Den Garten aus einem anderen Blickwinkel betrachten

Wenn Dir nicht gefällt, was Du siehst, schau durch ein Kaleidoskop

Von Nahem wirken Regentropfen wie wertvolle Diamanten.

Nebel hängt dicht über dem Boden. Der Himmel ist grau. Die Wolken hängen tief und die Luft ist so klamm, dass ich kurz überlege, die Wäsche an der Luft zu waschen. Ich habe eine dicke Steppdecke eng um meine Schultern geschlungen, sie mir sogar über den Kopf gezogen. Es ist kalt. Es ist ungemütlich. Ich mag nicht hier sein. Aber ich muss. Denn ich weiß, dass die Arbeit nur schwerer wird, je länger ich sie liegen lasse. Ich weiß, dass ich da durch muss. Mich fröstelt es. Ich ziehe die Decke noch enger, halte die Tasse mit heißem Kaffee unter meine Nase. Selbst der ist beim Anblick des Gartens nur noch lauwarm. Der Nebel verdeckt den Großteil des Gartens. Nur den Apfelbaum, den sehe ich noch deutlich. Inmitten der matschigen, aufgeschwemmten Erde steht er da. Matschige Erde? Ich lasse meinen Blick über den einst grünen Rasen schweifen. Nicht nur, dass die Erde aufgeschwemmt ist, ich entdecke auch unförmige Krater in ihr. In gleichmäßigem Abstand schlängeln sie sich durch den Garten, bis hin zu meinem Apfelbaum. Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, was ich da vor mir sehe: Fußabdrücke. Ziemlich große Fußabdrücke. Ich weiß, was das bedeutet. Ich kenne sie zu gut. Es war wieder da, mein Monster. Die Kälte der Luft zieht mir schlagartig bis auf die Knochen. Meine Nackenhaare stellen sich auf und mir läuft ein grausiger Schauer über den Rücken. Unbewusst mache ich einige Schritte rückwärts.
Mein Blick wandert wieder hinüber zu dem Apfelbaum. Kahl steht er da. Wenn ich nicht wüsste, dass er vor kurzem noch Äpfel getragen hat (nicht viele, aber immerhin), würde ich ihn für tot erklären. Ich würde in fällen. Brennholz aus ihm machen. Aus seinem Stumpf einen Hocker machen oder ihn mit einem Blumentopf bestücken. Ich würde…. Ein aufgeregtes Piepsen lenkt mich von meinen düsteren Gedanken ab. Mein vernebelter Blick registriert ein Flattern an meinem Apfelbaum. Ich reibe mir die Augen um klarer sehen zu können. Ein Lächeln huscht mit übers Gesicht. Ganz zaghaft, aber doch spürbar. Einen Apfel hat das Monster wohl vergessen zu pflücken. Ganz oben, versteckt in der Krone, hängt noch einer. Auf ihm sitzt stolz eine Blaumeise.

Neuer Tag, neues Glück… oder?

Ich finde schon! Seit einer Woche kämpfe ich nun gegen Psychocrashs und Selbstzweifel. Ich habe jetzt einfach keine Lust mehr! Ich erinnere mich an den Entspannungsdreiklang:

1. Du musst nichts verändern.
2. Du musst nichts erklären.
3. Du musst nichts bewerten.


Ich muss nichts verändern. Ja, es ist wahr. Ich muss hier und jetzt nichts verändern. Gut, ich werde so einiges verändern müssen, bzw. will ich es ja auch, aber hier uns jetzt muss ich erst einmal gar nichts machen. Gestern habe ich mit Tränen erstickter Stimme zu meiner Freundin gesagt: „Ich brauche eine Veränderung, aber mir fehlen Kraft und Selbstbewusstsein dafür!“ Na schau mal einer an! So blöd bin ich ja gar nicht, nicht mal mitten im Psychocrash. Ich habe selbst in dem Moment genau erkannt, was ich brauche. Kraft und Selbstbewusstsein. Ohne geht es nicht. Ohne kann ich auch nichts erzwingen. Ich kann ich jetzt also weiterhin unter Druck setzen, um eine Veränderung zu erzwingen, dabei weiterhin Kraft verlieren, oder ich kann das ganze mal logisch angehen und mir erst die Werkzeuge beschaffen, die ich benötige.

