Die Schafe weiden mit einem Bein auf der Flucht

Kann man den Moment festhalten?

„Hast Du das auch gehört?“ „Was?! Wo?!“

„Angst ist eine gute Methode,
nichts zu verändern.“
~Ute Lauterbach~

Friedlich weiden die Schafe auf der Rasenfläche neben meinem Teich. Die Abendsonne malt ihre Schatten in lange, groteske Formen und lässt ihre Rückenlinien magisch leuchten. Rhythmisch zupfen ausdauernde Mäuler am frischen Gras und erzeugen damit eine beruhigende Melodie.
Ich sitze auf meiner Schaukel und lasse mich sanft hin- und herschwingen. Auf meinem Schoß, eine Katze, die sich, wie durch mein gleichmäßiges Kraulen hypnotisiert, in den Schlaf schnurrt. In den Ästen der Bäume singen die Vögel ihren Abendgruß, ehe sie sich zum Schlafen im Geäst verkriechen. Ich tauche ganz in diese friedliche Szenerie ein. Bin berauscht von ihr und möchte sie am liebsten für die Ewigkeit festhalten. Kurz überlege ich, mein Handy zu holen, um ein Foto zu machen. Doch würde ich aufstehen, würde ich die Friedlichkeit dieses Moments zerstören. Und, was fängt ein Foto schon ein? Nichts außer Formen und Farben. Keine Geräusche, keine Gefühle… Ein Foto ist nur ein billiger Abklatsch von einem wunderschönen Augenblick. Es ist, als würde man ein herrliches Essen genießen und am Abend, beim Zähneputzen, noch ein Stückchen davon zwischen seinen Zähnen wiederfinden. Dieses Stückchen, ist das Foto. Es wäre nichts, ohne die Erinnerung dahinter. Ich zucke kurz bei dem Gedanken. Ganz unmerklich. Doch es reicht aus, um die Szene zu zerstören. Die Katze springt mir meckernd vom Schoß und die Schafe springen erschrocken zum Tor hinaus. Und ich? Sitze noch immer auf der Schaukel. Allein. Innerlich verfluche ich mich. Hätte ich mich doch nur nicht bewegt! Wäre ich doch bloß ganz ruhig sitzen geblieben. Dann hätte der Moment angehalten. Doch wie lange? Bis mir die Beine eingeschlafen wären? Bis die Schafe satt wären? Bis die Katze eine Maus entdeckt hätte? Oder bis die Sonne hinterm Horizont verschwunden wäre? Irgendwann ist eben jeder Moment einmal zu Ende.

Ich bin erstarrt. Verharre im Augenblick. Ich habe Angst, mich zu bewegen. Angst, etwas zu verändern. Hier ist es doch aushaltbar. Warum weitergehen? Aber irgendwie hatten wir das Thema doch schon mal: Windstärke Rot.
Hat sich seitdem was geändert? Naja, irgendwie nicht viel. Ich wollte mir einen Plan machen, Zwischenziele setzen, meine Kräfte schonen und mir Unterstützung holen. Wie gut, dass ich hier alles aufzeichne, dann kann ich es selbst nicht vergessen. Nur was ist mit dem Umsetzen?! Es wird Zeit, für einen Arschtritt!

Kräfte schonen

Auf mich achten, das kann ich momentan wohl ganz gut. Ich hab ja auch Zeit dazu. Gut, es könnte besser laufen, aber andererseits wollte ich ja auch meinen Perfektionismus wegtherapieren… Also ist alles gut so, wie es ist. Ich schaffe es, meinen Tagen Rhythmus zu geben, lebe nicht in den Tag hinein. Ich schaffe es auch jeden Tag, Dinge zu erledigen (putzen, einkaufen, ausmisten, Finanzen, usw.). Auch soziale Kontakte pflege ich (unter Einschränkung der Kontaktsperre) ziemlich gut. Okay, ich wünschte, ich würde es jeden Tag schaffen, raus zu gehen und mich etwas im Wald zu bewegen (Radfahren, joggen, spazieren) und ich würde auch gerne wieder meditieren. Für Letzteres bin ich aber scheinbar noch immer zu unruhig und was die Bewegung im Wald angeht… ich schaffe es mehrmals die Woche, das ist doch schon mal was! Nicht zu viel wollen… Heute Morgen habe ich den Balkon geputzt und dazu natürlich auch alles erst einmal rein geräumt, um den Boden wischen zu können. Eigentlich wollte ich heute noch die ganze Wohnung putzen, aber uneigentlich bin ich müde. Daher machte ich zunächst eine Pause und bin dann auf dem Balkon eingeschlafen. Herrlich! Putzen kann ich auch Morgen noch…
Also ja, Kräfte schonen klappt ganz gut. Ich merke aber auch, dass meine Kräfte längst nicht bei ihrer alten Stärke sind. Mit Vollgas in ein neues Projekt starten? Das erscheint mir noch immer unrealistisch. Da hilft auch kein Druck, da hilft nur radikale Akzeptanz.

