„Dein Garten ist zu unordentlich“

Anforderungen? – Ein Befreiungsschlag

Eine Wildwiese… für den einen das pure Chaos, für den anderen die pure Schönheit
"Einen Scheiss muss ich!"

Ein herrlicher Sommertag. Entspannt liege ich mitten auf der Wiese in der Sonne und döse vor mich hin. Da klopft es an mein Gartentor. Unerwarteter Besuch? Wie herrlich! Ich freue mich immer über Besuch und so springe ich erwartungsvoll auf. Als ich das Tor öffne, warten dort gleich mehrere Besucher, die um Einlass bitten. Aber gerne doch! Ich lasse sie herein und bitte sie, an meiner langen Tafel auf der Wiese Platz zu nehmen. Als ich mit Kaffee und Kuchen zurückkomme, blicken die fünf Besucher mir skeptisch entgegen. „Nanu“, denke ich „was ist denn passiert?“. Unsicher stelle ich das Tablett in die Mitte des Tisches und bitte meine Gäste, sich zu bedienen.
„Teil doch erstmal die Tassen und Teller aus“, fordert mich die ältere Dame mit dem Blumenkleidchen auf.
Ich fühle mich unangenehm berührt. Was bin ich doch eine schlechte Gastgeberin! Eilig beginne ich, das Geschirr auszuteilen. Als jeder Teller und Tasse vor sich stehen hat, halte ich kurz inne. Die Besucher schauen mich erwartungsvoll an. Mir geht ein Licht auf. Sicher soll ich Kaffee einschenken und den Kuchen verteilen. Unaufgefordert beginne ich also damit.
„Ist der Kuchen selbstgemacht?“, fragt mich die Studentin mit den Trekkingsandalen.
„Nein, das ist eine Backmischung“, lächle ich entspannt in die Runde.
Fünf missbilligende Augenpaare sind nun auf mich gerichtet. Entschuldigend füge ich hinzu:
„Ich bin nicht so gut im Backen.“
Eine Weile schweigen alle, während sie die ersten Gabeln mit Kuchen in den Mund führen. Dann wendet sich der ältere Herr im grauen Anzug mir zu:
„Ist ihr Rasenmäher kaputt?“
Erstaunt schaue ich ihn an.
„Ich besitze gar keinen.“
Wieder blicken mich fünf Augenpaare an. Diesmal erkenne ich leichtes Entsetzen in ihren Augen.
„Aber wie…?“, startet der Herr.
Ich lache und deute auf die Schafe, die sich inzwischen im Schatten eines Baumes niedergelassen haben.
„Na ich hab doch die Schafe!“, füge ich lachend als Erklärung hinzu.
„Aber Sie können doch nicht die Schafe hier herumtrampeln lassen! Die machen ja alles kaputt, erledigen ihr Geschäft auf dem Rasen und… ach und
das ist so unhygienisch!“, ereifert sich die Frau mit dem Strohhut.
Unsicher schaue ich zu meinen Schafen hinüber und hoffe inständig, dass keines von ihnen aufsteht und zum Tisch herüber kommt. Manchmal machen sie das. Denn sie lassen sich gerne kraulen. Meine Befürchtungen bestätigen sich nicht… doch eine meiner Katzen hält so gar nichts von dieser gesitteten Zusammenkunft. Sie ist neugierig und so springt sie dem jungen Mann im Carohemd auf den Schoß. Dieser schreit erschrocken auf und reißt die Arme in die Höhe.

Ich lache und will ihn beruhigen: „Die tut doch nichts! Die ist einfach nur neugierig.“
„Unerzogenes Biest!“, schimpft der Mann und schiebt die Katze angewidert von seinem Schoß.
Diese versteht die Welt nicht mehr und schleicht maulend davon. Ich sehe ihr betrübt nach.
Lange bleibt mein Besuch nicht. Kaum sind sie fort, schaue ich mich unsicher in meinem Garten um. Sollte ich mir einen Rasenmäher holen? Die Schafe besser einzäunen? Backen lernen? Meine Katze erziehen? Ohje… was hab ich alles falsch gemacht!

Es ist verrückt. Seitdem ich diesen Blog angefangen habe, das ist jetzt dreieinhalb Wochen her, habe ich angefangen meine Gedanken, Annahmen, Thesen, Werte und meine Prinzipien in Frage zu stellen. Die Auswirkungen? Pure Entspannung! Wie das sein kann? Ich merke auf einmal, wie unwichtig doch alles ist.

