Die Leiter in meinem Garten

Das gesunde Maß des Helfens

"Es ist nutzlos zu versuchen,
Menschen zu helfen,
die sich nicht selbst helfen.
Man kann nur jemanden eine Leiter hinauf stoßen,
wenn er bereit ist,
selbst zu klettern."
~Andrew Carnegie~

Während ich noch überlege, welcher Arbeit ich mich heute widme, höre ich ein lautes Knacken. Erschrocken drehe ich mich in die Richtung, aus der das Geräusch ertönte. Und sehe meinen wunderschönen Magnolienbaum, dessen unterster Ast mit seinem Gleichgewicht zu kämpfen scheint. Besorgt eile ich zu ihm, um mir das genauer anzusehen. Bei näherer Betrachtung sehe ich sie, die Einbohrlöcher von Borkenkäfern. Sie müssen sich heute Nacht unter seine Borke gegraben haben und richten nun in seinem empfindlichen Holz ihren Schaden an. Wieder knackt der Ast bedenklich. Hektisch sehe ich mich um. Das Gartenhaus! Natürlich! Ich eile über den Rasen, reiße die Tür auf und schaue mich, immer noch hektisch, um. Mein Blick fällt auf eine alte Holzleiter. Die schnappe ich mir und eile zurück zu meinem Magnolienbaum. Dort richte ich die Leiter so unter dem Ast auf, dass sie ihn stützen kann. Soweit zur ersten Hilfe. Aber was nun? Was tun gegen die Käfer? Ich muss sagen, dass ich inzwischen einige Tricks drauf habe, denn mein armer alter Apfelbaum ist andauernd von diversen Schädlingen befallen. In der Küche mixe ich aus Kernseife und Rapsöl eine schmierige Flüssigkeit. Mit einer Bürste trage ich zunächst locke Borkenstücke ab um möglichst an die untersten Schichten zu kommen. Dann trage ich mit einem Pinsel die schmierige Substanz sorgfältig auf den befallenen Ast auf. Und jetzt hilft nur noch hoffen, dass meine geliebte Magnolien den Befall schnell und unbeschadet übersteht.

Da mich gestern ein Psychocrash ereilte, der bis gestern am frühen Abend anhielt, unterbrach ich meinen geplanten Beitrag und schrieb den, den Du stattdessen gestern hier angetroffen hast. Aber das macht ja nichts. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und manchmal muss man seine Pläne eben den aktuellen Bedingungen anpassen.

Heute geht es um das Thema „Helfen“. Aber nicht einfach „Wie helfe ich anderen?“ sondern, „Wie helfe ich anderen in einem gesunden Maß?“. Dabei geht es nicht nur darum, dass ich mich nicht aus den Augen verliere, wenn ich anderen helfe, sondern auch darum, dass ich den anderen mit meiner Hilfe nicht unterdrücke, ihm aber auch nicht seine Aufgaben abnehme. Klar worum es geht? Na dann los!

Helfen – Was heißt das?

Erster Ansatz wenn man herausfinden will, was „das“ ist? Erstmal im Duden nachschlagen:

„jemandem durch tatkräftiges Eingreifen, durch Handreichungen oder körperliche Hilfestellung, durch irgendwelche Mittel oder den Einsatz seiner Persönlichkeit ermöglichen, [schneller und leichter] ein bestimmtes Ziel zu erreichen; jemandem bei etwas behilflich sein, Hilfe leisten“

Helfen ist also laut Duden ein positiv besetztes Wort. Dass diese positiv besetzte Absicht jedoch auch durchaus in etwas Negatives ausschlagen kann, möchte ich heute nicht unärwehnt lassen. Ich selbst habe bereits beide negative Seiten erlebt. Sowohl das Helfen bis zur Selbstaufgabe (was einem übrigen am Ende auch keiner dankt) als auch das Erdrückt Werden durch eine gut gemeinte Hilfestellung. Das richtige Maß zu finden ist also für beide Seiten enorm wichtig, denn erst dann wird Helfen zu etwas wahrlich Positivem.