Unterstützung suchen

Ähm… also ich will seit 2 Wochen meinen Therapeuten anrufen… oder sind es schon drei? Es steht in meinem Kalender. Das weiß ich ganz genau, denn ich streiche das alle paar Tage durch und schreibe seinen Namen auf die Seite der nächsten Woche. Respekt! Das klappt ja super. Übermorgen… da hat er wieder Telefonsprechstunde. Da muss ich es schaffen!
Was mich davon abhält? Wenn ich das mal wüsste… Momentan sträubt sich alles in mir, wenn es an die Umsetzung meiner Zukunft geht. Ich weiß genau, dass er mir da in den Arsch treten wird.

Dann gibt es da noch den externen Berater vom Amt, mit dem ich seit zwei Wochen wegen der Selbstständigkeit in Kontakt bin. Naja, zumindest habe ich den Kontakt bereits gesucht und die Hilfe angefragt. Jetzt müsste ich nur mal den Antrag stellen… Doch auch dann wird das alles irgendwie… naja, es wird „wahr“ und da wo der Traum in Realität übergeht, da kann man scheitern, man kann hinfallen und verletzt werden. Das kann man im Traum nicht.

Weitere Unterstützer? Es gibt einige Menschen, die hinter meinem Vorhaben stehen und mit denen ich darüber sprechen kann. Das tut gut! Sie nehmen mich ernst, können meine Gedanken nachvollziehen und bestärken mich in meinen Plänen. Bei all meinen Zweifeln und Ängsten, sind diese Menschen Gold wert. Sie unterstützen mich emotional, vielleicht ist das aber auch genau der Punkt, an dem ich die meiste Unterstützung benötige.

Planung

Zählen wirre Gedanken im Kopf auch als Planung? Nicht? Gut… also keine Planung. Warum nicht? Weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich habe mehrere Veränderungen in meinem Leben vor und weiß nicht, welche ich zuerst in Angriff nehmen soll. Was ist sinnvoller: Zunächst eine günstigere Wohnmöglichkeit zu suchen oder erst in die Selbstständigkeit zu springen? Während ich das schreibe, kommt es mir selbst lächerlich vor. Denn am Ende ist es doch egal wie rum ich es anfange. Nach Wohnmöglichkeiten habe ich gesucht. Außer einer WG erscheint mir momentan nichts wirklich sinnvoll. Doch dafür, habe ich noch nicht die passende Person gefunden. In dem Punkt komme ich also im Moment ohnehin nicht weiter. Also nächster Plan: Selbstständigkeit. Da schwirren mir folgende Gedanken durch den Kopf: Zwei Standbeine in der Selbstständigkeit oder einen Halbtagsjob und nebenbei selbstständig oder selbstständig und nebenbei einen Nebenjob. Sicherlich eine Kostenfrage. Müsste ich also alles einmal ausrechnen. Dann stellt sich auch noch die Frage, inwieweit das Amt mich fördern möchte. Momentan schwer herauszufinden, denn einen Beratungstermin gibt es nicht und ansonsten sind die nicht erreichbar. Doch wer kann mir dabei helfen? Genau, der Berater! Was also machen? Den Antrag auf die Beratung stellen! Bevor ich nicht einige wichtige Entscheidungen getroffen habe, kann ich mich auch nicht für einen konkreten Weg entscheiden. Und solange gibt es nun mal auch keinen Plan. Also Infos einholen, Entscheidung treffen und Plan machen.

Zwischenziele

Ohne Plan, keine Zwischenziele. Oder? Ich denke schon wieder zu weit. Suche Ziele, auf einem Weg, den ich noch nicht sehen kann. Dumm, oder? Also noch mal kurz besinnen, wo ich jetzt stehe. Und ja, ich kann auch hier kleine Zwischenziele abstecken.

Kosten senken
Gut, umziehen kann ich zwar noch nicht (und das ist nun mal leider der größte Kostenfaktor), aber dafür kann ich an kleinen Rädchen drehen. Einiges habe ich schon umgestellt, um Geld zu sparen. Der Weg ist klar. Nun heißt es, die nächsten Schritte gehen. Wofür gebe ich im Alltag Geld aus (Lebensmittel, Pflegeprodukte, alles rund um die Katz) und wie kann ich meine Einkäufe optimieren? Wo kann ich sparen? Was ist vielleicht unnötig? Was kann ich noch selbst herstellen?
Auch beim Thema Stromsparen kann ich sicherlich noch den einen oder anderen Euro einsparen. Und genau darum geht es: hier und da ein paar Euros einsparen.

