Das Monster im Schatten

Borderline – was ist das eigentlich?

"Wenn Du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in Dich hinein."
~Friedrich Nietzsche~

TRIGGERWARNUNG
Lieber Leser, dieser Beitrag enthält Themen wie Suizidalität und Selbstverletzungen. Bitte sei gut zu Dir selbst und lies nicht weiter, wenn du befürchtest, dass Dich das triggern kann. Es liegt mir fern, jemanden hierdurch zu verstören.

„Guten Morgen liebe Welt! Wie geht es Dir heute?“
Meiner kleinen Welt geht es heute wunderbar! Es ist herrlichstes Wetter, alles blüht, die Tierchen freuen sich über den Frühling und ich freue mich mit ihnen. Der Garten strahlt und liegt so friedlich vor mir, als hätte er nie einen Sturm gesehen. Er ist voller Güte, voller Liebe, ein Ort der Geborgenheit, der Sicherheit. Eine gute Voraussetzung, um sich aus der Sicherheit dieses friedlichen Ortes heraus mit dem Monster in seinem Schatten zu beschäftigen. Es wird Zeit, dass ich mutig bin. Und Gartenarbeit macht man nun einmal am besten bei schönem Wetter. Da stärkt man seine Pflanzen für den nächsten Sturm. Umso weniger Arbeit hat man, wenn der Sturm losbricht.

Es gibt Bücher, wissenschaftliche Artikel, Erfahrungsberichte, Filme, Dokumentationen, Bilder, Gedichte, Lieder und natürlich einen Wikipedia-Artikel. Also eigentlich, kann ich mir das hier sparen… oder? Oder eben nicht! Denn Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung. Ja, PERSÖNLICHKEIT. Das heißt, sie betrifft eben diese und eben diese ist individuell. Die Betroffenen weisen Gemeinsamkeiten auf, durch deren man sie in eine Schublade stecken und fein ordentlich einsortieren kann. Und dennoch, ist jeder Betroffene eine einzigartige Persönlichkeit die nun mal ein Monster mit sich herumträgt. Doch jedes dieser Monster ist ebenso individuell wie die Persönlichkeit, bei der es sich eingenistet hat. Ich werde daher hier keinen Vortrag über ein Schubladenmonster halten, sondern von meinem Monster berichten.

Das Wichtigste vorweg: Borderline, das bin nicht ich. Das ist ein Teil von mir, doch es ist nicht alles von mir. Es ist nicht das, was mir als erstes einfällt wenn ich mich mit einem Wort beschreiben soll, ja wahrscheinlich wäre es nicht einmal unter den Top 10. Denn es beherrscht mich nicht und es macht mich nicht als Person aus. Es gehört zu mir, aber es ist nicht ich.

Die Schublade Borderline

Bevor ich mutig genug bin um mein Monster aus dem Schatten zu locken, will ich mir die Angst nehmen. Das geht am besten damit, dass ich das ganze sachlich betrachte. Wie gut, dass es Bücher zum Thema „Pflege von Monstern im Garten“ gibt. Ich schnappe mir also alle Bücher zu dem Thema, die ich in meinem Regal finden kann, und mache es mir damit auf der Veranda bequem. Vor vielen Jahren habe ich mithilfe verschiedener Gärtner herausgefunden, um was für eine Art Monster es sich da handelt. Man hat mir erklärt, was das Monster ausmacht, was es für Bedürfnisse hat, wodurch es stark wird und wodurch ich es im Zaum halten kann. Denn am Ende ist so ein Monster ja auch nur wie ein wildes Tier. Es ist nicht von Grund auf böse, es hat durchaus positive Absichten… auch wenn die meinem Garten schaden. Punkt für Punkt schaue ich mir nun an, was in den Büchern über meine Art von Monster steht.

So, bevor ich aber von meinem persönlichen Monster berichte, muss trotzdem die Schublade als Vorlage herhalten. Das macht es einfacher, damit auch Menschen die diese Art von Monster nicht kennen (ihre Monster kommen vielleicht aus anderen Schubladen) mir auch folgen können. Daher fangen wir mal ganz sachte und nüchtern mit dem Thema an.

