Eigenwillig sind die alten Bäume

Wenn wir erwachsen und die eigenen Eltern zu Teenagern werden

Erstaunlich, wohin die Äste alter Bäume streben. Wenn nicht gar verwunderlich.
"Als ich ein Teenager war,
schüttelten meine Eltern täglich den Kopf 
über mein Verhalten.
Heute bin ich erwachsen
und schüttle täglich den Kopf 
über ihr Verhalten."
~Sabine Gärtner~

Mit meiner morgendlichen Tasse Kaffee, noch im Schlafanzug mit übergeworfener Jacke und Stiefeln, stehe ich unter meiner Esche. Den Kopf habe ich schief gelegt, den Mund nachdenklich verzogen und die Stirn in Falten gelegt.
„Was zur Hölle…“, murmle ich und mache einige Schritte um die Esche herum.
Das muss ich mir doch noch mal aus einem anderen Winkel ansehen. Aber an dem Bild, das sich mir da bietet, ändert sich nichts. Langsam hebe ich meine Kaffeetasse, trinke einen großen Schluck, wende jedoch meinen Blick nicht von dem Ast ab. Der Ast. Der ist wirklich da. Es liegt nicht daran, dass ich noch nicht ganz wach bin. Ich habe ihn mir nicht eingebildet. Er ist da… Wirklich!

„Was hast Du Dir nur dabei gedacht?!“, frage ich die Esche fast vorwurfsvoll.
Es ist mir völlig unverständlich, warum sie meint, einen neuen Ast so nah am Boden wachsen zu lassen. Das macht doch gar keinen Sinn! Da bekommt er kein Licht ab, ist nicht geschützt… das ist doch Unsinn! Und während ich noch über die Esche schimpfe, überlege ich auch schon, wie ich den Ast am besten absäge. In meinem Kopf höre ich schon die Kettensäge röhren.

Kopfschüttelnd lege ich das Handy weg und schimpfe leise vor mich hin. In meinem Kopf fliegen Argumente herum, die ich im nächsten Gespräch anbringen könnte. Und das sind nicht wenige! Doch dann schaltet sich eine weitaus weniger aufgeregte Stimme dazwischen. Sie sagt nur einen Satz, doch damit bringt sie alle anderen Stimmen in meinem Kopf sofort zum Schweigen.
„Du bist nicht für sie verantwortlich.“

Nein, das bin ich nicht. Meine Mutter ist Mitte 60, sie ist zum zweiten Mal verheiratet, hat drei Kinder groß gezogen und ist seit einigen Jahren in Rente. Sie hat einige Jahre mehr als ich auf dem Buckel. Um genau zu sein, doppelt so viele. Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie tut. Sollte man meinen…
Aber dennoch, möchte ich eingreifen, sie zur Vernunft bringen. Sie wachrütteln. Ihr klar machen, was sie da für einen Blödsinn verzapft.
Die Welt befindet sich momentan in einer Ausnahmesituation (ich werde das jetzt an dieser Stelle nicht erläutern, ich denke Du weißt, wovon ich spreche… das böse C-Wort), die Regierung verhängt Verordnungen, die uns alle einschränken. Zum Schutz vor dem Virus, zum Schutz derjenigen, die zur Risikogruppe gehören. Zur Risikogruppe gehören übrigens alle immungeschwächten und vorbelasteten Menschen und auch alle Menschen, ja, ALLE über 60. Demnach, auch meine Mutter. Dachte ich zumindest… aber man kann solche Verordnungen und Warnungen ja verstehen wie man will. Meine Mutter also (noch mal kurz zur Erinnerung: sie ist Mitte 60) spaziert mit ihrem Mann munter durch den Baumarkt und berichtet mir, was es dort für Sicherheitsvorkehrungen gibt. Sie eschauffiert sich über „unvernünftige Bürger“ und sagt dann den Satz, der mich zum Platzen bringt (wohl bemerkt, ich bin erst zweimal in meinem Leben wirklich ausgerastet, wenn ich also sage, dass ich geplatzt bin, dann sieht das harmloser aus als Du Dir das vielleicht gerade vorstellst):
„Wenn sich jetzt alle vernünftig verhalten, dann können wir uns ja hoffentlich bald wieder frei bewegen.“
Ich hole tief Luft und lege los:
„Vernünftig?! Wer ist denn heute unnötig durch den Baumarkt spaziert?! Ihr gehört auch noch zur Risikogruppe, ihr solltet erst recht nicht durch die Gegend spazieren! Ich hoffe ihr habt euern Urlaub endlich mal abgesagt!“ (Ich sage das alles mit einem gewissen sarkastischen Spott. Ich will sie nicht angreifen… aber zur Vernunft bringen.)
Hektisch antwortet meine Mutter:
„Ja! Ich hab meinem Mann auch schon gesagt, dass er nicht mehr draußen herumlaufen soll. Aber wir mussten ja die Farbe noch besorgen. Und mit dem Urlaub, da warten wir noch mal ein paar Tage wie sich das entwickelt. Wir bekommen das Geld dafür ja nicht zurück und es ist ja nur Holland.“
Jetzt verschwindet mein witzelnder Unterton:
Mutter! Auch DU gehörst zur Risikogruppe und solltest zuhause bleiben! Und in der Situation und dann noch an eurer Stelle in den Urlaub zu fahren, das ist doch bescheuert!…“

