Was der Garten wirklich braucht

Voraussetzungen für ein Leben

"Unsere Träume sind unsere Wegweiser.
Sie sind kein starres Ziel
am Ende eines Weges.
Sie sind der Weg."
~Biene~

Erschöpft sitze ich auf den Stufen meiner Veranda und starre in den Garten. So viel ist noch zu tun! Die Reiher müssen vom Teich fern gehalten werden, weil sie sonst meine Fische fressen, das Dach meines Gewächshauses muss repariert werden, weil es sonst rein regnet und die empfindlichen Pflanzen Schaden nehmen, die Raupen und Schnecken müssen fern gehalten werden, weil sie sonst meine Pflanzen fressen, das Schloss am Gartentor muss geölt werden, weil es sich sonst nicht mehr schließen lässt, der Vorgarten braucht einen Zaun, weil sonst die Wildschweine in ihm herumtrampeln, und und und….
Ich stütze die Ellenbogen auf meine Knie und lasse seufzend den Kopf in
meine Hände sinken. So viel zu tun… kaum bin ich an einer Ecke fertig, muss ich auch schon wieder zur nächsten Ecke. Ein ständiger Kampf gegen Wetterschäden, Unkraut und Schädlinge. Kaum bleibt Zeit, diesen schönen Garten auch zu genießen. Ein lautes Flattern lässt mich auf sehen. Aha! Da ist er wieder, der Reiher! Konzentriert sitzt er an meinem Teich und starrt ins trübe Wasser. Er ist geduldig. Er weiß, dass sich irgendwann ein Fisch blicken lässt. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich erheben muss um ihn zu verscheuchen, dass ich meine Fische vor ihm schützen muss. „Ach nimm doch die blöden Fische“, rufe ich wütend, stehe auf und stapfe die Stufen hoch. Soll er sie doch alle klauen! Wenn ich keine Fische mehr habe, kann es mir auch egal sein ob der Reiher da ist oder nicht.

In den letzten Tagen habe ich zwei Beiträge angefangen… und abgebrochen. In dem ersten ging es um gesunden Schlaf und Schlafstörungen, weil ich nicht schlafen konnte. In dem zweiten ging es um Angst vor der Angst, also um Angststörungen, weil ich Angst hatte. Ich konnte nicht schlafen, weil ich Angst hatte, ich hatte Angst, weil ich immer Angst bekomme. Was los war? Ich hatte gestern ein Vorstellungsgespräch. Der Druck in mir wuchs bis zu einer kaum erträglichen Anspannung. Was, wenn ich mir wieder selbst im Weg stehen würde? Wieder einen Blackout bekommen würde? Wieder nur Blödsinn erzählen würde? Was würden die von mir denken? Wenn ich wieder nicht genügen würde? Was würden all die anderen von mir denken, deren Erwartungen ich wieder nicht erfüllt hatte? Und was wäre, wenn ich eine Zusage bekommen würde? Bei letzterem Gedanken lief mein Panikmonster Amok. Denn den Job anzunehmen würde bedeuten: Jeden Tag Druck, jeden Tag Erwartungen erfüllen, jeden Tag nach einem vorgegebenen Rhythmus leben bis ich mich irgendwann wieder selbst verliere. STOP!

Ich will das alles nicht mehr! Ich möchte keinen festen Job haben, möchte mir meine Zeit selbst einteilen können. Ich will keinem Druck mehr ausgesetzt sein, keinen Ansprüchen mehr genügen müssen. Nicht, weil ich faul bin und keine Lust habe zu arbeiten, sondern weil diese Form meiner Psyche nicht gut tut. Versteh mich nicht falsch, ich möchte mich nicht einigeln, mich verstecken und vor allem davon laufen, sondern so an der Gesellschaft teilnehmen, wie es meine Psyche zulässt. Ich glaube, dass das der einzige Weg ist, mich davor zu bewahren, eines Tages doch wieder keinen Ausweg zu sehen. Aus allem auszubrechen ist meine Rettung. Denn ich will leben!