Nach ICD-10 (Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation) gehört die sogenannte Borderline-Störung zu den Persönlichkeitsstörungen und um genauer zu sein, ist sie ein Subtyp der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung. Nach DSM-5 (dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association) werden dabei folgende diagnostische Kriterien aufgezeigt, die der Betroffene aufweisen muss (Ja, die Zugehörigkeit zu einer Schublade muss man sich schon verdienen).

A. Mittelgradige oder stärkere Beeinträchtigung im Funktionsniveau der Persönlichkeit, die sich durch typische Schwierigkeiten in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert:

  1. Identität: Deutlich verarmtes, wenig entwickeltes oder instabiles Selbstbild, oft mit exzessiver Selbstkritik; chronische Gefühle von innerer Leere; durch Belastung ausgelöste dissoziative Symptome.
  2. Selbststeuerung: Instabilität in Zielsetzungen, Vorlieben, Wertvorstellungen und beruflichen Plänen.
  3. Empathie: Eingeschränkte Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Personen zu erkennen, verbunden mit zwischenmenschlicher Überempfindlichkeit (beispielsweise eine Neigung, sich geringgeschätzt oder beleidigt zu fühlen); die Wahrnehmung anderer fokussiert auf negative Eigenschaften oder Vulnerabilitäten.
  4. Nähe: Intensive, aber instabile und konfliktreiche enge zwischenmenschliche Beziehungen, die durch Misstrauen, Bedürftigkeit und ängstliche Beschäftigung mit tatsächlichem oder vermeintlichem Verlassenwerden gekennzeichnet sind; nahe Beziehungen werden oftmals in Extremen von Idealisierung und Abwertung erlebt und alternieren zwischen Überinvolviertheit und Rückzug.

B. Mindestens vier der folgenden sieben problematischen Persönlichkeitsmerkmale, wenigstens eines davon ist (5) Impulsivität, (6) Neigung zu riskantem Verhalten oder (7) Feindseligkeit.

  1. Emotionale Labilität: Instabiles emotionales Erleben und häufige Stimmungswechsel; heftige Emotionen bzw. Affekte sind leicht stimulierbar, hochgradig intensiv und/oder unangemessen hinsichtlich situativer Auslöser und Umstände.
  2. Ängstlichkeit: Intensive Gefühle von Nervosität, Anspannung oder Panik, oft ausgelöst durch zwischenmenschliche Spannungen; häufige Sorge über negative Auswirkungen vergangener unangenehmer Erlebnisse und über mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft; ängstliche Gefühle, Besorgnis oder Bedrohungsgefühl bei Unsicherheit; Angst vor psychischem Zerfall oder Verlust der Kontrolle.
  3. Trennungsangst: Angst vor Zurückweisung und/oder Trennung von wichtigen Bezugspersonen, begleitet von Furcht vor übermäßiger Abhängigkeit und komplettem Autonomieverlust.
  4. Depressivität: Häufige Niedergeschlagenheit, Sich-elend-Fühlen und/oder Hoffnungslosigkeit; Schwierigkeit, sich von solchen Stimmungen zu erholen; Pessimismus hinsichtlich der Zukunft; tiefgreifende Schamgefühle; Gefühl der Minderwertigkeit; Suizidgedanken und suizidales Verhalten.
  5. Impulsivität: Handlungen erfolgen Hals über Kopf als unmittelbare Reaktion auf einen Auslöser, sie sind vom Augenblick bestimmt, ohne Plan oder Berücksichtigung der Folgen; Schwierigkeiten, Pläne zu entwickeln und zu verfolgen; Druckgefühl und selbstschädigendes Verhalten unter emotionalem Stress.
  6. Neigung zu riskantem Verhalten: Ausübung gefährlicher, risikoreicher und potenziell selbstschädigender Handlungen ohne äußere Notwendigkeit und ohne Rücksicht auf mögliche Folgen; Mangel an Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Verleugnung realer persönlicher Gefahr.
  7. Feindseligkeit: Anhaltende und häufige Gefühle von Ärger; Ärger oder Gereiztheit bereits bei geringfügigen Kränkungen oder Beleidigungen.