Ich erspare es mir jetzt, hier das ganze Gespräch aufzuführen, denn ich denke, es wird auch so klar, worauf ich hinaus will. Kurz gesagt:
Meine Mutter macht mich wahnsinnig!!!
Aber ich will das gar nicht auf meine Mutter beschränken. Genauso gut könnte ich jetzt hier derartige Gespräche mit meinem Vater aufschreiben. Denn auch der sieht absolut nicht ein, dass er auf die 70 zu geht und nun einmal nicht mehr so viel Gas geben kann wie früher. Erst recht nicht, wenn er schon gesundheitlich angeschlagen ist. Wenn einem morgens schwindelig ist, muss man nicht aufs Rennrad steigen!
Aber gut, ich will mich nicht weiter aufregen… denn eigentlich ist es genau so zum Schmunzeln.

Kennst Du das? Situationen, in denen Du Dich wie die Eltern Deiner eigenen Eltern aufführst, ihnen sagen willst, was sie zu tun haben oder ihnen die Welt erklären willst? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich eine Ahnung, wie meine Eltern sich vor 15 Jahren gefühlt haben müssen, als ich ein Teenager war. Jetzt fühle ich mich oft, als hätte ich es mit unvernünftigen Teenagern zu tun.
Witzigerweise, kam genau dieses Thema gestern zweimal bei mir auf. Einmal morgens, als ich mit meiner Stiefschwester mal wieder die neuesten Unvernünftigkeiten unserer Eltern austauschte, und dann am Nachmittag, als sich meine kleine Halbschwester bei mir über ähnliches beschwerte. Verrückt, oder?

Ich scheine also nicht alleine mit diesem Kopfschütteln-über-das-Verhalten-der-eigenen-Eltern zu sein. Grund genug, sich dieses Phänomen mal genauer anzusehen. Wann haben wir unsere Eltern von dem Podest, auf das wir sie als Kinder stellten, heruntergenommen und wann haben wir uns selbst dann auf dieses Podest gestellt? Ich will es aber nicht bei der Analyse belassen. Viel mehr will ich versuchen, Verständnis für beide Seiten aufzuzeigen und Lösungswege suchen. Mal sehen, ob mir das gelingt…

