Windstärke Rot

Druck – Wo kommt er her?

Der Regen bringt jeden dazu, den Kopf hängen zu lassen

Mutlos starre ich nach dem strömenden Regen der letzten Tage in den Garten. Die Blumen lassen die Köpfe hängen, der Boden ist aufgeweicht und so schwammig, dass er kaum einen Schritt trägt, die Tiere haben sich verkrochen vor dem kalten Nass, vor der Tür zum Gartenhaus liegt ein dicker Ast und versperrt den Zugang, der Komposthaufen ist unter der Wasserlast aufgebrochen, der Teich über sein Ufer getreten, der Apfelbaum hat seine Äpfel abgeworfen, das Gemüsebett ist unterschwemmt und der Nebel steht so dicht, dass ich meine Bäume und Sträucher nicht erkennen kann. So viel Chaos… so viel zu tun. Seufzend lasse ich mich auf den Verandastufen nieder. Wo soll ich nur anfangen? Wie soll ich an mein Werkzeug kommen, wenn der Zugang zum Gartenhaus versperrt ist? Wie soll ich überhaupt den Garten betreten, wenn jeder Schritt zur Rutschpartie wird und dem Boden unter meinen Füßen schadet?
Ein Quietschen lässt mich aufhorchen. Ich blicke Richtung Zaun. Na toll! Wind und Regen haben auch noch das Gartentor aus den Angeln gehoben. Sonst noch was?! Ich will mich in meinen Schaukelstuhl kuscheln und die Decke über den Kopf ziehen. Ich will das alles nicht sehen! Will die ganze Arbeit, die da auf mich wartet, vergessen. Ich wende den Kopf und schaue auf den so friedlich dastehenden Schaukelstuhl. Verlockend. Dann blicke ich wieder in den Garten, seufze erneut, stemme die Hände auf die Knie und richte mich mühsam auf. Ich recke mich. Drehe meine Arme in alle Richtungen. Strecke den Rücken. Schüttle die Beine aus. Dann kremple ich meine Ärmel hoch, stemme die Fäuste in die Hüften und sage, noch etwas kleinlaut: „Nee! Die Arbeit macht sich nicht von alleine. Aufstehen Fräulein und ran an die Arbeit!“

5. Tag der Unruhe.
5. Tag unter Druck.
5. Tag ohne Konzentration.
5. Tag Verzweiflung.
5. Tag Tränen.
5. Tag schmerzender Körper.
5. Tag rasende Gedanken.
5. Tag Schmerz in der Seele.

Aber heute ist Tag 6… und ich sage STOP!!!
Das hier ist mein Leben! Ich habe keine Lust mehr auf diese negativen Gefühle, die Anspannung und die Schmerzen. Ich will meine Tage wieder genießen können, will mich auf die Zukunft freuen können, anstatt beim Gedanken an sie in Chaos auszubrechen. Das ist mein Leben und ich kann es gestalten wie ich will! Vor mir liegt ein leeres Blatt Papier und es ist meine Entscheidung, was ich darauf male oder schreibe.

Und da regt sich wieder diese Stimme in mir: Und was, wenn es Dir nicht gefällt?
Weißt Du was dann?! Dann nehme ich mir ein neues Blatt und schreibe oder male etwas anderes! So! Außerdem hat irgendwer da draußen Radiergummis erfunden und durchstreichen kann man auch und auch drüber malen. Ja! Das geht alles! Nur fang endlich an mit dieser leeren Seite Du feige Sau!
Sorry, aber manchmal muss ich eben auch mit mir selbst schimpfen.

Doch genau da, ist der Knackpunkt. In mir sitzt ein ängstliches kleines Kind und ihr gegenüber steht ein entschlossener Krieger, der nicht verstehen kann, warum das Kind sich so ängstlich unter dem Baum zusammenkauert. Der Krieger schimpft, zieht das Kind am Arm, droht ihm. Er meint es gut, er will voran, weiß, dass hier sitzen zu bleiben niemandem hilft. Aber das Kind, das weiß all dies nicht. Das Kind weiß nur, dass es jetzt Angst hat und nicht weiter will.
Und genau dieser Konflikt, löst diesen Druck in mir aus.
Es wird also Zeit, dass ich einen Vermittler schicke. Jemanden, der sowohl den Krieger als auch das kleine Kind versteht. Also los lieber Verstand, dann zaubere mir mal jemanden herbei!

Die Ängste des kleinen Kindes

Ich habe Angst, vor dem Weg. Habe Angst, dass ich unterwegs falle, dass ich nicht mehr weiter weiß, dass der Weg im Nirgendwo endet, dass es mir dort wo ich hingehe nicht gefällt. Ich habe Angst, mein Nest zu verlassen, in dem ich mich so geborgen fühle. Ich habe Angst vor dem Aufwand, den all diese Veränderung mit sich zieht. Ich habe Angst, dass ich keinen Weg finde, dass ich mich verlaufe und am Ende kraftlos im Nirgendwo sitze.

