Ein stürmischer Tag

Wenn am Leben bleiben alles ist, was geht

Tommy und Annika:
„Der Sturm wird immer stärker!“
Pippi:
„Das macht nichts,
ich auch!“
~Astrid Lindgren – Pippi Langstrumpf~

Grau.
Windig.
Keine Vögel.
Keine Schafe.
Der Monsun von gestern hat seine Spuren hinterlassen. Verbittert starre ich in den Garten. Ein Nebel hängt über ihm und lässt meinen Blick verschwimmen. An meinem Teich sitzt ein Reiher. Vom Kompost weht ein beißender Geruch herüber. Ich schiebe die Tasse frischen Kaffees unter meine Nase, schließe meine Augen und atme den Duft ein. Vor meinem inneren Auge lasse ich Sonnenstrahlen durch die Wolken tanzen. Bis ein leises Piepsen an mein Ohr dringt. Ich öffne meine Augen und suche den Auslöser für das Geräusch. Hinter meinem Teich entdecke ich sie. Eine kleine Blaumeise sitzt dort auf dem steinernen Abbild eines Hofnarren. Fröhlich zwitschert sie vor sich hin und tanzt dabei in einem Sonnenstrahl, der seinen Weg durch die dunklen Wolken gefunden hat. Lächelnd schaue ich ihr dabei zu.

Als ich heute Morgen aufwachte, spürte ich sie sofort. Die Anspannung. Die schlechte Laune. Die Gereiztheit. „Na das kann ja was werden“, dachte ich. Ich schaltete ein Hörbuch zur Ablenkung ein und drehte mich noch mal für eine halbe Stunde um, ehe ich beschloss Kaffee zu kochen. Mit einer meiner Katzen im Schlepptau, schlurfte ich samt Kaffee nach draußen um die Welt zu begrüßen. Meine Katze, durchaus in der Lage ihre Bedürfnisse und Wünsche offen zu äußern, strich mir maunzend um die Beine und gab erst Ruhe, als ich sie auf den Arm nahm. Da thronte sie dann und blickte auf die Welt hinab. Zufrieden. Wertungsfrei. Sie hat ja Recht! Also setzte ich ein Lächeln auf, ließ meinen Blick über die Bäume schweifen und fragte in die kühle Morgenluft hinaus „Good morning world! How are you today?“.

Leider hielt das nicht lange an… Unter der Dusche dann wieder ein Psychocrash. Ich bin angespannt, meine Gedanken sind taub. Noch vor zehn Minuten hatte ich mir ausgemalt zum See zu fahren. Ein wenig spazieren gehen, aufs Wasser schauen, Steine sammeln… Doch jetzt weiß ich, dass ich es nicht schaffen werde. Auch meine to-do-Liste für heute kann ich beiseitelegen. Mir fehlt die Kraft. Wäsche waschen, saugen, kochen, zur Werkstatt fahren, einkaufen… Ja, zeitlich hätte das alles wunderbar funktioniert. Doch es geht nicht. Ich weiß nicht, wie ich diesen Zustand einem Außenstehenden erklären soll. Ich fühle mich wie gelähmt. Bei dem Gedanken meine Wohnung zu verlassen, kommt Panik in mir auf. Ich will nicht! Ich will nichts sehen, nichts höre, nichts fühlen. Mein ganzer Körper schmerzt, jeder Muskel ist angespannt. Auf jede Berührung reagiert er hypersensibel, als würden ihn Nadeln stechen. Sehr bildlich spiegelt er damit meine Seele wieder. All meine Energie ist darauf fokussiert, nicht zu ertrinken. Für etwas anderes bleibt keine Kraft mehr über. Kaum eine Möglichkeit, dabei einen klaren Gedanken zu fassen. „Du musst das aushalten, es geht vorbei“.

Ich versuche die Worte zu greifen, die in meinem Kopf herumfliegen:

Ich bin für nichts zu gebrauchen. Warum kann ich nicht einfach funktionieren? Warum muss ich immer so schwierig sein? Ich hab Angst. Ich will nur meine Ruhe haben. Keiner versteht mich. Ich bin nicht fähig mein Leben zu meistern. Ich bin schuld. Es liegt an mir. Es ist egal wo ich hingehe, ich werde immer scheitern. Ich bin nicht in der Lage den Anforderungen zu entsprechen. Ich kann stark sein… aber nie lange und dann breche ich wieder zusammen. Warum kann ich nicht einfach das machen, was von mir erwartet wird? Immer zu viel, zu wenig, zu hell, zu dunkel… nie was ich sein soll. Lasst mich doch alle in Ruhe! Ich kann es einfach nicht! Mich überfordert diese Welt. Ich kann in ihr nicht bestehen. Ich will leben, aber nicht nach euren Regeln. Ich möchte doch nur einen kleinen Platz haben, an dem ich meine Ruhe haben kann. Ich kann da nicht raus. Ich hab Angst vor den Menschen. Angst vor ihren Blicken. Ihren Vorwürfen. Ich kann nicht immer stark sein. Ich lüge, wenn ich so tue als wäre ich stark und selbstbewusst. Und das ist anstrengend. Die ganze Welt strengt mich an. Ich will nur Ruhe. Geht weg mit euren Anforderungen, eurem Druck und euren Erwartungen. Ich will nichts von all dem erfüllen müssen, dem nicht standhalten müssen. Immer habe ich das Gefühl alles falsch zu machen, nicht zu genügen, immer die zu sein, die stört. Ich kann das nicht mehr und ich will das nicht mehr.