Lange habe ich mir diese Kriterien nicht mehr angesehen. Als ich es nun tue, muss ich lachen. Denn ja, dieses Monster ist noch immer ein Teil von mir, mehr als ich mir in den letzten Jahren eingestehen wollte.

Mein Monster & Ich

Okay, es wird Zeit, dass ich mich meinem Monster stelle. In vielen Punkten habe ich es bereits wiedererkannt. Meine Erinnerungen rufen ein furchtbares, bedrohliches Bild hervor. So viele Jahre wütete das Monster in meinem Garten. Anfangs nur heimlich, es kam wahrscheinlich nachts und richtete nur so viel Schaden an, dass ich es kaum sehen konnte. Und als ich es bemerkte, hatte es längst Krankheiten eingetragen. Es wurde übermächtig, zerstörte Pflanzen, vertrieb Tiere, jagte einen Sturm nach dem nächsten durch meinen Garten während ich mich ängstlich auf dem Boden zusammenkauerte und nach Halt suchte.

Es wird Zeit, nach einem jahrelangen Kampf eine Bilanz zu ziehen. Anfangs habe ich mich panisch unter meinem Bett verkrochen und wollte dort im Leben nicht mehr heraus kommen. Denn da draußen lauerte ein schreckliches, riesiges Monster. Heute, habe ich mir meinen Platz zurück erobert und das Monster ist viel kleiner, als ich es mir damals in meiner unendlichen Angst ausgemalt habe. Okay, ich werte mich hier wieder ab. Es ist viel kleiner GEWORDEN weil ICH es BEKÄMPFT habe. Und darauf kann ich auch mal stolz sein!

Damals

Ich war 15 Jahre alt, als ich mein Monster zum ersten Mal bemerkte. In den darauffolgenden Jahren wurde es stärker und stärker. Denn es fraß von meiner Angst. Ich war ihm schutzlos ausgeliefert. Meine Symptome?

15. Lebensjahr

Essstörungen
Haltlosigkeit
Einsamkeit

Wir zogen mal wieder um. An meiner alten Schule, in meiner alten Umgebung und mit meinen alten Freunden fühlte ich mich wohl. Jetzt war wieder alles neu. Ich passte nicht hier her, wurde gemobbt, kam mit dem Schulsystem nicht klar so anders war als das an meiner alten Schule. Hatte keine Freunde und fand auch keine. In meiner alten Umgebung hatte ich Freunde, konnte raus gehen, umherstreifen. Jetzt saß ich nur noch alleine Zuhause und hatte Angst vor der Schule. Ich sah nur einen Ausweg: Ich musste zurück! Organsiert war schon alles. Die Familie einer Freundin wollte mich unter der Woche bei sich aufnehmen, die Schule war einverstanden und dann das Gespräch mit meiner Mutter an meiner neuen Schule. Sie ließ sich bequatschen von einem Lehrer, der vielen Schülerinnen Leid zufügte. Ich musste bleiben. Ich fühlte mich allein gelassen.
Drei Monate an dieser Schule und ich begann zu hungern. Oft aß ich eine Woche lang nichts anderes als Cornflakes mit Milch. Einmal aß ich auch drei Tage lang gar nichts. Meine Noten sackten innerhalb eines halben Jahres von 2 auf 5. Ich traute mich in der Schule nicht aufzuzeigen, weil ich Angst vor blöden Kommentaren hatte. Ich wollte einfach unsichtbar sein.