Eltern-Kind-Beziehung in der Kindheit

Als Kinder, stellen wir unsere Eltern auf ein Podest. Was sie sagen, ist Gesetz (was nicht heißt, dass wir dessen Grenzen nicht hin und wieder austesten). Wir glauben, was sie sagen (jaja, auch das mit dem Osterhasen, dem Weihnachtsmann und der Zahnfee) und stellen es nicht in Frage. Unsere Eltern sind für uns unantastbar. Wir sehen zu ihnen auf. Das ist kein Raum für Zweifel an ihrem Handeln oder ihren Worten. Was sie auch tun oder sagen, wir nehmen es wie selbstverständlich als richtig hin. Das ist wichtig. Denn sind wir Kinder, haben unsere Eltern eine Beschützerrolle. Sie entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Sie prägen uns, unsere Werte, unsere Meinungen und unsere Vorstellung vom Leben. Sie halten uns fest, wenn wir die ersten Schritte wagen, nehmen uns in den Arm, wenn wir weinen, versorgen die erste Schürfwunde, sorgen für Essen und Trinken und für einen sicheren Schlaf. Sie sind Beschützer, Versorger und Retter in der Not. Und wir vertrauen darauf, dass sie all diese Rollen erfüllen. Wir fühlen uns geborgen und gut aufgehoben in unserem Nest. Dieses Urvertrauen ist wichtig für unsere Entwicklung und wird uns unser Leben lang begleiten. (Ich möchte hier nicht auf Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung eingehen, das würde diesen Beitrag sprengen. Vielleicht ein ander Mal…)

Eltern-Kind-Beziehung in der Jugend

Doch diese heile Welt kann nicht ein Leben lang so weiter gehen. Wir müssen irgendwann auf eigenen Füßen stehen lernen. Dieser Abnabelungsprozess ist schmerzhaft und anstrengend, für beide Seiten. Wir wollen selbst entscheiden, was gut für uns ist, wenn auch die Verantwortung dafür noch nicht übernehmen. Wir wollen uns abheben, von unserem Elternhaus und eine eigene Identität aufbauen. Oft zeigen wir das mit extremem Verhalten und extremen Ansichten, um es auch wirklich deutlich zu machen: „Ich bin ein eigenständiger Mensch!“
Und die Eltern? Hin- und hergerissen zwischen Verlustängste, Überforderung, Loslassen-Wollen und einem ganzen Paket voller Ängste. Klar, sie wollen, dass das eigene Kind selbstständig wird, aber sie wollen auch ihr kleines Kind nicht verlieren. Sie wollen, dass es eine eigene Vorstellung vom Leben entwickelt, aber die soll doch bitte nicht von den eigenen Vorstellungen abweichen. Ja, die Pubertät ist für beide Seiten nicht schön, aber notwendig. Immerhin können wir nicht ewig an Mutters Rockzipfel hängen. Wollen wir ja auch gar nicht. Nur manchmal noch… wenn die Welt uns dann doch zu groß wird. In dieser Phase ist es wichtig, dass wir die Eltern von dem Podest, auf das wir sie gestellt haben, herunternehmen. Wir beginnen, ihnen mehr auf Augenhöhe zu begegnen. Diskutieren mit ihnen über ihre Regeln und Ansichten und strampeln uns immer mehr frei, um mehr und mehr ein eigenständiges und vor allem selbstständiges Wesen zu werden.

Eltern-Kind-Beziehung im Erwachsenenalter

Irgendwann ziehen wir aus, treffen unsere eigenen Entscheidungen und lösen unsere Probleme selbst. Die Eltern stehen nun nicht mehr auf einem Podest, aber vielleicht sitzen sie noch drauf. Denn die ersten Schritte im Leben als Erwachsener sind nicht immer leicht. Oft setzen wir in schwierigen Situationen noch auf den Rat der Eltern, deren Meinung und Lebenserfahrung für uns noch mehr wiegt als unsere eigene. Wir laufen zwar inzwischen selbst, immerhin haben wir uns das hart erkämpft, doch hin und wieder suchen wir sie noch, die stützende Hand. Nur kurz. Nur um ein schweres Hindernis zu überwinden.