So, das musste jetzt mal alles raus. Auch wenn es wirr ist, auch wenn es weh tut, aber es muss raus. Denn alles was drin bleibt, beginnt zu nagen.
Und jetzt tief durchatmen und mal alles der Reihe nach. So Fräulein „Lösungsorientiert“ und „Reflektiert“, dann leg mal los!
Gut, ich bin doof und passe nicht in diese Welt.
Das war jetzt aber weder achtsam noch objektiv. Also noch mal!
Okay, ich bin hochsensibel und manchmal überfordert mich die Welt… oder auch öfter.
So ist das fein! Braves Mädchen!
Wer kann ich also mit meiner Hochsensibilität in dieser Welt bestehen? Und was genau überfordert mich da eigentlich? Wenn ich das heute herausfinde, dann ist zwar der Boden immer noch voller Wollmäuse und die Wäsche auch noch nicht geschaffen, aber geleistet hab ich dann doch einiges. Andererseits… wenn ich diesen Tag überlebe, dann ist das auch schon ne große Leistung.

Hochsensibilität

Inzwischen gibt es dafür in der Tat ein eigenes Krankheitsbild. Aber danke, ich hab schon eins und davon ist ein Symptom eben eine starke Sensibilität. Was genau bedeutet es aber, wenn man hochsensibel ist?
Auf karrierebibel.de habe ich dazu eine gute Auflistung gefunden:

Die positiven Seiten
Hochsensible…

  • haben ein großes Maß an Empathie.
  • verfügen über Qualitätsbewusstsein.
  • sind empfänglich für Missstimmungen und emotionale Schwingungen.
  • zeichnet oft große Akribie und großer Perfektionismus aus.
  • besitzen häufig einen sehr guten Überblick.
  • weisen gerngesehene Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Fleiß auf.
  • haben eine sehr differenzierte Wahrnehmung.
  • sind lösungsorientiert.

Die negativen Seiten
Hochsensible…

  • sind stressanfälliger.
  • fühlen sich schnell überfordert.
  • neigen zu Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten.
  • fällt es schwer, sich abzugrenzen.
  • sind schreckhaft, neigen zu übersteigerten Reaktionen.
  • sind schneller gereizt und haben daher auch ein hohes Rückzugsbedürfnis.

Aber damit Du auch was davon hast, hab ich natürlich auch noch einen Test herausgesucht. Ein bisschen Interaktion macht doch immer Spaß! 😉
Bist Du hochsensibel?

So, schön und gut. Haben wir das Problem also benannt. Und nun? Genau, jetzt wird nach einer Lösung gesucht. Denn auch wenn ich mich heute einigle, möchte ich mein Leben nicht davon bestimmten lassen. Ich bin ein Kämpfer und ich lasse mich von meinen Ängsten und „Störungen“ nicht unterkriegen, auch wenn es manchmal schwer ist. Aber ich weiß inzwischen, dass das Leben schön ist und dass es sich immer lohnt dafür zu kämpfen. Auch wenn ich die Sonne gerade nicht sehen kann, ich weiß, dass sie da ist. Irgendwo hinter den dicken grauen Wolken.

Ich habe mir inzwischen etliche Seiten zu dem Thema durchgelesen, doch noch immer befriedigen mich die Tipps nicht. Bzw. ich merke sofort innere Abwehr, wenn ich sie lese. Wenn ich mich mal kurz frage „Warum?“, muss ich feststellen, dass mir ein Weg fehlt sie auch umzusetzen. Denn irgendwie weiß ich all das, was da steht. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich das im Berufsalltag umsetzen soll. Ich lese wieder viel über „Achtsamkeit“ und darüber „den eigen Rhythmus zu finden“. Soweit war ich auch schon… Ich weiß auch, dass ich „Pausen machen“ und „auf meinen Körper hören“ soll. Das ist alles schön und gut und das funktioniert alles für einen kurzen Zeitraum. Doch dann wird mir wieder alles zu viel und ich kann nicht mehr. Ich bin überfordert und ausgelaugt.
Nicht durchdrehen! Atmen und Schritt für Schritt vorwärts gehen….

Erst einmal muss ein Plan zur Ersten Hilfe bei Überforderung her.
Als beruhigend haben die Tipps auf psychotipps.com auf mich gewirkt:

  • Nimm Deine Gefühle für den Augenblick an.
  • Behandle Dich rücksichts- und liebevoll.
  • Nimm eine kurze Auszeit.
  • Trinke etwas Warmes.
  • Konzentriere Dich auf Deinen Atem.
  • Lenke Deine Aufmerksamkeit darauf, was Du siehst.
  • Frage Dich, was das Wichtigste ist.
  • Bleibe bei der wichtigsten Aufgabe, bis diese erledigt ist.
  • Mach Schluss mit Muss.

Wer jetzt keine beruhigenden Worte sondern lieber bunte Bilder mag, aber bitte! Auch dazu habe ich etwas gefunden, nämlich auf laufvernarrt.de:

Aber eines, würde ich mir dennoch wünschen: Etwas mehr Verständnis. Ich weiß, dass es schwer begreiflich ist, warum ich z.B. heute nicht einfach meine to-do´s erledigt habe. Ich weiß, dass es kaum nachvollziehbar ist, warum mir an manchen Tagen die Kraft fehlt, einfachste Dinge zu erledigen. Aber der Kampf den ich bereits seit 18 Jahren führe, ist real. Auch wenn die Wunden, die er hinterlässt, nach außen nicht mehr sichtbar sind, ich kann sie spüren. Superman kann nicht pünktlich zum Abendessen erscheinen, wenn er gegen Bösewichte kämpft…

Und mein Garten? Der muss heute warten. Wir brauchen wohl beide etwas Erholung von den Regenschauern…

Ein Gedanke zu “Ein stürmischer Tag

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