Gartenruine – Abreißen oder reparieren?

Wie oft kann man etwas reparieren, bis es nicht mehr hält?

Ist das Kunst oder kann das weg?

„Aus den Scherben meines Lebens
bau ich mir eine Discokugel
und tanze darunter.“
~kaufdex.com~

In den letzten Tagen sanken die Temperaturen fast unmerklich. Immer mal wieder schoben sich einige Wolken träge über den Himmel. Nichts Außergewöhnliches. Bis dann heute Morgen schlagartig das Wetter umschlug. Der Wind peitschte den Regen durch meinen Garten und wirbelte alles auf, was er zu fassen bekam. Schutzlos kauerte ich mich auf den Boden. Der Wind raubte mir die Luft zum Atmen und verlangte meinen Muskeln alles ab. Zwei Stunden wütete er erbarmungslos durch mein schutzloses Stück Erde. Dann verzog er sich langsam wieder. Zitternd bleibe ich am Boden und keuche. Meine Lungen brennen und meine Muskeln zittern noch vor Anspannung. Langsam erhebe ich mich und versuche wieder Luft in meine Lungen zu bekommen. Mein Brustkorb verspannt sich, nur mühsam lässt er Luft hinein. Vorsichtig schaue ich mich um. Gewütet hat der Wind. Verstreut finde ich auf dem Rasen Äste und Blätter, umgeknickt sind viele Blumen. Die Fische peitschen unruhig an der Oberfläche, um den Kompost liegt halb kompostiertes verstreut. Dann fällt mein Blick in die Ecke mit den Blatthaufen, die ich dort in den letzten Jahren sorgsam aufgeschichtet habe. Zumindest waren sie dort. Jetzt liegen die Blätter im ganzen Garten verstreut. Dort wo sie lagen, kommt nun etwas anderes zum Vorschein: ein Schutthaufen. Scherben, eingestürzte Mauern, Eisenstangen, Bretter. Schmerzend schnappe ich nach Luft. Mein so ordentlich aufgeräumter Garten, hat nur versteckt, was ich nicht sehen wollte. Verschüttet. Vergessen. Und doch immer dagewesen.

Einst stand an dieser Stelle ein Häuschen. Selbst erbaut hatte ich es. Es war mein Rückzugsort, mein Schutzraum. Der Ort, zu dem das Monster, das damals noch über meinen Garten herrschte, nicht vordringen konnte. Es diente mir auch als Lagerraum und Werkstatt. Hier bewahrte ich die geernteten Äpfel auf, damit das Monster sie nicht fraß, schmiedete Pläne und werkelte an allem möglichen herum, was meinen Garten gestalten, schützen und festigen konnte. Bis eines Tages die Wildschweine in meinen Garten einfielen und meine Hütte niederrissen. Sie fraßen meine Äpfel auf und zerstörten alles, was ich an Projekten darin aufbewahrte. Zu schmerzhaft war dieser Verlust für mich, als dass ich den Anblick meines Häuschens ertragen hätte. Nach und nach begann ich, es zuzuschütten.

In den letzten drei Jahren ist einiges in mir zu Bruch gegangen. Gut, es war auch nicht sehr stabil, weil ich Jahre dafür gebraucht hatte, es mit eigenen Händen aufzubauen. Zwei Menschen traten in den letzten Jahren in mein Leben, die es geschafft haben, meine mühsame Arbeit wieder zu zerstören. Nun stehe ich hier und habe den Glauben an mich verloren. Ich traue mir nichts mehr zu, mein Selbstbewusstsein liegt am Boden. Sie haben es mit Füßen getreten und das nur, weil sie selbst so klein und kaputt sind, dass sie niemanden neben sich ertragen, der aufrecht steht. So haben sie mich systematisch dazu gebracht, selbst wieder am Boden zu liegen. Es wird lange dauern, bis ich das, was sie zerstört haben, wieder aufgebaut habe. Bis ich mir wieder zutraue irgendetwas zu schaffen und auf die Reihe zu kriegen. Bis ich wieder an mich glaube und daran, dass ich gut so bin, wie ich bin. Drei Jahre haben sie mir eingeredet, dass ich nichts kann, dass alles falsch ist, was ich mache und was ich bin.