Ich muss nichts erklären. Puh… jetzt wird es schwierig. Ja, ich weiß, dass ich niemandem etwas erklären muss. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen. Es ist mein Leben und das kann ich gestalten wie ich das will. Ja, ich weiß… Aber es fällt mir schwer. Warum? Weil mir, siehe oben, das nötige Selbstbewusstsein fehlt. Ich habe eine Vision von meinem Leben. Ich weiß, was ich will. Das habe ich mir in den letzten Wochen hart erarbeitet. Ich weiß auch, warum ich das will. Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran. Und doch… ein kleiner Hauch Gegenwind, ein zweifelnder Blick, ein spöttischer Unterton und mein Konstrukt fällt zusammen. Das dümmste an der Sache ist, dass jeder Mensch, dem ich erkläre, wieso und warum ich vorhabe, was ich vorhabe, das auch versteht. Es sind die Menschen, die nicht miterleben, wie es mir in den letzten Monaten ergangen ist, die nicht wissen, wie es in mir aussieht, die mein Vorhaben belächeln. Nicht einmal das, sie belächeln den winzigen Teil, von dem sie wissen. Ohne nachzufragen, was dahintersteckt. Sie belächeln es, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, es zu verstehen. Belächeln es, wie sie auch mich immer belächeln. Bei aller Liebe, was gebe ich auf solche Menschen? Selbst wenn sie mir nah stehen. Bisher habe ich in solchen Situationen immer den Fehler bei mir gesucht. Ich reagiere zu emotional. Ich erkläre nicht vernünftig, was mein Vorhaben ist. Deswegen kommt es irrational, unüberlegt und sprunghaft rüber. Aber was, wenn ich den Spieß mal umdrehe? Hat mein Gegenüber je gefragt, was genau ich vorhabe und warum? Nein. Er tut es einfach ab als weiteren Unsinn, den ich verzapfe. Vor langer, langer Zeit, hat jemand die weiße Flüssigkeit aus dem Euter einer Kuh probiert. Wie viele ihn dafür wohl ausgelacht haben?
Es fällt schwer, über den Tellerrand zu sehen. Es fällt schwer, Ideen Raum zu geben, die so sehr von der eigenen Norm abweichen. Aber wir alle müssen endlich mal einsehen, dass nicht jeder Mensch in ein Muster passt. Ja, wir müssen alle in irgendeiner Form gemeinschaftlich auf diesem Planeten leben, aber dabei dürfen wir uns selbst nicht vergessen. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um glücklich zu sein oder, wie in meinem Fall, um überhaupt mit diesem Leben klar zu kommen.
Mein Verstand weiß all das, aber meine Emotionen sind nun einmal ein Spielball. Gut, muss mein Verstand sie eben schützen. Was das heißt? Kontakteinschränkung zu den Personen, die mich belächeln. Kontaktaufbau, zu den Menschen, die mich unterstützen wollen.

Ich muss nichts bewerten. Hmmm…. was kann ich damit anfangen? Vor allem sollte ich mich selbst nicht bewerten, denn die Bewertung fällt stets schlecht aus. Meine Maßstäbe sind zu hoch. Ich sollte mehr Rücksicht und Mitgefühl zeigen. Seit einer Woche „schaffe“ ich nicht viel. Ja… aber seit einer Woche habe ich auch kaum Kraft dazu. Wenn ich mir so überlege, was ich am Boden liegend alles trotzdem geschafft habe, dann sollte ich stolz sein. Okay, das wäre zu viel verlangt. Ich überlebe… ich gebe nicht auf. Ich bin immer noch hier. Dabei kommt mir momentan alles so hoffnungslos vor. Ich glaube nicht daran, dass ich es schaffen werde, dass ich mir ein Leben aufbauen kann, mit dem ich klarkomme. Ich glaube nicht, dass ich jemals zur Ruhe kommen werde. Und doch… stehe ich jeden Morgen auf. Koche mir jeden Morgen meinen Kaffee. Mache ein Wettrennen mit meiner Katze nach draußen. Dort springt sie mir auf den Arm und wir begrüßen lachend die Welt. Was der Tag danach bringt, das steht auf einem anderen Blatt. Ich kämpfe… das ist anstrengend und ich liege oft genug verzweifelt auf dem Boden, aber ich stehe auf. Immer und immer wieder. Ich bewerte das jetzt, auch wenn ich es nicht soll: Ich kann stolz auf mich sein. Zumindest in meinem Verstand ist es angekommen. Mein Gefühl weigert sich noch es zu glauben.

Bäuchlings liege ich im feuchten Gras, die Nase ganz dicht über dem Boden schwebend. Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich die Tautropfen, die sich auf den Spitzen der Grashalme sammeln. Selbst im schwachen Licht funkeln sie noch wie Diamanten. Eine Ameise läuft geschäftig zwischen den Halmen umher. Sie weiß nichts von der großen weiten Welt. Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, dass sie sich in meinem Garten befindet. Ihre Welt ist hier unten, zwischen den Halmen. Sie weiß auch nichts von meinen Sorgen oder meinen Ängsten. Während ich sie so beobachte, wirkt meine Welt plötzlich ganz klein. Alles schrumpft auf ein paar Grashalme. Meine Sorgen hängen wie funkelnde Tautropfen an meiner Seele.

4 Gedanken zu “Den Garten aus einem anderen Blickwinkel betrachten

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