16. Lebensjahr

Verlustängste
instabile, intensive Beziehungen
Identitätsstörungen
Gefühl innerer Leere
Impulsivität
Ich begann mich an eine ehemalige Klassenkameradin zu klammern. Auch sie war allein. Wir klammerten uns aneinander. Das war nicht gesund, das war nicht sicher… aber es war wenigstens etwas. Die Beziehung war geprägt von Verlustängsten meinerseits. Immer wieder zwang ich sie durch mein Verhalten dazu, mir ihre Zuneigung zu bestätigen. Immer wieder stellte ich diese auf die Probe. Ich klammerte mich so fest an sie, sie war mein einziger Halt in einer stürmischen See. Sie war alles was für mich zählte. Wer ich selbst war? Das wusste ich nicht. Ich nahm jede Meinung, jeden äußeren Einfluss an. Saugte ihn auf, machte ihn zu einem Teil von mir. Ständig auf der Suche nach etwas Wahrhaftem, etwas das mich selbst spüren ließ. Damit war es nur eine Farbe die ich auftrug. Nichts, wodurch ich Erfüllung fand um diese innere Leere zu bekämpfen.

17. Lebensjahr

Depressionen
Suizidalität
Wahrscheinlich kamen auch die Depressionen schon als ich 15 war. Wirkliche Erinnerungen an sie habe ich aber erst mit 17. Meine Freundin verließ mich, sie war jahrelang mein einziger Halt. Kein stabiler Halt. Aber ich klammerte mich an sie. Ich hatte doch sonst niemanden. Ein halbes Jahr lang wollte ich eigentlich nur im Bett liegen. Ich war verzweifelt, wollte nicht mehr leben. Mit der Depression kam auch die Todessehnsucht. Ich hatte Angst über eine Brücke zu laufen, weil ich fürchtete, ich würde runterspringen. Heulend saß ich mit meiner Mutter bei meinem Hausarzt und erzählte ihm das. Seine Antwort: „Das liegt am Eisenmangel.“
Ich wollte einfach nur weg. Irgendwohin, wo ich wieder einen Halt finden konnte. Ich zog bei meiner Mutter aus und in meine alte Gegend zurück. Erhoffte mir hier eine Heimat, ein Nest und Halt zu finden.

18. Lebensjahr

Bulimie
Selbstverletzungen
Dissoziation
Selbstbestrafungen

Emotionale Instabilität
Ich war erleichtert aus dieser Umgebung heraus zu kommen, die für mich nur von Ängsten und Einsamkeit geprägt war. Ich fühlte mich frei und unbesiegbar, hatte Energie für 10. Und abends, konnte ich vor Angst nicht einschlafen. Ich begann mich jeden Abend zu betrinken, damit ich einschlafen konnte. Irgendwann ersetzte ich das doch übermäßigen Kaffee. Bis zu 7 Kannen extrastarken, schwarzen Kaffee trank ich am Tag… und in der Nacht. Schlief höchstens 4 Stunden. Hinzu kam übermäßiger Sport. Immer Auspowern, immer in Bewegung sein. Den Körper an seine Grenzen bringen. Und dann kam die Bulimie. In den schlimmsten Zeiten übergab ich mich bis zu 15x am Tag. Oft kaufte ich abends noch Butterkekse mit Schokoladenüberzug und eine Packung Chips im Laden gegenüber. Die Zeiten der Magersucht und der Bulimie wechselten sich ab. In den Hungerzeiten briet ich mir Watte an oder aß Haferflocken mit Butter (frag mich nicht warum, die Magersucht kennt nur ihre eigenen Logik). Für einen Joghurt brauchte ich 2 Stunden. Immer nur den Löffel kurz an die Zunge halten…
Dann kam die Leere und mit ihr das Gefühl, abgespalten zu sein. Ich lief durch die Stadt, doch ich konnte nichts fühlen, hörte die Geräusche nur dumpf und mein Blick war verschleiert. Ich fühlte mich wie in einer Seifenblase, abgeschnitten von der Außenwelt. Es machte mir Angst.
Nach außen war ich immer aufgedreht, immer fröhlich, immer voller Power. Ich genoss die Bewunderung, die ich dadurch bekam. Fand in ihr Bestätigung. Eine Bestätigung, die ich lange nicht mehr erfahren hatte. Doch wie oft brach ich völlig verzweifelt heulend zusammen. Wenn ich allein war. Denn noch immer fühlte ich mich einsam, haltlos. Heimat, die fand ich auch hier nicht. Also weiter…