Schleichend wendet sich das Blatt

Ganz langsam, brauchen wir sie immer weniger, die stützende Hand. Unsere Meinung festigt sich, die Eltern entfernen sich vom Podest und ehe wir uns versehen, stehen wir selbst dort oben und blicken auf die Welt. Jetzt ist es unsere Meinung, die zählt und das lassen wir auch unsere Eltern wissen. Ihre Meinungen werden nicht mehr nur angezweifelt, sondern wir stellen sich völlig gelassen als falsch hin. So wie wir noch als Kind keinen Zweifel an deren Meinung haben aufkommen lassen, genauso selbstverständlich verwerfen wir sie nun. Nicht grundsätzlich. Aber eben da, wo sie von unserer Meinung abweicht. Und plötzlich bekommen wir den Anruf, in dem eine vorsichtige Stimme fragt: „Kannst Du mir helfen?“ Plötzlich zählt auch für unsere Eltern unsere Meinung, unsere Erfahrungen, unser Wissen und unser Können. Stolz keimt in uns auf. Die Anerkennung, die wir uns als Teenager so sehr ersehnt haben, endlich ist sie da. Und mit ihr, kommt die Angst. Angst davor, dass die Eltern alt werden. Dass sie es bald sind, die unsere stützende Hand brauchen. Und letzten Endes, dass wir sie verlieren werden. Irgendwann kommt der Tag, an dem wir sie ansehen und sie über Nacht gealtert scheinen. Vielleicht auch der Tag, an dem der sonst so stolze und starke Vater auf einmal vor einem im Krankenhausbett liegt. Nichts Schlimmes… aber die Angst schleicht sich näher.

Doch nicht nur uns sitzt die Angst im Nacken, auch unseren Eltern. Angst, vor dem Älterwerden, Angst davor, nicht mehr gebraucht zu werden, Angst vor dem unvermeintlichen Ende. Sie spüren, dass ihr Körper nicht mehr alles ohne zu murren mitmacht, dass ihr Gesicht nicht mehr so strahlend ist und dass sie nicht mehr der Generation angehören, der die Welt gehört. Der Rollenwechsel kommt schleichend, aber ab einem gewissen Punkt wird die Veränderung deutlich spürbar. Und Veränderung kann Angst machen. Erst kommt der Schock, dann will man es nicht wahrhaben und verschließt die Augen davor, danach kommt die Verzweiflung und erst dann, setzt die Akzeptanz ein. Doch nicht jeder macht all diese Phasen durch. Manche erreichen die Akzeptanz nie, manche hängen auch ewig in der Verleugnung fest. Diese Phasen können übrigens auf beiden Seiten auftreten! Denn auch wir wollen ja nicht wahrhaben, dass die starken Felsen in der Brandung unserer Kindheit und Jugend irgendwann zerfallen.

Wie mit dem Rollenwechsel umgehen?

Schön und gut, so schlau waren wir ja irgendwie schon. Aber was machen wir jetzt mit diesem Wissen? Wie gehen wir damit um, dass unsere Eltern sich unvernünftig verhalten, ihr Alter leugnen, sich vielleicht sogar peinlich verhalten oder unsere Hilfe nicht annehmen wollen, obwohl sie die offensichtlich brauchen?

Mir wird klar, dass es dafür keine einheitliche Lösung gibt. Denn schon alleine wenn ich mich in meiner Familie und meinem Umfeld umsehe, begegne ich direkt mehreren Typen die sich in den unterschiedlichsten Angstphasen befinden. „Sehr schön“, denken sich Fräulein Lösungsorientiertheit und Fräulein Ordnungswahn in meinem Kopf. Dann schauen wir uns doch erstmal die verschiedenen Phasen und deren Symptome an, bevor wir uns daran machen, hierfür Lösungen zu finden.

