Ich will eine Glaskuppel um meinen Garten!!!

Leben in einem geschützten Rahmen

Eine kleine geschützte Welt

„Auch der Baum,
unter dem man Schutz sucht,
lässt das Wasser durch.“
~Unbekannt~

Ich stehe an einem Scheideweg und das macht mir Angst. Das macht mir so große Angst, dass mir der Angstschweiß in die Augen fließt und meinen Blick verschleiert. In den letzten Monaten habe ich viel erreicht. Ich habe aufgeräumt in meinem Inneren. Habe mich gefragt, wer ich bin, was ich will und was ich nicht will. Wie will ich leben? Wie kann ich leben? Seit zwei Wochen habe ich das Gefühl, diese Arbeit im Großen und Ganzen abschließen zu können. Klar, es gibt immer noch einiges, an dem ich arbeiten kann und auch will, aber das braucht vielleicht noch etwas Zeit und auch die richtige Gelegenheit, um es angehen zu können. Und jetzt? Wie geht es jetzt weiter?

Es ist, als hätte ich in den letzten Monaten liebevoll ein Auto zusammengeschraubt und stehe nun vor meinem fertigen Werk. Der Wagen glänzt, ich habe ihn frisch poliert. Er ist fahrbereit, alles repariert. Nun steht er hier in meiner Garage und schaut mich erwartungsvoll an. Ich habe ihm eine Plane gekauft, um ihn vor Staub zu schützen und auch ein neues Schloss für die Garage habe ich eingebaut, damit ihn niemand stehlen kann. So steht er hier, in meiner Garage. Repariert und poliert. Das Radio eingestellt, neue Lampen eingesetzt, vollgetankt, Reifendruck angepasst, Motoröl eingefüllt… alles fertig. Einsatzbereit. Ich setze mich hinter sein Steuer und starre durch die Windschutzscheibe die Einfahrt hinunter. Die Sonne scheint, kein Regen in Sicht, aber man weiß ja nie, das Wetter schlägt schneller um als man denkt. Kein anderes Auto in Sicht, aber da könnte gleich eins kommen. Die Straße liegt wie eine glattgezogene Ebene vor mir, doch das nächste Schlagloch wartet bestimmt. Hier drinnen, hier ist mein Wagen sicher. Geschützt vor Staub, Schlaglöchern, Unfällen, Vogelkot, Blütenpollen… hier drinnen passiert ihm nichts. Gut, es würde Spaß machen, ihn zu fahren, dafür ist er ja schließlich gemacht, aber was, wenn…

Kurzum, ich habe Angst! Monatelang habe ich Psychoarbeit geleistet, habe mich wieder aufgerichtet, mich repariert und liebevoll gepflegt. All das, in einem geschützten Rahmen. Und jetzt? Jetzt stellt sich die Frage, ob ich mich weiterhin in diesem Schutzraum verstecken möchte oder ob ich mich wieder raus in die Welt wage. Dorthin, wo Menschen lauern, die mir nicht immer wohlgesonnen sind, wo Probleme, Druck und Verletzungen auf meine frisch geheilte Seele einprasseln. Aber auch Bestätigung, schöne Momente, tolle Menschen… Ich stehe hier und bin hin und hergerissen. Zerrissen zwischen Neugierde, Lust auf das Leben, aber auch Angst. Große Angst.

Kleine Schritte. Vorsichtige kleine Schritte. Vorsichtige kleine Schritte mit Festhalten. Vorsichtige kleine Schritte mit Festhalten in Reichweite meiner Schutzhöhle. Ich versuche Kompromisse zu finden. Das stehen sie wieder, das kleine Kind und der große Krieger in mir. Ein ängstliches Kind und ein mutiger Krieger, die einen gemeinsamen Weg gehen und immer wieder versuchen müssen die Bedürfnisse des anderen nicht zu überrennen, den anderen nicht aus den Augen zu verlieren und ihm zu helfen. Und ich? ich stehe zwischen den beiden, versuche sie zusammenzuhalten und mich nicht von ihnen zerreißen zu lassen. Ich schlichte, halte sie zusammen, versuche ihnen Verständnis für den anderen zu bringen, Kompromisse vorzuschlagen und Ängste zu nehmen.

Das Kind hat solche Angst. Es hat Angst, verletzt zu werden, nicht mithalten zu können, sich selbst zu verlieren und am Ende wieder völlig kraftlos liegen zu bleiben. Es braucht Pausen, Schutzräume, ein langsames Tempo und jemanden, der es in den Arm nimmt und wieder aufbaut, wenn es mal nicht mehr kann.