19. Lebensjahr

Haltlosigkeit
Einsamkeit
Verlustängste
Suizid
Klinik

Ich zog nach Süddeutschland. Dort kannte ich viele Menschen. Menschen, die ich für Freunde hielt. In einem Ort, den ich für Heimat hielt. Und traf in einem Job, den ich für traumhaft hielt, wieder auf Ablehnung und auf Mobbing. Ich fand mich alleine wieder in diesem Sumpf. Drei Monate hielt ich es aus. Flehte und heulte meine Familie am Telefon an sie mögen mir helfen. Und dann ging ich zurück. An diesen verhassten Ort, den ich nur mit Angst und Schmerz verband.
Auch hier, war ich wieder nur alleine. Einsam in einer Wohnung, die mir Angst machte. Ich traute mich nachts nicht zur Toilette. Der Job überforderte mich. Essen tat ich nur auf der Arbeit. Ich hatte ja nicht mal eine Küche. Außer schlafen und arbeiten tat ich nicht viel. Wieder suchte ich panisch nach einem Halt. Ich klammerte mich an meinen einzigen Freund. Klammerte mich so sehr, dass ich ihm die Luft zum Atmen nahm. Als er versuchte dem Grenzen zu setzen, wurde meine Angst so groß, dass ich nur einen Ausweg sah.
Ich schluckte drei Packungen Schmerzmittel und spülte sie mit einer Flasche Wodka herunter. Er fand mich und so überlebte ich diese Nacht.
Doch die Todessehnsucht hielt mich noch Jahre gefangen.
Hier begann meine Klinikgeschichte.
Ein halbes Jahr lang hielt man mich auf der geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik fest. Mir war es egal. Entweder konnte man mir hier helfen oder ich würde mich halt umbringen. Was machte das schon aus. Dennoch war ich erleichtert hier zu sein. Das Leben, das mich so erdrückte, schien weit weg. Hier war ich nicht mehr alleine, hier fand ich Halt. Ich fühlte ich mich nicht, als wäre ich allen egal.

20.-23. Lebensjahr

Selbstbestrafungen
Impulsivität
instabile, intensive Beziehungen
Verlustängste
Panikattacken
Selbstverletzungen
Schwarz-Weiß-Denken
Nach einem Dreivierteljahr Klinikaufenthalt, in dem ich hauptsächlich damit beschäftigt war, gegen die Mauern zu schlagen die man mir setzte, startete ich in einem neuen Job. Doch wieder suchte ich nach Halt. Ich klammerte mich mal an den einen, mal an den anderen. Versuchte diejenigen mit Druckmitteln bei mir zu halten. Ich begann einen furchtbaren inneren Druck zu spüren und fand nur in einem Erleichterung: Selbstverletzung. Ich kratzte mir die Arme auf. Erst nur stückweise, dann große Flächen. Ich schrie und tobte, wenn die Ärzte meine Wunden behandeln wollten. Ich wollte, dass es sich entzündete, dass es pochte und schmerzte. Dann spürte ich wenigstens etwas.
Kleine Fehler im Alltag, vermeintliche Ablehnungen, Stress in sozialen Beziehungen usw., für all das bestrafte ich mich selbst. Nicht nur mit Selbstverletzungen, sondern auch mit dem Entzug sozialer Kontakte, Schlafentzug oder ich musste auf dem Boden schlafen, auch der Entzug von Essen fand sich in meinem Alltag wieder ein.
Ich reagierte übermäßig emotional in jeder Situation. Fühlte mich schnell angegriffen, abgewertet und belächelt.
Ein schiefer Blick konnte mich völlig aus der Bahn werfen. Ich wertete mich dadurch völlig ab. Doch auch andere Personen schwankten in meinem Ansehen zwischen Heiligem und Teufel. Dazwischen gab es nichts. Meine Welt hatte nur zwei Farben: Schwarz und Weiß. Ich reagierte darauf mit extremem impulsivem Verhalten. Fühlte ich mich angegriffen, wollte ich alles hinschmeißen, denjenigen nie wieder sehen, ihn spüren lassen was er mich spüren ließ. Mein Leben war ein endloses auf und ab der Emotionen. Hinzu kam, dass ich kaum noch aus meiner Komfortzone heraus kam. Die Welt da draußen machte mir Angst. Besonders dort, wo viele Menschen waren oder ich aus einer Situation nicht fliehen konnte, packte mich die Angst. Sie hatte mich so fest im Griff, dass ich manchmal sogar ohnmächtig wurde.
In den Jahren war ich noch mehrfach in der Klinik. Zuletzt mit 22. Diesmal war es eine Spezialklinik für Borderliner.