Eines Tages wuchs eine Bergkiefer aus der Ruine und aus dem Blätterhaufen heraus. Sie zog meine Aufmerksamkeit wieder zu dem Häuschen hin. Immer wieder zog sie meinen Blick auf sich und somit auch auf den Blätterhaufen, der meine Ruine verbarg. Langsam wagte ich mich wieder näher, begann sogar einige Blätter zur Seite zu fegen, ein paar Scherben aufzusammeln und Stein auf Stein zu setzen.

Einen Menschen gab es jedoch, der hat es geschafft, mich aufrecht zu halten in all der Zeit. Ihm möchte ich ein paar Worte des Dankes widmen:

Du hast es mit ganz wenig geschafft, mir das Gefühl zu geben, etwas wert zu sein, gut so zu sein, wie ich bin. Mehr noch: Du hast mir mit nur einem Blick das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein. Du hast es geschafft, mit einem Blick das wett zu machen, was mir in all der Zeit eingeredet wurde. Wärst Du nicht gewesen, hätte ich diese Zeit nicht durchstehen können. So oft bin ich in den letzten zweieinhalb Jahren zusammengebrochen. So oft war ich kurz davor aufzugeben. Doch dann kamst Du. Hast mich angesehen mit diesem Blick, der mehr sagte als tausend Worte und ich spürte wieder Kraft in mir. Du hast an mich geglaubt, hast in mir das gestärkt, was andere versucht haben kaputt zu machen. Während ich mit Füßen getreten wurde und sie versucht haben, mich zu zerstören, hast Du mich nur angelächelt und ich wusste, dass ich das aushalten kann. Was Du mir in den letzten Jahren gegeben hast, ist unbezahlbar. Ich weiß nicht, wie Du das gemacht hast, aber ich danke Dir dafür. Du warst mein Fels in der Brandung in dieser stürmischen Zeit. Ohne Dich hätte ich das nie geschafft.

Eines Morgens war sie die Bergkiefer plötzlich weg. Dort wo sie stand, klaffte eine tiefe Wunde im Boden. Schnell schüttete ich diese zu und mit ihr die Ruine. Aus den Augen schaffen, vergessen. Zu schmerzhaft erschien mir dieser Flecken Erde. Machtlos stand ich ihm gegenüber. Wie sollte ich hier jemals wieder etwas aufbauen können?

Und nun stehe ich vor diesem formlosen Haufen Schutt, inmitten dessen ein Krater klafft, wo einst die Kiefer stand. Hin- und hergerissen bin ich zwischen dem Wunsch, diesen Flecken Erde wieder in Vergessenheit geraten zu lassen und ihm den Kampf anzusagen. Wie einfach wäre es, alles wieder zuzuschütten? Doch wie gern würde ich meine Ärmel hochkrempeln und hier für Ordnung sorgen, aus diesem unwirtlichen Ort eine Oase bauen. Visionen habe ich dafür genug, ich stehe es schon förmlich vor mir. Doch dann fällt mein Blick wieder auf den Schutthaufen. Wie soll ich das jemals schaffen? Alleine wird das kaum möglich sein…

Was ich jetzt brauche, sind Menschen, die an mich glauben. Die mir helfen, das wieder aufzubauen, was in diesen drei Jahren kaputt gegangen ist. Doch was ich vorfinde, sind Menschen, die mich an meinen Leistungen messen. Nicht an den tatsächlichen Leistungen, sondern an denen, die schwarz auf weiß geschrieben stehen, die einen Wert in der Gesellschaft haben. Nicht an dem, was ich in den letzten 10 Jahren geleistet habe. Dass ich noch lebe, allein das ist eine Leistung, die mir viel abverlangt hat. Ich habe für mein Leben gekämpft. Habe gegen meine psychische Krankheit gekämpft. Doch das zählt nicht, das ist nichts wert. Sie haben mich gefeiert, weil ich nun eine Leistung aufbringen konnte, die ich schwarz auf weiß hatte. Ich saß nur da und war erleichtert, dass ich endlich aus dieser belastenden Situation entkommen konnte. Stolz waren sie. Und ich? Ich konnte es nicht sein. Ich fragte mich nur, warum zur Hölle ich das durchgezogen habe obwohl es in mir so viel zerstört hat. Das frage ich mich auch jetzt noch. Die drei Jahre haben mir so viel abverlangt… und wofür das alles? Ich weiß es nicht. Ich habe es durchgezogen, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte. Weil ich schon davor am Boden lag und nicht klar denken konnte. Ich bin gebrochen in dieses Projekt gegangen und am Ende mit noch mehr Scherben in mir daraus hervorgegangen. Und jetzt? Muss ich beides aufarbeiten. Ich muss die Scherbenhaufen, die diese zwei Menschen in meinem Leben hinterlassen haben, wieder einsammeln und versuchen das zu reparieren, was da zu Bruch gegangen ist. Doch wie soll ich das bewerkstelligen, wenn ich nicht mal an mich selbst glaube? Eben dafür bräuchte ich sie, die Menschen, die statt meiner an mich glauben. Die mir den Halt und den Glauben geben, den ich mir gerade selbst nicht geben kann. Die mich unterstützen, mir Mut machen und mir dabei helfen, ein für mich lebbares Leben aufzubauen. Ein Leben, in dem ich trotz meiner psychischen Krankheit leben kann. Ein Leben ohne Leistung und ohne Druck. Ein Leben, mit dem ich klar komme. Doch das ist in dieser Welt nicht vorgesehen. Hier zählt Leistung. Und zwar nur die auf dem Papier. Was ich kann, was ich bin… all das zählt nicht, wenn es nicht jemand schwarz auf weiß beglaubigt hat.