Das Helfersyndrom

„auf der Unfähigkeit, seine Bedürfnisse zu äußern, beruhende psychische Störung, die sich in einem übertriebenen Bedürfnis zu helfen zeigt“

So, steht es im Wörterbuch. Kommt Dir das bekannt vor? Vielleicht von Dir selbst oder kennst Du Menschen bei denen das so ist? Auch hier trifft bei mir wieder beides zu. Ich kenne solche Menschen… und ich kenne mein früheres Ich. Denn auch ich war einmal so. Ich wollte helfen. Jedem. Immer. Und egal zu welchem Preis. Es ging mir dabei nicht darum, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen, sondern vielmehr darum, das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden. Eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Etwas wert zu sein. Heute ist das anders. Ich helfe immer noch gerne, doch mein letztes Hemd, das gebe ich nicht mehr für jeden.

Menschen die unter einem Helfersyndrom leiden, zeigen laut psychotipps.com folgende Verhaltensweisen:

  • Die Bilanz zwischen Geben und Nehmen stimmt nicht. Wir geben mehr, als wir bekommen.
  • Wir hören nicht (mehr) auf die Bedürfnisse des Hilfsbedürftigen, sondern helfen ungefragt.
  • Wir wissen besser über die Bedürfnisse und Wünsche des anderen Bescheid als über unsere eigenen Bedürfnisse.
  • Wir sind erschöpft und ausgelaugt, da wir uns überfordern.
  • Wir sind depressiv.
  • Wir haben keine eigenen Wünsche und Ziele mehr.
  • Wir lehnen jede Unterstützung durch andere ab.
  • Wir nehmen Medikamente und Suchtmittel, um der Belastung standzuhalten.
  • Wir erwarten von den Menschen, denen wir helfen, Dankbarkeit und Anerkennung.

Wenn ich das so lese, spüre ich die Leere der Person, die ich einmal war, in mir. Und sie tut mir leid, dieses einsame Mädchen, das auf der Suche nach Halt jeden Strohhalm greift. Gleichzeitig erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit, dass ich dieses Mädchen nicht mehr bin. Vor kurzem habe ich einem mir sehr nahe stehenden Menschen sehr geholfen. Er war in Not und ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ihm zu helfen. Er sagte auch „Danke“, doch als ich ihn einige Tage später sah, verlor er kein Wort mehr darüber. Kurz war ich traurig, doch dann schmunzelte ich in mich hinein und sagte mir „er ist Dir sehr dankbar, er kann es nur nicht zeigen“. Und damit war ich zufrieden. Klingt herrlich gesund, oder?

Die gesunde Form der Hilfe

Wie aber sieht nun gesundes helfen aus? Worauf sollte man dabei achten? Und wann merkt man, dass das Maß überschritten oder die Waage im Ungleichgewicht ist? Ich habe dazu ein paar Anhaltspunkte herausgearbeitet:

  • Ich bestimme, welche Hilfe ich bereit bin zu geben.
  • Ich überlasse dem Bedürftigen, welche Hilfe er annimmt.
  • Ich akzeptiere es, wenn meine Hilfe nicht gewünscht ist.
  • Ich muss bereit sein, ebenfalls Hilfe anzunehmen.
  • Ich wäge ab, wem ich in welcher Form helfe
  • Ich unterstütze, aber ich nehme dem Anderen nicht seine Aufgabe ab.
  • Ebenso fordere ich nicht von Anderen, dass sie meine Aufgaben übernehmen.
  • Ich helfe im Rahmen meiner Möglichkeiten und achte dabei auf meine Grenzen.
  • Ich distanziere mich von Energieräubern.

Nehmen wir uns einmal jeden Punkt einzeln vor:

Ich bestimme, welche Hilfe ich bereit bin zu geben.
Jeder Mensch verfügt über individuelle Möglichkeiten, Stärken, spezielles Wissen oder wie ich es einfach nenne: Werkzeuge. Wenn z.B. meine beste Freundin Geldsorgen hat, dann wird sie damit nicht zu mir kommen, sondern eher ihre Eltern um Hilfe bitten. Hat sie aber Liebeskummer, dann wird sie sich eher weniger bei ihrem Vater ausheulen, sondern mich anrufen. So wie sie klug wählt, an wen sie sich wendet, kann auch ich auswählen, womit ich helfen kann und will.