Heute

Das war mein Monster damals: riesig, allmächtig, grausam und unbesiegbar. Doch ich fand Gärtner, die kannten sich mit dieser Sorte Monstern aus. Sie zeigten mir, wie ich mich wehren, es zähmen konnte. Es wurde ruhiger und ich fand Pflanzen, die seinen Stürmen standhielten. Ich kämpfte jeden Tag gegen mein Monster, bis es sich im Schatten des Gartens versteckte. Heute weiß ich, dass es nicht weg war. Es war da, lauerte auf mich und huschte immer wieder, wenn ich nicht hin sah, in meinen Garten um seiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Dabei richtet es nicht mehr solchen Schaden an wie früher. Es ist schwächer geworden, friedlicher, aber es ist da.
Mit zwei Tassen Tee mache ich es mir auf dem Rasen vor den dunklen Schatten bequem und warte. Ich weiß, dass es kommen wird, aber jetzt habe ich keine Angst mehr vor ihm.

Und heute? Können wir alle nach diesen düsteren Beschreibungen wieder aufatmen. Meine Welt hat Farbe bekommen. Aber glaube mir, das war viel Arbeit. Hast du schon einmal versucht über eine schwarze Wand drüber zu malen? Da muss man sehr oft und mir guter Farbe immer und immer wieder drüber pinseln. Manchmal blättert hier und da etwas Farbe ab oder das Schwarz schimmert noch durch. Dann streich ich halt wieder. Habe ich die Kriterien nach DSM-5 damals auch voll und ganz erfüllt, finde ich mich heute nur hin und wieder darin.

