine andere Richtung gelaufen. Ich meine viel mehr, dass man sich bewusst Unterstützung suchen kann. Dass man Freunde offen darum bittet, einem beim Überschreiben der Glaubenssätze immer und immer wieder zu helfen.

Zum Schluss…

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Beitrag beenden soll. Ganz rund kommt er mir nicht vor… nicht perfekt… aber, eigentlich muss er das ja gar nicht. Dennoch, bedarf es einem Abschluss des nicht ganz runden Themas. Ich habe mich für folgende Schlussworte entschieden, nicht nur für mich, bzw. mein inneres Kind, sondern für alle, die sich das nicht selbst sagen können:

Du bist toll, so wie Du bist!

3 Gedanken zu “Ein Winzling zwischen Baumriesen

  1. Ein herrlicher und auch wirklich guter Beitrag zu einem sehr wichtigen Thema! Ja das mit der Heilung und dem Kontakt zum eigenen inneren Kind ist etwas das tief geht und sehr berührt. Ich vermute mal viele Menschen, ich allen voran, tragen gemischte Gefühle, Empfindungen, oft auch negative Verhaltens-/Denkweisen, Verletzungen und negative Bestärkungen aus der Vergangenheit / Kindheit mit sich im Alltag rum. Oft verstehen wir im Jetzt garnicht, dass es mit dem Kind, dem Ich von früher zu tun hat. Doch es ist so wichtig das zu erkennen, zu aktzeptieren und zu versuchen das zu heilen. Und das kann man nur selbst tun, das kann einem niemand abnehmen. Das wiederum führt mit viel Geduld zu Verständnis, Heilung und ja, auch zu Selbstliebe. Alles hat seine Zeit! 🙂

    Fühl dich gedrückt! Du bist nicht alleine! 🙂

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    • Ich danke Dir!😘
      Es ist verrückt, wie oft derartige Gefühle im Alltag hochkommen. Ich wünschte, ich könnte die Gefühle der Vergangenheit einfach ausschalten. Ich glaube, dann würde ich mich viel leichter und freier fühlen. Doch ich fürchte, dass diese Gefühle immer da sein werden. Na wenigstens kann man lernen, damit besser umzugehen.

      Gefällt 1 Person

      • Ja da hast du wohl recht. Irgendwie glaube ich aber auch nicht, dass diese Gefühle „noch“ da sind um uns zu quälen. Es hat ja alles auch einen Sinn. Vielleicht wollen sie uns auf etwas bestimmtes Hinweisen, etwas das wir „vor lauter Gefühlen oder Gedanken“ oberflächlich garnicht wahrnehmen auf den ersten Blick. Manchmal lernt man ja auch aus vergangenem. 🙂

        Wünsch dir ein wundervolles Wochenende! ♥

        Gefällt 1 Person

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