Ich überlasse dem Bedürftigen, welche Hilfe er annimmt.
Manchmal ist es schwer zu erkennen, was der Mensch mir gegenüber gerade braucht, damit es ihm besser geht. Manchmal glaube ich aber auch ganz genau zu wissen, was ihm helfen könnte. Weil wir aber nie genau wissen, was dem anderen gerade wirklich hilft oder was er auch wirklich annehmen kann, müssen wir das schon ihm überlassen. Wenn ich eine depressive Phase habe, merke ich das extrem. Ja ich weiß, dass es mir helfen würde raus zu gehen, aber manchmal geht es einfach nicht. Würde man mich dann zwingen, weil man ja weiß, dass es mir gut tun würde, dann würde die gut gemeinte Hilfestellung völlig nach hinten losgehen, denn es würde mich nur überfordern. Was also machen? Wir können dem Bedürftigen unsere Hilfe anbieten und ihm auch Vorschläge machen, wie wir ihm helfen können. Wofür er sich aber entscheidet, das müssen wir ihm überlassen.

Ich akzeptiere es, wenn meine Hilfe abgelehnt wird
Achtung! Jetzt wird es für alle Borderliner unter uns schwierig. Wir können niemandem unsere Hilfe aufzwingen. So weit so gut. Jetzt müssen wir aber auch noch lernen, diese Zurückweisung zu akzeptieren. Derjenige kann oder will unsere Hilfe gerade nicht annehmen. Vielleicht nimmt er auch stattdessen von jemand anderem die Hilfe an. Ein stark schwarz-weiß-denkender Borderliner wird das als starke Zurückweisung empfinden und sich als Person im Ganzen abgewertet fühlen. Aber denken wir mal kurz logisch: Wenn ich mich ausheulen will, dann kann ich das nicht bei jedem. Dann brauche ich vielleicht in dem Moment eine ganz bestimmte Person und weise daher alle anderen zurück. Sind sie mir aber deswegen weniger wichtig? Nein, natürlich nicht!

Ich muss bereit sein, ebenfalls Hilfe anzunehmen
Ach wie herrlich! Auch an dem Punkt habe ich bereits gute Fortschritte gemacht. Um Hilfe bitten, fällt nicht immer leicht. Es bedeutet, eigene Schwächen zuzugeben und es bedeutet auch, es sich selbst wert zu sein, dass andere Energie an mich „verschwenden“. Um Hilfe bitten fällt mir auch heute manchmal noch schwer. Ich versuche aber inzwischen, diese Hilfe konkret zu formulieren. Also kein: „Ich habe ein Problem – löse es!“ Sondern: „Ich habe folgendes Problem, ich könnte dabei in dem und dem Punkt deine Hilfe gebrauchen.“ Damit schiebe ich mein Problem nicht ab und gebe dem anderen einen konkreten Ansatz, an welcher Stelle ich Unterstützung brauche.

Ich wäge ab, wem ich in welcher Form helfe
Mein Vater sagte einmal zu mir: „Du kannst nicht die ganze Welt retten“. Aber kann ich es nicht wenigstens versuchen? Inzwischen weiß ich, dass ich meine eigene kleine Welt sehr wohl retten kann. Aber ich setze meine Energie inzwischen gezielt ein. Braucht jemand aus meinem nahen Umfeld Hilfe, dann gebe ich was ich kann. Doch bei Menschen, die mir nicht so nahe stehen, gebe ich nur so viel, wie es meine Energien zulassen. Ich helfe immer noch gerne jedem, aber nicht mehr bis zur Selbstaufgabe.

Ich unterstütze, aber ich nehme dem anderen nicht seine Aufgabe ab
Jeder muss seinen Weg selbst gehen. Manchmal kann man einen Menschen ein Stück weit dabei begleiten, ihn unterstützen, ihn vielleicht auch mal ein kleines Stück mitziehen, aber man kann ihn nicht den ganzen Weg lang tragen. Warum nicht? Weil derjenige dann nie lernt zu laufen und weil ich am Ende vollkommen erschöpft und kaputt sein werden.