  1. Identität
    Ähm ja… Mein Selbstbild schwankt zwischen stolzem Krieger und ängstlichem Hasen. Selbstkritik? Ja, das kann ich sehr gut. ABER: Inzwischen habe ich auch Gegenargumente. Und ich habe Menschen, die mir dabei helfen, auch die positive Seite an mir zu sehen.
  2. Selbststeuerung
    In meinen Wertvorstellungen bin ich gefestigt und auch in meinen Ansichten. Was meine beruflichen Pläne angeht, mag das zwar für Außenstehende konfus wirken, ist es aber gar nicht. Ich habe meinen Weg gefunden. Ich laufe stetig in eine Richtung. Gut, manchmal laufe ich Umwege, gehe noch mal ein Stück zurück um doch einen anderen Weg zu nehmen, aber die Richtung bleibt gleich. Weißt Du warum? Weil ich weiß, dass es die richtige Richtung ist und daran habe ich auch keinen Zweifel.
  3. Empathie
    Das können wohl am besten andere Menschen über einen sagen. Da Empathie etwas ist, das Menschen die mich kennen sehr an mir schätzen, habe ich hier wohl weniger Probleme. Jedoch unterstelle ich meinem Gegenüber, wenn es um mich geht, allzu oft negative Absichten. Ich fühle mich schnell angegriffen und unfair behandelt.
  4. Nähe
    Auf den Punkt bin ich besonders stolz! Denn inzwischen habe ich ein stabiles Umfeld. Sowohl zu meiner Familie als auch zu Freunden pflege ich einen sehr stabilen und gesunden Kontakt. Ich idealisiere niemanden, werte ihn aber auch nicht ab, wenn er mich mal schief anschaut. Ich vertraue diesen Menschen. Lediglich bei neuen Beziehungen treibt mich noch die Angst um. Kann ich demjenigen vertrauen? Wird er mich auch nicht verlassen?
  5. Emotionale Labilität
    Oooookay, Alarmglocken! Ja, hier sehe ich noch immer ein großes Problem. Meine Stimmungsschwankungen belasten mich in meinem Alltag oft sehr. Ich muss jedoch sagen, dass sie nicht mehr so unkontrollierbar sind wie damals. Sie kommen zwar genauso unkontrolliert, aber ich kann sie meistens einfangen, auch wenn mich das einiges an Energie kostet.
  6. Ängstlichkeit
    Hmmm ja… Manchmal spüre ich die laut DSM-5 beschriebenen Ängste. Z.B. seit meinem letzten Vorstellungsgespräch… jetzt habe ich Angst vor dem nächsten, weil das letzte so furchtbar war. Ein wenig Angst vor der Angst… Auch ein wenig Angst vor Veränderungen. All das sind Punkte, an denen ich noch arbeiten möchte, weil sie mich beeinträchtigen. Aber sie terrorisieren mich nicht und sie beherrschten mich auch nicht.
  7. Trennungsangst
    Wie eben bereits gesagt, trifft mich die nur noch bei neuen Beziehungen. Lerne ich einen Menschen kennen und lasse diesen langsam an mich heran, dann ist mein Vertrauen darauf, dass er mich verlässt noch nicht stabil. Ich versuche jedoch nicht mehr wie früher diesen Menschen mit allen Mitteln an mich zu binden. Ja, ich brauche hin und wieder kleine Bestätigungen seiner Zuneigung, aber auch diese Angst beherrscht mich nicht.
  8. Depressivität
    *seufz* Ja, sie ist da, diese dunkle Wolke und sie kehrt auch immer wieder zu mir zurück. Das Gute: Ich erliege ihr nicht mehr. Ich kämpfe gegen sie an und so halten ihre Phasen nicht mehr so lange an wie früher. Und sie gehen nicht so tief. Nicht mehr bis an den Punkt, an dem ich nicht mehr weiter weiß.
  9. Impulsivität
    Nein! Ich spüre sie, sie ist ein Teil von mir, aber ich lasse sie nicht mehr mein Handeln bestimmen. Mein Verstand ist stärker und kann sie einfangen. Heute warte ich das erste impulsive Gefühl einfach ab, versuche mich wieder zu beruhigen und denke dann noch mal mit klarem Kopf darüber nach. Selbstschädigendes Verhalten? Nope! Keine Spur mehr davon. Ja, manchmal wähle ich noch den sozialen Rückzug. Aber eher als Schutz. Ich möchte die anderen nicht überfordern, nicht belasten und auch nicht unfair zu ihnen sein. Manchmal muss ich die Dinge erst einmal mit mir selbst ausmachen und schotte mich dann ab. Keine Essstörungen mehr, kein Entzug sonstiger Bedürfnisse. Ich kann mich auch noch gut um mich kümmern, wenn die Selbstzweifel an mir nagen.
  10. Neigung zu riskantem Verhalten
    Nein! Zumindest nicht mehr, seitdem ich in Norwegen die steile Wand entlang geklettert bin und sich mein „beste Freundinnen“ Modus einstellte.
  11. Feindseligkeit
    Ähm… ja…. also das ist irgendwie wahr. Allerdings ist es so, dass mich erst langanhaltende „Beleidigungen“, „Kränkungen“ und „unfaires“ Verhalten mir gegenüber in den Wahnsinn treibt. Ansonsten bekomme ich meine negativen Gefühle und meinen Ärger relativ schnell in den Griff. Ja, auch das kostet wieder Energie, das passiert leider nicht von alleine. Aber ja, es macht mich gereizt und ich hasse das!