Einfachheit leben
Auch bei dem Thema habe ich schon viel umgesetzt. Ich besitze wenig Technik und versuche möglichst alles selbst zu machen. Zugegeben, in den letzten drei Jahren habe ich das aus Zeitgründen etwas vernachlässigt. Es wird also wieder Zeit, sich diesem Thema zu widmen.
In den letzten Wochen habe ich ohne Ende ausgemistet. Der Keller steht noch an, aber aus der Wohnung ist schon eine Menge rausgeflogen. Zu meiner Freude, haben sich andere über die Dinge sehr gefreut und hier und da gab es noch einen Euro dafür. Ein Minimalist werde ich allerdings nie. Zumindest nicht, was den Besitz angeht. Versteh mich nicht falsch, es geht hier nicht um teuren Besitz, jedoch finden sich in meiner Wohnung Unmengen an Büchern, Pflanzen, Bildern und Fundstücken aus der Natur. Alles nicht wertvoll, doch für mich macht das Gemütlichkeit aus.

Meinen Rhythmus leben
Hier komme ich am Thema Job nicht vorbei. Und auch nicht am Thema Selbstständigkeit. Das scheint für mich inzwischen klar zu sein. Ich bin selbst noch ganz erstaunt darüber. Doch wie sagte meine Nachbarin heute Morgen noch so schön: „Was ist denn das Schlimmste, das passieren kann?“ Tja, eigentlich nichts. Vielleicht klappt es nicht, vielleicht bin ich dann arbeitslos, vielleicht muss ich mir dann einen neuen Weg suchen. Und? Dann stehe ich eben wieder hier und das ist irgendwie gar nicht so schlimm. Also ran an die Planung! Zu verlieren gibt es nichts.

Nach meinen Werten leben
Neulich stand ich mit einer Nachbarin auf dem Hof. Sie gehört zu denen, die einem ungefragt ihre halbe Lebensgeschichte erzählen und dabei nicht einmal Luft holen. Nach ca. 10 Minuten wurde ich unruhig. Gedanklich war ich bereits beim Einkaufen und meinen anderen Erledigungen. Da sagte etwas in mir „Du hast doch Zeit! Lass sie reden, die braucht das gerade.“ Irgendwie brachte mich das wieder in den Moment zurück und ich wurde wieder entspannt. Ich war nicht mehr in der Situation, in der meine nervige Nachbarin mir Lebenszeit klaute, sondern ich befand mich in einer Situation, in der ich meiner einsamen Nachbarin Lebenszeit schenkte.

Ich stand vor meinem Kleiderschrank und suchte eine kurze Hose und ein Langarmshirt heraus. Die hatte ich seit dem letzten Sommer nicht mehr an. Als ich sie dann an hatte, merkte ich, dass ich zugenommen hatte. Hastig überlegte ich, was ich anziehen konnte, damit ich nicht so „fett“ aussehe. Dann lachte ich innerlich auf und sagte zu mir selbst: „Ist doch egal! Wen juckt das?“

Also auch hier, hat sich einiges in mir bewegt. Mein nächster Schritt: Ich möchte mir für bestimmte Werte ein Mantra überlegen und das in Situationen aufsagen, in denen es mir noch schwer fällt, nach meinen Werten zu handeln.

Selbstbestimmt leben
Damit meine ich vor allem, dass ich meine Gefühle nicht mehr so sehr von den Einwirkungen anderer bestimmen lassen möchte, aber auch, dass mir die Meinungen anderer am A…. vorbeigehen sollen. Doch wie soll ich das anstellen? Auf Anhieb fällt mir noch nichts Wirkungsvolles dazu ein. Da muss wohl eine Recherche her.

Aufgaben und Ziele

  • meinen Therapeuten anrufen… nein, nicht nächste Woche! Donnerstag!!!
  • Antrag auf Beratung beim Amt stellen, auch diese Woche
  • mindestens 3x die Woche in den Wald zur Bewegung
  • Aufstellung der benötigten Lebensmittel und Pflegeprodukte
    Preisvergleiche dieser
    Alternativen suchen bzw. aussortieren
    selber machen
  • Mantras für meine Werte erstellen
  • Methoden finden, wie ich meine Gefühle und Meinungen vor Einflüssen schützen kann

Ich kann ihn nicht festhalten, den Moment. Er vergeht zwangsläufig, egal was ich versuche, um ihn auszudehnen. Es ist die Erinnerung, die ihn ausdehnt, nicht das Foto. Ich stoße mich kräftig vom Boden ab und schwinge mich höher und höher dem Himmel entgegen. Ein Sonnenstrahl kitzelt mich am obersten Punkt an der Nase. Ich schließe die Augen und für einen Moment fühlt es sich an, als würde ich fliegen. Dann ist der Moment vorbei und ich sinke wieder Richtung Boden. Dort stoppe ich die Schaukel und hüpfe herunter. Aus einem Busch heraus schaut meine Katze mich misstrauisch an. Lachend renne ich los. Sie versteht meine Aufforderung und rennt mir hinterher. „Jaja, du bist immer schneller als ich!“, feixe ich und erobere nach ihr die Verandastufen. Oben angekommen, drehe ich mich noch einmal um und blicke zur Schaukel hinüber. Das Gefühl zu fliegen rauscht durch meinen Körper. Zufrieden wende ich mich wieder meiner Katze zu und folge ihr nach drinnen. Ehe ich die Türe schließe, höre ich noch die Schafe hinter mir blöken.

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