Ebenso fordere ich nicht von anderen, dass sie meine Aufgaben übernehmen
Ich kenne selbst die Situationen, in denen ich nicht mehr weiter weiß und völlig verzweifelt bin. Was mir dann im Rückblick am ehesten geholfen hat ist jemand, bei dem ich mich ausheulen kann und der dann aber mir hilft mich zu sortieren und Lösungen zu finden. Bei Lösungen die mir vorgekaut wurden, war ich am Ende doch nicht zufrieden und gab demjenigen die Schuld. Selbst die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen ist wichtig um zu wachsen und um stark zu werden.

Ich helfe im Rahmen meiner Möglichkeiten und achte dabei auf meine Grenzen
Niemand hat etwas davon, wenn ich mich völlig verausgabe. Wenn ich z.B. meiner Freundin mit den Geldsorgen helfe und dabei mein Konto vollkommen überlaste, dann verlagern sich die Sorgen ja auch nur. Manchmal ist es auch einfach so, dass man selbst mit sich zu kämpfen und daher keine Energien mehr für andere übrig hat. Wenn ich so eine Phase habe, aber trotzdem meiner Freundin helfen möchte, sagt die zu mir: „Kümmere Dich erst einmal um Dich. Damit geht´s mir auch schon besser.“

Ich distanziere mich von Energieräubern
Kennt ihr sie? Diese Menschen, die einen völlig vereinnahmen. Menschen, die einen so sehr auslaugen, dass man nach jedem Treffen völlig ausgelaugt ist. Dazu zählen auch Menschen, die immer fordern, fordern, fordern. Was man gegen solche Menschen macht? Erst einmal, muss man sich darüber bewusst werden, dass man solche Menschen in seinem Leben hat. Die nächste Frage ist, wie viel Platz, Zeit und Energie man diesen Menschen einräumen möchte. Und dann kommt der schwierigste Teil: Diesen Menschen die Grenzen aufzeigen. Manchmal hilft auch etwas Abstand. Nicht selten löst sich der Kontakt ganz auf, wenn Du nicht mehr das machst, was der andere fordert. Oder aber Du entscheidest Dich dazu, diesen Menschen aus Deinem Leben zu verbannen.

Nachdem ich den Ast der Magnolie stabilisiert und ihre Borke sorgfältig eingeschmiert habe, kann ich nur noch warten. Sie muss jetzt selbst ihre Kräfte mobilisieren um gegen den Befall anzukämpfen. Die Last des Astes kann ich ihr nicht abnehmen, ich kann ihn nur ein wenig mittragen und auch den Schmerz kann ich ihr nicht nehmen, nur versuchen ihn ein wenig zu lindern. Im Laufe des Tages schaue ich immer wieder nach ihr. Meine Unterstützung scheint sie ein wenig zu entlasten. Ich merke aber auch, dass sie gerade alle Energie in diesen Ast gibt. Sie braucht also dringend Nährstoffnachschub. Und wodurch bekommt eine junge Magnolie den am besten? Na klar! Mutterboden muss her! Und den bekommt sie dann auch…

Was du gerade gelesen hast, ist eigentlich mein gestriger Gartenbericht. Heute geht es meiner Magnolie wieder gut, sie hat etwas Mutterboden zur Erholung bekommen und ihr ist aufgefallen, dass sie den befallenen Ast sowieso nicht mehr haben wollte. Der war nämlich faul und hat sie bei jedem Sturm ins Wanken gebracht. Also ab damit!

2 Gedanken zu “Die Leiter in meinem Garten

  1. Danke für einen weiteren tollen Beitrag! Wie üblich hat das Lesen große Freude bereitet und wertvolle Tipps geliefert. Ich freue mich auch, dass es dir und deiner Magnolie besser geht und bin begeistert davon, wie hart du offenbar an dir arbeitest! Weiter so 😉

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