Der Kampfgeist des mutigen Kriegers

Ich will weiter! Ich weiß, dass hier nicht die Endstation ist. Ich sitze hier nur, weil es bequem ist, aber nicht, weil das der Ort ist, an dem ich bleiben will. Ich habe eine Vision von einem Leben und dafür will ich kämpfen. Ich will einen Weg finden, selbst wenn das nicht leicht wieder, selbst wenn ich umkehren muss, um nach einem neuen Weg zu suchen. Aber ich habe da diese Vision und dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Die Bedürfnisse des kleinen Kindes

Ich kann nur kleine Schritte machen. Ich will den Weg sehen, auf den ich mich begebe. Ich will nicht im Dunkeln laufen und ich will nicht durch den Nebel gehen. Ich will den Weg überblicken können. Ich will Zwischenziele haben. Will wissen, wo ich die nächste Rast machen kann. Ich will nicht alleine gehen. Ich möchte, dass mich jemand an die Hand nimmt und den Weg mit mir geht. Dass mich jemand beschützt und mir jemand den Weg zeigt.

Die Bedürfnisse des mutigen Kriegers

Ich will vorankommen! Ich will Fortschritte sehen, sonst werde ich unruhig. Hauptsache wir laufen in die richtige Richtung, der Weg ist egal. Aber ich will vorwärts kommen! Ich brauche Erfolge am Ende des Tages. Will sehen und spüren, was ich geleistet habe.

Zusammenführung

So so, wir haben also ein Kind, das Sicherheit braucht und einen Krieger, der Erfolge braucht. Ein Kind, das kleine, vorsichtige Schritte machen möchte und einen Krieger, der vorwärts stürmen will. Wie bringen wir die beiden jetzt zusammen? Klar ist, dass sie beide nun einmal in dieser Lage festsitzen. Ich kann sie nicht austauschen und ihnen andere Gefährten geben. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig, vielleicht sind die beiden eigentlich perfekt füreinander. Vielleicht muss ich ihnen das nur zeigen…

Die Stärken des kleinen Kindes

Ich wähle den Weg mit Bedacht, so müssen wir nicht so oft umkehren. Das braucht zwar Zeit, weil ich länger überlege, aber es spart auch Kraft, weil ich weniger unnötige Schritte laufe. Ich mache öfter Rast, auch das spart Energie und gibt Zeit um neue Kräfte zu sammeln. Ich sehe die schönen Dinge am Wegesrand, bleibe stehen um eine Blume zu bewundern. Für mich ist der Weg eine Bereicherung, ich denke nicht an das große Ziel, sondern lebe im Hier und Jetzt.

Die Stärken des mutigen Kriegers

Ich habe vor nichts Angst. Ich bin ein Beschützer und ein Kämpfer. Mir ist kein Weg zu weit und kein Gegner zu stark. Ich habe die Vision und dafür werde ich bis zum bitteren Ende kämpfen. Mich kann niemand aufhalten! Ich strebe voran, verweile nicht aus Bequemlichkeit an einem Ort. Ich schrecke nicht vor Entbehrungen zurück. Ist ein Weg auch mal anstrengend oder unwirtlich, ich habe immer das große Ziel vor Augen und kümmere mich nicht um das, was jetzt stört.

Weggefährten

Das kleine Kind hat Angst und traut sich nicht weiter. Ist es an einem Ort bequem, verweilt es lieber dort anstatt nach einem anderen Ort zu suchen.
Der mutige Krieger hat eine Vision. Er weiß, wie das Leben aussehen kann und kämpft dafür, dorthin zu kommen.
–> Der mutige Krieger muss einfühlsamer werden. Er muss dem kleinen Kind den Weg zeigen, den er zu gehen gedenkt. Er muss mit ihm auf einen Baum klettern, um zu zeigen, wo der Weg weiter geht.

Der mutige Krieger schont seine Kräfte nicht. Er stürmt voran, manchmal ohne Überlegung und kehrt dann zu oft nach falschen Entscheidungen um.
Das kleine Kind überlegt und wägt ab. Es wartet lieber einen Moment, lässt sich zur Rast nieder, um zu sehen wo es weitergehen kann.
–> Der mutige Krieger muss Rücksicht auf die Kräfte des kleinen Kindes nehmen. Er muss langsamer laufen, damit das kleine Kind Schritt halten kann und Pausen machen, wenn es nicht weiterlaufen kann.