Es ist egal, was der Nachbar denkt, wenn ich zwei anstatt einen Müllsack in die Tonne werfe. Es ist egal, dass mein Hintern schwabbeliger wird, wenn ich nicht täglich Sport mache… das ist sogar nicht nur egal, sondern auch Blödsinn. Es ist egal, was meine Familie denkt, wenn ich mir keinen „richtigen“ Job suche. Es ist egal, wenn den Typen im Vorstellungsgespräch meine Meinung nicht passt. Es ist egal, wenn ich auf der Couch sitze, obwohl die Sonne scheint. …

Ich will damit nicht sagen, dass mir alles egal ist, sondern dass ich langsam erkenne, was wirklich wichtig ist. Denn das, was wichtig ist, kann ich an meinen 10 Fingern abzählen. Und alles andere, kann ich getrost nach und nach von Bord werfen.

Ich erlebe gerade die schönste Zeit meines Lebens. Ungelogen! In einer Zeit, in der viele Leute von Unsicherheiten und Panik geplagt sind, sitze ich in der Sonne und genieße das Leben. Ich kann nach meinem eigenen Rhythmus leben, muss niemandem deswegen etwas erklären, muss mich keinen Erwartungen anderer beugen und weiche jedem Versuch, mich unter Druck zu setzen, elegant aus. Ich bin ganz im Hier und Jetzt. Ganz bei mir. Ganz bei meinen Bedürfnissen. Wie lange das noch so weitergeht, das weiß ich nicht. Aber diese Zeit zeigt mir, dass ich glücklich und zufrieden sein kann. Sie zeigt mir aber auch, was ich dafür brauche. Gespürt, was meine Bedürfnisse sind, habe ich schon lange. Doch jetzt ist es auch in meinem Kopf angekommen.

Seitdem ich mich immer mehr von unwichtigen Gedanken und Erwartungen befreie, komme ich mehr und mehr zur Ruhe. Der Traum, von einem lebbaren Leben, ist kein Hirngespinst. Es gibt diese Welt, in der ich leben kann. Jetzt ist nur die Frage, wie ich sie auf Dauer bewahren kann.
Mir ist bewusst, dass es auch in dieser Welt immer mal Stürme geben wird. Dagegen kann ich nichts machen. Doch hier, in meiner Welt, weiß ich besser mit diesen Stürmen umzugehen.

Ich erwarte nicht, dass jemand versteht, warum ich den Anforderungen der Welt da draußen nicht genügen will… es nicht kann… es auch nicht mehr versuchen will… Aber ich hoffe sehr, dass diejenigen, die es nicht verstehen können, erkennen, dass ich hier, in meiner kleinen Welt, glücklich bin.
Mir ist bewusst geworden, dass ich keinen Anforderungen mehr genügen MUSS.

Am Ende kann man es ohnehin nicht jedem Recht machen. In meinem Kopf höre ich verschiedene Stimmen die Sätze sagen wie „du bist zu laut“, „deine Wohnung ist zu vollgestellt“, „dein Auto ist zu dreckig“, „deine Kleidung ist zu leger“, „deine Vorstellungen sind unrealistisch“, „du bist zu dick“, „du bist zu….“
Ja „zu“ was eigentlich? Zu laut, zu leise. Zu groß, zu klein. Zu bunt, zu schwarz-weiß. Nein! Ich bin nicht „zu“ irgendwas. Ich bin ich und damit bin ich genau richtig! Meine Wohnung ist vollgestellt, weil ich mich so wohlfühle. Meine Hosen sind weit, weil ich es so mag. Meine Haare sind kurz, weil es mir gefällt. Mein Auto ist dreckig, weil es mir nicht wichtig ist. Ich lache laut, weil ich das gerne mache. So! Noch Fragen?!

20 Jahre lang, habe ich versucht, meine Psyche der Welt anzupassen. Es wird Zeit, dass ich die Welt um mich herum, meiner Psyche anpasse.

Lange habe ich in den Garten geschaut. Habe all die kleinen und großen Unperfektheiten gesehen. Bis mir bewusst wurde, dass es mein Garten ist. MEINER! Mir gefällt er, wie er ist. Ja, das Gras wuchert wild, die Tiere machen was sie wollen und die Beete sind nicht im Rechteck angeordnet. Nicht, weil ich zu faul oder zu unordentlich bin, sondern weil es mir so gefällt. Und wem das nicht gefällt, der soll halt draußen bleiben. Mein Garten bleibt mein Garten und er gefällt mir genau so!

©Sabine Gärtner, 2020
Mein innerer Garten – Leben in emotionaler Instabilität

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