Seit ich 15 Jahre alt bin habe ich diese Sehnsucht danach, aus allem auszubrechen. Denn immer wieder kann ich dem Druck nicht standhalten, versuche ich mitzuhalten und renne durch mein Leben. Und immer wenn ich davon rede, von meiner Waldhütte, der Ruhe die ich mir dort erhoffe, werde ich belächelt. Wenn ich sage „Ich kann nicht mehr! Ich will keinen Druck mehr, keine Ansprüche mehr an mich…“ dann höre ich „So ist das Leben aber“. Aber warum muss es denn so sein? Seit fast 20 Jahren versuche ich irgendwelchen Ansprüchen an mich zu genügen und scheitere jedes Mal daran. Nicht nur das, sondern ich verleugne dabei auch mich vollends und gehe jedes Mal daran kaputt. Seit 20 Jahren kämpfe ich um mein Leben… naja gut, das stimmt nicht ganz. Eigentlich kämpfe ich erst seit 10 Jahren, davor wusste ich nicht, dass zu kämpfen sich lohnt. Doch seit 10 Jahren will ich leben! Ich liebe das Leben und ich weiß, dass ich glücklich sein kann. Doch damit das kein Kampf mehr wird, damit ich zur Ruhe komme und damit ich auch auf Dauer leben will, muss ich meine Nische finden. Ich muss meinen Platz in der Welt finden. Den Platz, an dem ich mich wohlfühle, an dem ich leben kann und will. Und wenn mir noch mal einer sagt, dass das Blödsinn, dass das nicht geht, dann sind das seine Ängste, die ihm und seinem Blick die Grenzen setzen und nicht meine.

Mein Traum

Ich bin davon überzeugt, dass uns unsere Träume den Weg weisen. Hast Du Dich schon einmal gefragt, wie Du Dir Dein Leben vorstellst? Ich meine ohne sofort zu sagen „ach das geht doch sowieso nicht“. Denn darum geht es hier nicht. Die Frage ist nicht, was möglich ist, sondern es geht um Deine Traumvorstellung Deines Lebens. Es geht auch nicht darum, aus ihr ein glorifiziertes, unerreichbares Ziel in weiter Ferne zu machen. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, was dieser Traum über uns aussagt, welche Kernwünsche und Sehnsüchte in ihm stecken. Der Traum muss sich nicht erfüllen, er soll uns nur den Weg zeigen, die Richtung weisen in die es gehen soll. Klar worum es geht? Also dann… hier ist mein Traum:

Das Szenario: Eine Waldhütte. So eine schöne, gemütliche Blockhütte mit einer Veranda vorne dran. Sie steht am Rande eines Waldes. Zu ihr hin fährt man über einen langen Schotterweg, der sein Ende an dieser Hütte findet. Vor der Hütte eine Bank zur Rast, falls sich Wanderer hier her verirren. Denn meine Hütte ist gastfreundlich. Im Sommer stelle ich den Wanderer selbstgemachte Limonade auf das Tischchen vor der Bank. Bank und Tisch habe ich übrigens selbst gemacht. Wofür hat man denn Holz und eine Kettensäge? Auf der Terrasse habe ich eine gemütliche Lounge gebaut. Der Garten ist weitläufig. Wir finden hier Obstbäume, Gemüsebeete, einen Kräutergarten und natürlich auch eine Schaukel. Außerdem natürlich eine Hängematte und ein Bett im Freien. Ich habe einen Kühlraum in den Garten gegraben. Das erspart mir den Kühlschrank. Auch mein alter Wagen, den ich so liebe, findet sich hier. Im Garten? Ja, im Garten! Er hat hier sein Gnadenbrot gefunden und beheimatet jetzt meine Hühner. Weiter hinten grasen friedlich ein paar Schafe. Der Hund, ein Pyrenäenberghund, liegt meistens im Gras und schlummert. Die Katzen suchen sich immer eine sonnige Ecke, um dort vor sich hin zu träumen. In der Hütte gibt es einen alten Ofen. Strom gibt es zwar, aber daran ist der Herd eben nicht angeschlossen. Lediglich einige Steckdosen und das Warmwasser im Bad. Die Hütte selbst hat nur einen Raum. Die Küche ist durch eine Theke davon abgegrenzt und es gibt noch eine Galerieetage. Die Treppe hoch befindet sich lediglich mein Bett. Unten steht eine große gemütliche Couch, auf der auch gerne Gäste nächtigen können, die Wände sind übervoll mit Bücherregalen, es gibt einen Esstisch mit Bänken und Stühlen (ja, hab ich auch alles selbst gebaut). Hinter der Küche befindet sich noch ein kleines Bad mit einer alten Blechwanne und einem Waschbecken.
Was ich so den ganzen Tag mache? Also klar, ich hacke Holz für meinen Ofen, ernte Obst, Gemüse und Kräuter, koche mit viel Liebe und auch gerne für Gäste, stelle selbst Putz- und Waschmittel her (oh, hast Du meine Waschmaschine gesucht? Gibt es nicht! Ich wasche per Hand.) und auch Pflegeprodukte habe ich alle selbst hergestellt. Aber ganz ohne Geld geht das alles natürlich nicht. Die Tiere wollen versorgt werden, auch ich muss Lebensmitte dazu kaufen und der Kredit für die Hütte will noch abbezahlt werden. Was ich also mache? Ich schreibe Bücher, schreibe auch bezahlte Artikel, nehme Pflegetiere auf, halte Vorträge und trainiere Hunde und Pferde. Das alles so eingeteilt, wie ich eben gerade die Energie dazu habe. Und ansonsten? Sitze ich auf meiner Terrasse und genieße den Sonnenuntergang. Urlaub? Ja, hin und wieder packt es mich. Dann zieht eine Freundin in meine Hütte ein und freut sich über ihr Urlaubsdomizil, während ich mit Wanderschuhen, Rucksack und Zelt losziehe. Manchmal hüte ich auch auf Höfen ein.