Fazit

Mein Ordnungswahn möchte an dieser Stelle bitte eine Tabelle haben, weil es übersichtlicher ist. Bitte, bekommt er seine Tabelle:

Legende
– – – = hat mich voll im Griff
– – = hat mich im Griff
– = hat mich manchmal im Griff
-/+ = schwankend
+ = ich kann damit umgehen, aber es kostet viel Energie
++ = ist da, aber ich kann damit umgehen
+++ = ist gar nicht mehr da

SymptomFrüherHeute
Identitätsstörung– – –-/+
Selbststeuerungsprobleme– – – +++
Empathie Probleme– –++
Probleme mit Nähe/Distanz– – – +
Emotionale Labilität– – – -/+
Ängstlichkeit– – +
Trennungsangst– – – ++
Depressivität– – – +
Impulsivität– – – +
riskantes Verhalten– – +++
Feindseligkeit– – – ++

Um das Ganze aber noch ein bisschen positiver zu gestalten, machen wir doch ein Punkte-System! Warum? Damit ich schwarz auf weiß sehe, was ich schon alles geleistet habe. Ich vergesse das nämlich leider viel zu oft.
Machen wir es so:

– – – = 0 Punkte
– – = 1 Punkt
– = 2 Punkte
-/+ = 3 Punkte
+ = 4 Punkte
++ = 5 Punkte
+++ = 6 Punkte

Gestartet bin ich damals mit 3 Punkten und heute habe ich sage und schreibe
49 Punkte!!!
(Ich hoffe das prüft noch mal einer nach, ich hab´s ja nicht so mit Zahlen.)

Was sich jetzt aus dem Schatten wagt, hat noch immer eine schreckliche Erscheinung, doch es ist viel, viel kleiner als damals. Es rast nicht mehr vor Wut, es brüllt nicht mehr. Ja, es ist angespannt und es schnaubt gefährlich, aber ich weiß jetzt, wie ich es beruhigen kann. Ich denke an die Wortes des Fuchses: „Du kannst es nicht vertreiben. Das hier ist sein Zuhause!“ Was also bleib? Aushalten hat es schlimmer gemacht, Weglaufen hat mich vor Heimweh zerrissen, Kämpfen kostet zu viel Kraft. Dann bleibt nur noch eines: Ihn mir zum Freund machen. Und so nehme ich all meinen Mut zusammen und schiebe ihm vorsichtig die Tasse Tee entgegen.

4 Gedanken zu “Das Monster im Schatten

  1. Das ist sehr mutig, das so offen zu teilen und sicher ein weiterer großer Schritt in ein glücklicheres und zufriedeneres Leben. Es ist auch meine Erfahrung (mit Ängsten), dass die Schatten verschwinden, sobald wir uns mit ihnen anfreunden. Viele Grüße, Monika

    Gefällt 1 Person

  2. Hey, ich bin auf Dich bzw. Deinen Blog aufmerksam geworden da Du meinem folgst… und jetzt weiß ich garnicht was ich zuerst schreiben soll… Immer wieder stelle ich fest das wir Borderliner uns gegenseitig irgendwie finden, und ich bin zu tränen gerührt wie Du ein so tiefes Empfinden hier in Metaphen umsetzt und vielen betroffen damit aus der Seele sprichst. Ab heute hast auch Du einen follower mehr.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Markus, ich freue mich sehr, dass Du den Weg in meinen Garten gefunden hast.
      Und auch ich bin gerührt von Deinen Worten und danke Dir dafür. Es ist toll, wenn ich mit meinen Worten andere Menschen erreichen und ihnen vielleicht sogar eine Inspiration sein kann.
      Ich habe generell das Gefühl, dass wir Menschen mit dem „psychischen Knacks“ einander finden. Ziehen uns an wie das Licht die Motten. Und vielleicht ist es auch genau das, ein Licht in diesem dunklen Tunnel. Jemand, der einen versteht, jemand dem man nichts erklären muss, weil er auch so fühlt. Das macht doch vieles leichter.

      Schau gerne öfter vorbei. Ein ruhiges Plätzchen und eine Tasse Kaffee wirst Du hier immer vorfinden.
      Biene

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