Schock

Der Zustand des Schocks hält in der Regel nicht lange an. Dieses lähmende Gefühl ist auch körperlich und geistig kaum lange zu ertragen. Wie stark diese Phase ausgeprägt ist, hängt davon ab, wie sehr sich die Person bereits auf das Ereignis, bzw. diese Lebensphase, vorbereitet hat. Auch hier kenne ich unterschiedliche Typen. Es gibt Menschen, die bereits frühzeitig mit der Planung anfangen, eine Vorstellung von ihrer Rentnerzeit haben und dafür Pläne machen, ihr Haus frühzeitig an die Kinder übergeben, um sich eine altersgerechte Wohnung zu suchen und die natürlich bereits alle Formulare, wie Patientenverfügung und Testament, ausgefüllt haben. Bei denen kommt es wohl am schnellsten zur Akzeptanz und sie können die anderen Stufen sogar überspringen.

Verleugnung

Hier wird es spannend. Und ja, ich kann ein Lied davon singen, wenn ich mir meine Eltern ansehe! Okay, die sind für ihr Alter wirklich noch fit und ich bewundere es, dass sie auch noch sportlich so aktiv sind… wenn sie es nur nicht immer so übertreiben würden! In der Phase der Verleugnung finden wir also ganz viel unvernünftiges Verhalten und auch Überkompensation. Das bedeutet, dass sie in ihrem Verhalten extrem werden, um sich selbst und anderen zu beweisen, was sie alles können. Eltern, die sich in dieser Phase befinden, nehmen nur ungerne Hilfe an. Sie wollen alles selbst regeln, überschätzen sich und können sogar gereizt bis aggressiv auf Hilfestellungen oder vermeintliche Bevormundungen reagieren. Und genau deswegen, sage ich, dass unsere Eltern zu Teenagern werden, denn die Parallelen sind unverkennbar. Ich behaupte ja auch immer gerne, dass meine Mutter mit Ende 50 ihre zweite Pubertät hatte. Sie zog Miniröcke an und zog mit ihren Tussi-Freundinnen aus dem Fitnessstudio am Wochenende in die Discotheken der Stadt. Ja, da war dann meine Mutter mir peinlich.

Verzweiflung

Auch keine angenehme Phase. Leider kenne ich auch Menschen, die schon sehr lange in dieser Phase feststecken. Sie sind unleidlich, nörgeln, meckern, fordern, werden teils aggressiv oder geben sich völlig auf. Wollen wir ihnen helfen, stoßen wir nicht gerade auf Dankbarkeit. Sie nehmen die Hilfe zwar an, aber gut genug ist diese dann eben nie. Je länger sich die Phase der Verzweiflung zieht, umso eher entwickelt sich hieraus eine Depression die nicht selten chronisch verläuft. Die betroffenen Personen vegetieren quasi vor sich hin, sind nicht mehr in der Lage, Freude zu empfinden und sehen immer nur noch das, was nicht mehr geht anstatt für das dankbar zu sein, was sie haben. Dieser Zustand kann für alle Angehörigen zu einer enormen Belastung werden.

Akzeptanz

Wer es schafft, bis zu dieser Phase vorzudringen, vor dem verneige ich mich und applaudiere ehrfürchtig. Okay, ich bin erst Mitte 30 und habe noch keine Vorstellung davon, wie es ist, alt zu werden, aber dass das sicher nicht einfach ist, das kommt mir durchaus in den Sinn. Die Menschen, die ich in dieser Phase erlebt habe, kommen mir vor wie strahlende Vorbilder. Meine Tante ist z.B. so eine. Ja gut, sie kann nicht mehr gut laufen und braucht eine Stütze. Ihr Leben lang ist sie gerne wandern gegangen. Das geht jetzt nicht mehr. Na und?! Fährt sie halt mit dem Auto zur Talsperre und läuft bis zur ersten Bank um die Aussicht zu genießen. Und ja, sie fährt mit über 80 noch Auto! Gerne auf der Autobahn und gerne schnell. Ihren Sportwagen hat sie aber dann doch vor wenigen Jahren abgegeben und 180 fährt sie auch nicht mehr, aber sie fährt.