Kraftlos und überfordert ziehe ich mich auf die Veranda zurück, wickle meine Kuscheldecke um mich und rolle mich in meinem Schaukelstuhl zusammen. Sanft wiege ich vor und zurück. Hier will ich bleiben… für immer. Hier wartet keine Aufgabe auf mich. Ich habe ich Ruhe und Schutz. Wenn es doch nur immer so bleiben könnte…

Wie geht es weiter? Momentan weiß ich es nicht… Ich will mich nur verkriechen. Mich verstecken vor der Welt, ihrem Streben nach Leistung und ihrem Druck. Auch vor denen, die mich nicht verstehen können oder wollen und vor denen, die mich am Boden sehen wollen. Ich möchte in meiner Seifenblase bleiben, weil mir hier niemand wehtun kann. Weil ich hier sein kann wer ich bin und weil es hier okay ist, wie ich bin. Ich bin angeschlagen. Die Welt da draußen würde mich jetzt zerbrechen. Wann ich wieder stark genug sein werde, in die Welt hinaus zu gehen, das weiß ich nicht. Ob ich es überhaupt will? Ehrlich gesagt… nein. Weil sie mich immer und immer wieder zerbricht, mir weh tut und mich auf den Boden wirft. Ich kann das nicht mehr und ich will das auch nicht mehr. Alternativen? Dafür müsste ich kämpfen. Dafür bräuchte ich Kraft, Mut und den Glauben an mich selbst. Doch dort wo ich das finden sollte, liegen nur Scherben auf dem Boden.

Vielleicht ist momentan nicht die Zeit, dass ich etwas von mir verlange. Vielleicht ist jetzt einfach nur die Zeit, die Wunden heilen zu lassen, die Scherben aufzusammeln. Aufräumen, ehe etwas Neues entstehen kann. Vielleicht bin ich dann auch wieder stark genug. Vielleicht…

Ich will den Schutthaufen nicht wieder zudecken, ihn nicht in Vergessenheit geraten lassen. Doch jetzt ist nicht die Zeit, um ihn wieder aufzubauen. Zu erschöpft bin ich nach den Stürmen der letzten Jahre. Es braucht Geduld um Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen. Vielleicht habe ich Glück und es finden sich Helfer, alleine werde ich es nicht schaffen…

2 Gedanken zu “Gartenruine – Abreißen oder reparieren?

  1. Hallo Sabine,

    Dein Text hat mich wieder sehr berührt. Ich finde mich da absolut wieder. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du das Leben irgendwie packst. Ich schicke dir mal die Zeilen aus dem Lied was ich immer wieder höre, wenn ich psychisch angeknackst bin. Es heißt das du bleibst von Luxuslärm. Der Textteil lautet:

    Auch wenn dein Weg, in eine andere Richtung zeigt.
    Du musst ihn geh’n, nur bitte nicht zu weit.
    Und so wie du bist, will ich dich nicht verlieren.
    Du bist hier wichtig, vergiss nicht. Es ist nur wichtig, dass du bleibst!

    Gefällt 2 Personen

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