Barfuß über Glasscherben – kannst Du die Blumen sehen?

Angst vor Schmerzen vs. Neugier aufs Leben

Foto von Brianna Martinez von Pexels
Verschleiert der Blick nach Außen… und auch nach Innen.

„Der Unterschied zwischen dem, was ist,
und dem, was wir wahrnehmen,
ist die Quelle aller Leiden.“
~Dalai Lama~

Erschöpft sitze ich auf einem Stuhl in meinem Gewächshaus. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen versunken. Still horche ich der beruhigenden Melodie des prasselnden Regens auf dem gläsernen Dach. Die Tropfen scheinen zu tanzen, ehe sie sich zu einem Schleier verbinden und das Dach hinabströmen. Außer dem Regen und meinem leisen Atem ist kein Laut zu hören. Nichts, was von außen zu mir hinein dringen könnte. Meine Welt schrumpft auf diese kleine gläserne Hülle. Ganz so, als würde die Welt enden, dort hinter den gläsernen Wänden. Kurz beruhigt mich dieser Gedanke, doch als ich den Kopf hebe, sehe ich Schatten hinter dem Schleier aus Regentropfen. Dunkle Schatten. Schnell verstecke ich meinen Kopf zwischen den Knien und schlinge meine Arme fest darum. Hier kann mir keiner was. Hier können die Schatten nicht herein. Hier bin nur ich.

In den letzten Monaten habe ich mich zurückgezogen. Ich wollte mir Zeit für mich nehmen, den Blick nach innen richten, mich ergründen, mich verstehen und letzten Endes, um mich zu heilen. Viel ist seitdem passiert, in mir drin. Und doch, geändert hat sich nichts, sagt mein Gefühl. Noch immer bin ich dieselbe. Noch immer die, mit Ecken und Kanten, mit Hochs und Tiefs, mal laut, mal leise und nie einem klaren Weg folgend. Strauchelnd, stolpernd, übersät mit Narben und Wunden, um sich schlagend, ängstlich und verzweifelt. Wenn ich mich ansehe, meinen Blick nach innen richte, sehe ich nur Chaos, Kanten, die mir nicht gefallen, die anderen weh tun, die mir weh tun, die wie spitze Pfeile mal nach außen, mal nach innen zeigen. Ein wirres Konstrukt, das keinen Platz hat, in dieser Welt. Das nicht hineinpasst, sich nicht anlehnen kann ohne zu verletzen, nicht mithalten kann ohne zu stolpern, den Weg nicht halten kann. Das sich immer wieder wund schlägt, an anderen und an sich selbst.
Ich sitze hier, verkrochen in meinem Schneckenhaus, und fürchte mich vor der Welt da draußen. Habe Angst, dass ich in ihr nicht bestehen kann, dass ich wieder nur Schmerz erleide. Ich sehe mir die Lücken an, die in der Welt zu sehen sind, doch sehe keine, in die ich hineinpassen könnte. Alles was ich sehe ist „ich kann das nicht“. Zu sensibel, zu schwach, zu schwankend, zu viel, zu wenig, zu laut, zu leise. So erscheinen mir alle Möglichkeiten nur anstrengend. Wie ein Spießrutenlauf, immer versuchend, den verletzenden Spitzen zu entgehen, immer auf der Flucht. Mag ein Weg auch noch so schön erscheinen, sein Rand gesäumt mit den schönsten Blumen, so sehe ich nur die spitzen Steine, auf denen ich wandern müsste. Ja, genau so erscheint es. Als würde ich barfuß auf einem Weg voller spitzer Steine laufen und gleichzeitig krampfhaft versuchen, nicht an den Schmerz zu denken, sondern die Blumen am Rand zu bewundern. Doch der Schmerz ist da. Schritt für Schritt bohrt er sich in meinen Körper. So sitze ich nun am Wegesrand, habe mich versteckt und starre auf den Weg. Sehe die Spitzen der Steine und spüre noch immer die Schmerzen. Hin und wieder kommt jemand vorbei, will mich auf den Weg ziehen, doch nur ein Schritt genügt, nur ein Schmerz der durch meinen Körper fährt, und ich ziehe mich wieder zurück. Gibt es denn keinen Sandweg, auf dem ich laufen kann? Oder eine Wiese? „Kauf Dir Schuhe!“, sagen sie. Doch woher? Oft schon habe ich versucht, mir selbst Schuhe zu basteln. Doch gehalten habe sie nie lange und gespürt habe ich sie dennoch, die spitzen Steine.

Mein Verstand weiß, dass ich mich nicht ewig hier verstecken kann, dass ich irgendwann wieder aufstehen und weiterlaufen muss… doch kaum hat er das gedacht, schreit eine Stimme in mir panisch auf. Kleine Schritte, ganz kleine Schritte… Ja, ich weiß das! Aber der erste Schritt ist nun mal auch oft der schwerste.

Geschürt wird das Feuer meiner Angst von meinem am Boden liegenden Selbstbewusstsein. Das, nie stark gewesen, in den vergangenen drei Jahren mit Füßen getreten wurde. Mein Verstand weiß, dass ich die schlechten Erfahrungen mit guten überschreiben müsste. Doch kaum ist der Gedanke gedacht, schreit wieder die Angst laut auf. Denn es ist nicht möglich, hinaus zu gehen und nur gute Erfahrungen zu machen. Die negativen gehören unweigerlich dazu. Doch genau die sind es, von denen ich keine mehr zu ertragen scheine. Noch immer am Boden liegend, hält mein Selbstbewusstsein keinen Tritt mehr aus. Selbst wenn ich es schaffen würde, auf wackeligen Füßen zu stehen, würde jeder Tritt mich wieder zu Boden werfen. Wo aber einen festen Stand herbekommen? Im Erleben positiver Erfahrungen… ja aber… ja ich weiß, die Katze beißt sich in den Schwanz.

Was also tun? Gibt es eine Möglichkeit, mit der ich langsam wieder in die Welt hinaus kann? Kleine Schritte machen und mich in einem geschützten Rahmen bewegen kann? Die strömenden Tränen auf meinem Gesicht sagen mir eines: Alleine geht es nicht…

3 Gedanken zu “Barfuß über Glasscherben – kannst Du die Blumen sehen?

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