Das kleine Kind braucht einen Beschützer, jemanden der es an die Hand nimmt, ihn beschützt und ihm den Weg weist.
Der mutige Krieger ist ein guter Beschützer. Er strotzt vor Selbstvertrauen und hat immer einen Plan, wie es weiter gehen kann.
–> Der mutige Krieger kann dem kleinen Kind das Gefühl geben, beschützt zu werden. Er kann es auf seinen Schultern tragen, es in den Arm nehmen und sich bei Gefahr schützen vor ihm aufbauen.

Der mutige Krieger braucht Erfolge. Er muss am Ende des Tages sehen und spüren, was er geleistet hat. Er wird unruhig, wenn er nicht das Gefühl hat voran zu kommen.
Das kleine Kind erfreut sich an den kleinen Dingen. Es lebt im Hier und Jetzt und schaut weder auf den geleisteten Weg zurück, noch schaut es voraus wie weit der Weg noch ist.
–> Das kleine Kind kann seine Freuden mit dem mutigen Krieger teilen. Ihm zeigen, was es am Wegesrand Schönes zu sehen gibt. Es kann ihm eine schöne Stelle zur Rast zeigen, um mit ihm die Aussicht zu genießen. Und es kann ihm am Ende des Tages, wenn er seine Erfolge zählen will, von den schönen Momenten erzählen.

Fazit

Fassen wir noch einmal alles zusammen:
Ich will den Weg überblicken können, brauche Sicherheit und die Aussicht auf die nächste Rast.
Ich brauche am Ende des Tages das Gefühl, Fortschritte gemacht zu haben.
Ich muss zugleich meine Kräfte schonen und darf mir nicht zu viel auf einmal zumuten.
Ich brauche eine Landkarte und einen Plan, bevor ich loslaufe.
Ich brauche Unterstützer. Menschen, die mich ein Stück begleiten, die an mich glauben und mir hin und wieder eine Hilfestellung geben könne.

Lösungen

Was kann mir also helfen?

Landkarte
Ich brauche einen Plan. Ich muss genau ausarbeiten, welche Wege ich gehen will. Das braucht leider Zeit. Ich muss dafür verschiedene Wege abwägen, bevor ich mich für einen Weg entscheiden kann. Auf diesem Weg muss ich Zwischenziele einzeichnen. So kann ich kleinere Schritte machen und habe erreichbare Ziele, die gleichzeitig nicht sofort die große Veränderung mit sich ziehen.

Erfolge feiern
Je mehr Zwischenziele ich einzeichne und je detaillierter ich meine to-do-Listen gestalte, umso mehr habe ich das Gefühl, voran zu kommen. Ich kann am Ende des Tages mehr Häkchen auf der Liste machen und kann die kleinen Erfolge feiern, während die großen noch auf sich warten lassen.

Kräfte schonen
Ich muss Rücksicht auf mich nehmen. Es gibt Phasen, da strotze ich vor Kraft und komme schnell voran. Doch es gibt auch die Phasen, da geht gar nichts. Ich muss verständnisvoller mit mir umgehen, darf mich nicht selbst unter Druck setzen. In solchen Phasen, sollten auf der to-do-Liste nur zwei Dinge stehen: Selbstliebe und Kräfte sammeln.

Unterstützer
Ich sollte mir Hilfe suchen. Menschen, die mich unterstützen, die mich ermutigen, mich inspirieren oder mir auch mal neue Wege aufzeigen können. Die mir Mut machen, wenn ich mal wieder verzweifle.

Nachdem ich sorgfältig alle anfallenden Arbeiten begutachtet und aufgelistet habe, koche ich mir erst einmal einen Tee. Ich muss noch etwas Mut und Energie sammeln, bevor ich loslege.
In Ruhe schaue ich auf meine Liste und überlege mir, womit ich anfange. Ein Schritt nach dem anderen. Es muss ja auch nicht alles heute fertig werden. Hauptsache, ich fange an. Zunächst, muss ich an das Gartenhaus heran. Es nutzt ja nichts. Ohne Werkzeug kann ich nicht arbeiten. Darin werde ich auch Bretter finden, die ich auf dem Boden auslegen kann. So schone ich den aufgeschwemmten Boden etwas. Ja, die Wiese wird darunter leiden. Aber ich weiß genau, dass ich noch Grassamen in meinem Gartenhaus habe. Die werde ich einsetzen können, wenn der Garten sich etwas abgetrocknet hat und ich mit den anderen Arbeiten fertig bin. Mein erster Weg, nachdem ich an das Werkzeug gekommen bin, soll mich zu meinem Gartentor führen. Das muss dringend zu! Ich weiß doch genau, dass die Wildschweine da draußen warten.

Ein Gedanke zu “Windstärke Rot

  1. Pingback: Die Schafe weiden mit einem Bein auf der Flucht | Mein innerer Garten

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