Der undurchdringliche Nebel

Willkommen Depression

„Für sich selbst sorgen
ist nicht egoistisch,
sondern lebensnotwendig.“
~Veronica Ray~

Ein grauer Schleier, raubt mir die Sicht. Ich höre Stimmen, doch sehen, kann ich nur dunkle Schatten hinter der Nebelwand. Sie rufen mir etwas zu, doch ich kann sie nicht verstehen. Der Nebel verzerrt ihre Stimmen. Ich laufe auf die Schatten zu, will die Nebelwand durchbrechen. Doch meine Beine werden schwer. Der Nebel hält mich zurück. Er lahmt meine Muskeln und legt sich schwer auf meine Glieder. Ich rufe den Stimmen zu, doch sie antworten nicht. Ich versuche es wieder, forme mit meinen Händen einen Trichter vor meinem Mund und brülle aus Leibeskräften. Ich lausche meiner Stimme, nicht mehr als en Krächzen.

Erste Anzeichen einer Depression

Seit drei Tagen hänge ich nun in diesem grauen Schleier. Meine Stimmung ist bedrückt, meine Energie geschwunden. Die Freude kommt nicht zu mir durch, ebenso wenig die Menschen. Ich versuche alles zu machen wie bisher, versuche aufrecht stehen zu bleiben, pflege Rituale, kümmere mich gut um mich, doch der graue Schleier bleibt.

Ich stelle mir vor, wie es jetzt wäre, wenn ich arbeiten würde. Das jagt mir einen Schauer über meinen Rücken. Was ich jetzt brauche, ist Ruhe und Zeit für mich. Einen heilsamen Rückzug. Ich weiß nur zu gut, wie schnell aus dem grauen Schleier ein Winter werden kann, wie schnell die Depression in jede meiner Zellen kriechen kann.

Hier habe ich die Zeit und die Ruhe, die ich brauche, um den Schleier sanft wegzuscheuchen. Doch da draußen in der Welt, dort fehlt mir die Kraft. Dort muss ich funktionieren, immer lächeln, meinen Beitrag leisten, darf nicht schwächeln. In depressiven Phasen fällt es schwer, den Alltag zu bewältigen, es fällt schwer, aufrecht stehen zu können. Doch bin ich dann auch noch da draußen in der Welt und muss funktionieren, dann komme ich schnell ans Ende meiner Kräfte. Und dann? Stecke ich meine letzte Kraft ins Funktionieren. Alles andere bleibt außen vor. Mich jetzt noch um mich selbst kümmern? Woher die Kraft nehmen?

Zudem ist meine Haut wie Pergament. Ein schiefer Blick, ein kritisches Wort oder auch nur die Einbildung dieser, und es reißt tiefe Wunden. Wunden, die wiederum Energie brauchen, um zu heilen.

In solchen Phasen erscheint es mir unmöglich, in der Welt dort draußen zu funktionieren. Ich brauche die Zeit für mich, brauche die Ruhe, die Möglichkeit, mich zurückziehen zu können, um mich zu pflegen, mich zu heilen, mich in den Arm zu nehmen und zu beschützen. Das ist wichtiger, als zu funktionieren.

Selbstfürsorge ist wichtiger, als zu funktionieren.

Die Depression – ein Teil von mir

Was mache ich also, jetzt wo du Depression mir wieder im Nacken sitzt? Ich lasse mich nicht unterkriegen! Aber vor allem, habe ich gelernt, sie nicht zu bekämpfen, sondern sie anzunehmen. In den letzten Wochen ist mir ein Satz immer wieder vor meine Augen gesprungen:

„Du bist gut so wie du bist!“

Was bedeutet das? Für mich bedeutet es vor allem, dass ich mich nicht mehr für Menschen verbiegen möchte. Nicht für Menschen, nicht für Jobs… eben für gar nichts.

Ja, ich bin sensibel.
Ja, ich habe andere Vorstellungen vom Leben.
Ja, ich habe Stimmungsschwankungen.
Ja, ich halte Druck nicht aus.
Ja, ich habe Depressionen.
Und das ist auch gut so!

Hä? Was? Ja, Du hast mich schon richtig verstanden! Ich habe Depressionen und das ist auch gut so! Sie ist ein Teil von mir und wird es immer bleiben. Sie zu bekämpfen, kostet nur unnötige Kraft und schadet mir selbst. Es ist, als würde ich eine Abneigung gegen meinen linken Arm bekommen, es mir Angst einjagen, wenn ich ihn sehe, ich mich für ihn schäme. Wie wäre das? Ich würde versuchen, ihn zu verstecken, hätte ständig Angst, dass ihn jemand entdecken könnte, ich würde all meine Kraft darin stecken, ihn zu verbergen und klein zu halten. Aber wozu? Er ist ein Teil von mir und wird es immer bleiben. So ist das auch mit der Depression. Ich merke, dass es mir besser geht, wenn ich sie annehme, anstatt sie zu bekämpfen. Ich versuche es so zu sehen, wie eine Magenverstimmung. Denn dann horche ich ja auch in mich hinein, frage meinen Magen, was ihm denn da nicht bekommen ist und pflege ihn eben mit dem, was er braucht. Er bekommt Ruhe, Schonkost, eine Wärmflasche und ich achte darauf, dass ich ihm nicht wieder antue, was ihn in die Situation gebracht hat. Die Depression ist nichts anderes. Auch hier kann ich mich fragen, was ich brauche.