STOP! Wolltest Du gerade sowas wie „das ist unrealistisch… ja, aber… und wie soll das gehen…“ oder etwas in der Art sagen? Schluck es runter. Denn darum geht es hier nicht. Das was ich Dir gerade erzählt habe, ist mein Traum und dem sind keine Grenzen gesetzt. Doch wie kommen wir jetzt vom Traum zur Wirklichkeit? Wir schlagen wir da den Bogen? Das gilt es nun heraus zu finden.

Was steckt also in meinem Traum? Ich möchte naturnah leben, brauche Ruhe, möchte einfach leben, also ohne viel Technik und Schnick-Schnack. Ich möchte meinen Rhythmus selbst bestimmen, das machen was mir Spaß macht und auch nur in dem Rahmen, in dem Umfang in dem es mir noch Spaß macht. Ich möchte nicht viel Geld brauchen, den Konsum herunterfahren, möglichst viel selbst herstellen.

Soll das etwa wirklich so verrückt und realitätsfern sein? Nö! Findest Du doch? Okay, dann sind es Deine Ängste, die Deiner Fantasie Grenzen setzen, nicht meine. Wenn Du also vorhast mir Deine Ängste aufzubürden, dann muss ich Dir hier leider eine Grenze setzen.

Anstatt also faule Kompromisse zu machen, mich zu verbiegen um Ansprüchen und Erwartungen zu genügen die fern von meinen eigenen sind, will ich nun einen Weg finden, Voraussetzungen für ein Leben zu schaffen, dass für mich lebbar ist. Wo die Reise hingeht? Das weiß ich selbst noch nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Ich kenne die Richtung und ich muss nur immer einen Schritt vor den anderen setzen und weiter, immer weiter laufen.

Als ich einige Stunden später wieder in meinen Garten gehe, erscheint er mir in einem ganz anderen Licht. All die Aufgaben die auf mich warten, erscheinen mir plötzlich so überflüssig. Das Dach meines Gewächshauses? Tja, hätte ich keine empfindlichen Pflanzen, müsste ich auch das Dach nicht reparieren. Mal ehrlich? Wofür habe ich diese Pflanzen eigentlich?! Brauche ich sie? Haben sie einen Nutzen? Nö, eigentlich nicht. Also, weg damit. Dann wären da noch die Raupen und Schnecken an meinen Pflanzen. Gut, ich kann und will nicht alle meine Pflanzen hergeben. Aber vielleicht kann ich die ein oder andere so stärken, dass ihr das bisschen Blattfraß nichts ausmacht. Vielleicht kann ich auch ein Hochbeet mit einem Netz drüber bauen, um das Gemüse besser zu schützen. Das wäre dann eine einmalige Arbeit für Pflanzen, die mir durchaus Nutzen bringen. Das Schloss am Gartentor? Gut, das muss ich wirklich ölen. Aber langfristig könnte ich meinen Garten doch so gestalten, dass sich all die Pflanzen selbst schützen können und dann kann es mir auch egal sein, wer in meinen Garten kommt. Ein Zaun um den Vorgarten? Ach lass doch die Wildschweine! Was interessiert es mich, wenn sie dort den Rasen umgraben? Das stört mich in meinem Garten doch nicht. Und schon, erscheinen die Probleme nicht mehr so groß. Lösungen für Probleme, die gar keine sind, wollen auch nicht in Angriff genommen werden. Und für alles andere, müssen Langzeitlösungen her.

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