Wie dünnhäutig ich noch immer bin, habe ich gestern wieder gemerkt. Eine Nachricht aus meiner Vergangenheit, aus dem Job, der mich so zerrieben hat. Meine Emotionen fahren Achterbahn, mein Herz rast, der Schweiß bricht aus. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, frage mich, ob ich falsch bin, falsch denke. Ich beginne gegen meine Emotionen anzurennen, rase um den Block, versuche meine Gedanken zu beruhigen und zu sortieren. Der Sturm, der da in mir losbricht, auf den war ich nicht vorbereitet. Unerwartet kam die Nachricht, aus einer unerwarteten Richtung. Ich schaffe es nicht, damit umzugehen. Es überfordert mich, meine Emotionen überfordern mich. Ich will doch nur Ruhe! Ich will in meinem Schutzraum bleiben, wo man mich in Ruhe lässt. Ich will, dass mein Leben sanft und ruhig dahinplätschert ohne Druck, ohne psychische Belastungen, ohne große Emotionen. Nichts, was mich aus dem Gleichgewicht bringen kann. „Das ist unrealistisch… so ist die Welt eben nicht…“, sagt man zu mir. Aber warum nicht? Warum kann ich nicht so leben, wie es für mich lebbar ist? Und wenn ich das nicht kann, was bleibt dann?

4 Gedanken zu “Ich will eine Glaskuppel um meinen Garten!!!

  1. Wir sind nicht die Gedanken und auch nicht die Emotionen. Es bleibt nur, das zu erkennen und nicht an ihnen anzuhaften. Wer sensibel ist – was eigentlich ein sehr großes Geschenk ist – wird sonst mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung geworfen. Das hat mir leider niemand gesagt und deshalb ist es vielleicht gut, dass ich dir das hier schreibe. Ohne mir dessen bewusst zu sein, habe ich das mit Yoga/Meditation begriffen und mich von meinen Ängsten (das gilt auch für Depressionen, Trauma…) befreit. Nun darf alles passieren und ich habe trotzdem meine Balance :-). Die Frage ist nur, willst du das auch? Ganz viele liebe Grüße, Monika

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    • Liebe Monika,

      danke für Deine Nachricht. Es ist schön zu hören, dass Du Deine Balance gefunden hast.
      Ich glaube, dass es für Borderline-Patienten die größte Schwierigkeit ist, mit seinen Emotionen klar zu kommen. Zumindest kommt es mir so vor, denn das meiste andere habe ich inzwischen in den Griff bekommen. Gut, auch mit meinen Emotionen kann ich nach 10 Jahren harter Arbeit besser umgehen, aber es bleibt ein täglicher Kampf und es ist so anstrengend. Manchmal will ich dann eben einfach nicht mehr und will mich nur noch verkriechen, dahin, wo kein Windhauch mehr weht, der an mir rütteln kann. Sich hin und wieder zu verkriechen kann sehr heilsam sein, nur das Rauskommen fällt dann manchmal schwer.

      Liebe Grüße
      Biene

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      • Liebe Sabine, leider weiß ich zu wenig über Borderline Patienten und es wäre daher sehr vermessen von mir, hier einen speziellen Rat zu geben. Ich weiß nur, solange ich gegen meine Todesängste/Emotionen angekämpft habe, sind sie immer wieder und dann auch vermehrt und noch stärker aufgetaucht. Die Lösung war dann so einfach: meditieren und beobachten, was im Kopf passiert und nicht daran anhaften. Wir können nicht vor uns selbst davonlaufen aber wir können erkennen, dass wir nicht diese ganzen Gedanken und Emotionen sind. Es sind Konditionierungen. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch ein Lösungsansatz für deine Situation wäre. Du weißt ja sowieso schon, dass du einen inneren Garten hast. Der ist voller Liebe. Ganz liebe Grüße sende ich Dir von meinem Garten zu deinen inneren Garten, Monika

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  2. Ich denke, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Meine Panikattacken z.B. bin ich losgeworden, indem ich gekämpft habe. Meine Depressionen habe ich besser im Griff, wenn ich sie akzeptiere. Meine Emotionen habe ich im Griff, wenn ich Zeit und Ruhe habe, sie vorüberziehen zu lassen. Nur leider habe ich das Gefühl, dass in der Welt da draußen nicht genug Raum dafür ist, mir diese Ruhe zu nehmen.

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