Die Depression ist ein Teil von mir und das ist gut so.

Selbstfürsorge bei Depressionen

Was also, brauche ich jetzt? Ich horche in mich hinein, darin habe ich inzwischen etwas Übung. Die Antworten kommen schnell:

  • Ruhe
  • Rückzug
  • keine to-do´s
  • positive Sozialkontakte in Maßen
  • leichte Bewegung
  • Wohlfühl Filme und Bücher
  • Wohlfühl Essen
  • Wellness
  • Schneckentempo

Was heißt das nun genau? Das heißt für mich, dass ich heute nichts muss. Ich mache nur das, wonach mir ist. Alles andere kann warten. Ich werde mir die Ruhe geben, die ich brauche. Wird es mir draußen zu laut, dann kuschle ich mich eben in mein Bett und schließe die Fenster. Auch mein Handy bleibt aus. Ich schaue meine Lieblingsfilme, weil die mich mit ihrer Stimmung einlullen, als würden sie mich sanft in den Arm nehmen und hin und her wiegen. Ich koche mit Liebe, schenke meinem Körper eine Pflegebehandlung und mache alles ganz, ganz langsam. Ich lächle, heiße die Welt willkommen und auch die Depressionen. Fülle meine Gedanken mit Sanftmut, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind pflegt. Doch ich ermahne mich auch. Etwas Bewegung muss sein. Sträubt sich alles in mir und ich will nicht raus, dann wenigstens in der Wohnung etwas machen. Ein wenig an der Klimmstange hin und her schwingen (das macht nämlich mehr gute Laune als Klimmzüge machen) oder jonglieren, auch das macht gute Laune. Auch die Sozialkontakte, die darf ich nicht ganz abreißen lassen. Doch ich suche sie mir jetzt umso bewusster aus. Wähle Menschen, die mich nicht unter Druck setzen, die mich mit ihrem Tempo nicht in Schwindel versetzen und die es mir nicht übel nehmen, wenn ich sie heute nicht zum Lachen bringe. Ich behandle mich mit Verständnis, Fürsorge und Liebe. Ich bin gut zu mir und achte auf meine Bedürfnisse. Ich lade die Depression auf einen Kaffee ein, anstatt mit aller Kraft die Tür vor ihr zu zuhalten.

Verständnis, Fürsorge und Liebe statt Angst, Kampf und Hass.

Ehe mich die Verzweiflung übermannen kann, höre ich eine Stimme ganz klar durch den Nebel. Ein lautes, trötendes Rufen. Hannes. Meine Nilgans ist wieder da. Ich drehe mich um, suche seine Silhouette zwischen all den Schatten, doch vergebens. Mehr aus Gewohnheit denn aus Zuversicht rufe ich ihn. Habe ich doch wenig Hoffnung, dass er mich durch den Nebel hört. Doch da ertönt wieder sein Tröten. Ich erahne die Richtung und taste mich langsam vor. Kleine Schritte, die Arme vor mir ausgestreckt aus Angst, mir den Kopf an der nächsten Mauer aufzuschlagen. Aber Hannes gibt nicht auf, er ruft weiter nach mir, wartet irgendwo hinter dem Nebel auf mich. Bald höre ich auch sein Flügelschlagen, er kann nicht mehr weit sein. Da tauchen die kantigen Umrisse der Verandatreppe vor mir auf. Ich hebe den Kopf und da sehe ich ihn. Fröhlich hüpft er auf der obersten Stufe auf und ab. Freudig, mich zu sehen. Erleichtert erklimme ich die Stufen und streichle ihm über seinen schmalen Kopf. Aufgeregt schlägt er mit den Flügeln und schnattert zufrieden. „Jaja, ich weiß was du willst“, sage ich lächelnd.
Eine halbe Stunde später habe ich mich mit einer Tasse Tee in den Händen und mit einer Decke um die Schultern in den Schaukelstuhl gekuschelt. Hannes sitzt auf meinem Schoß und hat den Kopf unter seinen Flügel gesteckt. Zufrieden ist der Kerl nun, hat er doch seine Lieblingskräuter bekommen und darf sich auf meinen warmen Schoß kuscheln.

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