Auf der Suche nach Lösungen

Umgang mit Verleugnung

Weil ich ja so schön die Parallelen zum Teenager-Dasein gezogen habe, kommt mir die Idee, die Eltern auch genau so zu behandeln. Nur eben umgekehrt. Denn hier geht es nicht darum, die stützende Hand loszulassen, sondern sie annehmen zu können. Wir können ihnen jedoch unsere Hilfe nicht aufzwingen, wir können ihnen nur die Hand hinhalten, immer wieder. Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, denn wir wollen unsere Eltern nicht bevormunden, sie nicht entmündigen und ihnen schon gar nicht das Gefühl geben, dass sie unselbstständig wären. Doch die Angst, die hinter der Verleugnung steckt, kann genau diese Gefühle hervorrufen. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Wir dürfen es ihnen nicht vorwerfen, ihnen nicht böse sein und es nicht persönlich nehmen, wenn sie unwirsch reagieren. Wenn wir uns immer bewusst machen, dass dahinter nur Ängste stecken, fällt es uns leichter, nachsichtig zu sein. Was allerdings nicht heißt, wir denken an die Teenager, dass wir ihnen alles durchgehen lassen müssen. Nein, wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Auch unsere Grenzen wollen gewahrt werden. Ebenso wenn das Verhaltend er Eltern wirklich gefährlich wird, sollten wir einschreiten. Ich bin fest davon überzeugt, dass diejenigen, die sich in dieser Phase befinden, selbst längst realisiert haben, was los ist, sie wollen es nur nicht wahrhaben. Daher ist von uns Nachsicht, Verständnis und Geduld gefragt. Immer wieder Hilfe anbieten, immer wieder Kompromisse anbieten, zeigen, dass man gerne hilft und es nicht als Last empfindet und vielleicht auch ein Gegenargument machen wie z.B. „Du musst nicht mehr auf die Leiter steigen um die Schränke auszuwischen, dann kann ich für Dich machen. Aber nur, wenn Du dafür mal wieder Deine leckeren Königsberger Klopse für mich kochst!“ So geben wir ihnen das Gefühl, auch noch einen Wert zu haben. Damit sie sich noch gebraucht fühlen, können wir auch immer wieder auf ihr spezielles Fachwissen oder Erfahrungen zurückgreifen und uns einen Rat oder eine Meinung einholen, selbst wenn wir die vielleicht nicht brauchen. Klingt danach, als würden wir denen nur etwas vormachen? Nein. Ich würde eher sagen, dass wir das Spielchen mitspielen. Ihnen fällt es schwer, loszulassen, Aufgaben abzugeben und Hilfe anzunehmen. Die Taktik der Verleugnung ist dabei nur ein Umweg, den sie brauchen, um all das verarbeiten zu können. Gehen wir diesen Umweg mit, machen wir es ihnen leichter.

Umgang mit Verzweiflung

Die Königsklasse… jetzt wird es wirklich schwer. Jetzt kommen wir mit tief einatmen nicht mehr weiter. Bevor ich darauf eingehe, wie der Umgang mit solchen Eltern aussehen kann, möchte ich zunächst, dass wir uns dafür stärken, denn das wird uns viel Kraft kosten. Daher ist es in dieser Phase besonders wichtig, dass wir auf uns achten, unsere Grenzen wahren, uns Gutes tun und uns in Selbstliebe üben. Niemand hat etwas davon, wenn wir uns völlig für unsere Eltern aufgeben. Hilfreich kann hier auch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige sein. Auch Foren im Internet können helfen. Nicht nur, dass man sich weniger alleine fühlt, wenn man merkt, dass es anderen Menschen genau so geht, sondern man erfährt auch wertvolle Tipps oder kann sich einfach mal auskotzen.

Ich ziehe an dieser Stelle kurz den Hut vor meiner besten Freundin. Ihr Vater hat so einige schwerwiegende Erkrankungen. Sie wohnt zwar nicht mehr Zuhause, aber es hat sie dennoch sehr mitgenommen. Daher hat sie eine Selbsthilfegruppe aufgesucht und nicht nur das, sie hat auch ihre Mutter, die am meisten unter der Situation leidet, dazu bewegt, mit ihr dorthin zu gehen. Dadurch hat sie es geschafft, ihre Mutter aus der Phase der Verleugnung herauszuholen, damit sie vernünftig handeln kann.

Also gut, überlegen wir, was wir mit den Menschen, die sich in einer solchen Phase der Verzweiflung befinden, machen.
Weil ich hier Parallelen zur Depression sehe (diese ja auch nicht selten damit einhergeht), möchte ich also im Umgang mit diesen Eltern aus meinen Erfahrung als Mensch, der selbst unter Depressionen leidet, schöpfen.
Mir erscheint es wichtig, die Betroffenen immer und immer wieder zu animieren, etwas zu tun, was ihnen gut tun könnte, was sie aus ihrem Alltagstrott herausholt und sie ablenkt. Wichtig ist es mir aber auch zu sagen, dass wir sie dabei nicht überfordern dürfen. Es wird Tage geben, da schafft die betroffene Person es, sich darauf einzulassen, es wird aber auch Tage geben, da wird es ein Erfolg sein, wenn sie aus dem Bett aufsteht. Dennoch heißt es: dranbleiben! Nicht zulassen, dass die Person sich vergräbt. Wichtig ist es auch, ihr nicht alles abzunehmen. Was kann die betroffene Person durchaus noch alleine, lässt sich aber einfach nur hängen? Hierbei können Kompromissen helfen. Auch Rücksprachen mit Ärzten, die eventuell Antidepressiva verschreiben können, sind sinnvoll.

Auch in dieser Phase gilt es wieder: Nicht persönlich nehmen, aber klare Grenzen setzen. Ja, wir wollen helfen, aber deswegen müssen wir uns nicht alles gefallen lassen. Sie müssen lernen, dass sie uns nicht ständig anmeckern, ihren Frust an uns auslassen oder uns ständig anfordern können. Nimmt das überhand, müssen klare Grenzen her. Grenzen setzen muss dabei nicht im Streit enden, auch wenn die Eltern darauf manchmal sehr beleidigt reagieren können. Es ist mir Ernst! Es nutzt nichts, wenn wir versuchen, ihnen alles recht zu machen. Das wird ihnen nicht helfen und das wird uns kaputt machen. Ja, wir lieben sie und ja, wir wollen alles für sie tun, aber wir dürfen dabei uns selbst nicht vergessen und eben auch nicht unsere Grenzen der Belastbarkeit missachten. Es kann in dieser Phase schnell passieren, dass wir selbst in die Phase der Verleugnung geraten und nicht sehen wollen, dass wir völlig überlastet sind und uns auch körperlich damit schaden.

Anmerkung
Ich bin keine Psychologin, meine Ideen kann ich daher nicht wissenschaftlich begründen. Ich habe diesen Text aus einem Bauchgefühl heraus geschrieben und ihn mit meinen Erfahrungen und Beobachtungen gespickt. Ich hoffe, dass er dem ein oder anderen Anregung sein kann.

Die Kettensäge habe ich dann doch nicht herausgeholt, nicht einmal die Axt. Ich habe den Ast belassen, wo er wächst. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es nicht schlau war, ihn dort wachsen zu lassen. Aber andererseits, ist die Esche auch ohne meine Hilfe groß geworden und wird schon wissen was sie tut. ABER: ich werde sie im Auge behalten. Wird ihr der Ast zur Last, dann hab ich ja immer noch die Kettensäge in der Hütte. Gut, vielleicht gebe ich ihr vorher noch eine Chance und stütze ihr den Ast mit einer Leiter.

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