Kräutertee auf der Schaukel

Tägliche Rituale zum Durchatmen

"Manche Menschen spüren den Regen,
andere werden nur nass."
~Bob Marley~

Noch im Morgenmantel, die nackten Füße in meinen Holzklocks und einer Tasse frisch aufgebrühtem Kräutertee (natürlich mit Kräutern aus meinem Kräutergarten) in der Hand, schlurfe ich gemächlich durch meinen Garten. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Schafe grasen friedlich auf dem sattgrünen Rasen. Mit meinen Katzen im Schlepptau verschlägt es mich mal in die eine, mal in die andere Ecke. Hier und da verweile ich einen Moment um eine Biene zu beobachten, die sich am Nektar einer orangefarbenen Blüte ergötzt, oder um die frischen Knospen an den Zweigen der Büsche zu bestaunen. Friedlich liegt er heute da, mein Garten. Nach so vielen Stürmen der letzten Jahre, scheint er die Ruhe zu genießen und nimmt dankbar ihre spendende Energie auf. Auch am Kompost bleibe ich kurz stehen. Zufrieden stelle ich fest, dass der Abfall der letzten Wochen durch den starken Regen, den der Sturm mit sich brachte, langsam verrottet. Eine Zufriedenheit stellt sich bei mir ein, die sich wie die Wärme des Tees in mir ausbreitet. Ich lasse mich auf der Schaukel nieder, schließe meine Augen und lasse mich von ihr sanft vor und zurück wiegen.

Rituale… hab ich nicht gestern was von Ritualen erwähnt?! Ohja!! Das ist auch ein schönes Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Rituale fanden vor ca. zehn Jahren ihren Weg in mein Leben. Auch das etwas, was ich in der Therapie lernte. Es war meine erste Berührung mit dem Thema Achtsamkeit. Damals konnte ich nicht viel damit anfangen, als der Betreuer in der Gruppe meinte, wir sollten achtsam ein Gummibärchen essen. Achtsam bedeutet, mit allen Sinnen. Als er sich also das Gummibärchen ans Ohr hielt, es knetete und lauschte, war für mich Ende. Das war mir zu albern! Zurück im Arbeitsleben, hatte ich dann aber doch etwas daraus mitgenommen. Ich baute zwei Rituale in meinen Alltag ein:

1. Wenn ich mit dem Auto irgendwohin fuhr und ankam, dann hörte ich da erst das Lied im Radio zu Ende ehe ich ausstieg.
2. Nach der Arbeit machte ich mir einen Schokocappuccino, schnappte mir ein Buch oder ein Sudoku-Heft, suchte mir eine gemütliche Ecke in meiner Wohnung und machte eine halbe Stunde lang Pause.

Das war mein erster Schritt in Richtung Achtsamkeit. Damals wäre es für mich unmöglich gewesen, mich für eine halbe Stunde hinzusetzen, den Cappuccino zu trinken und ansonsten nichts zu machen. Ich wäre wahnsinnig geworden und meine Gedanken wären nur so umher geflogen! Daher begann ich eben mit lesen oder Sudokus lösen. Das war mein Feierabend-Ritual. Dadurch konnte ich die Gedanken an die Arbeit hinter mir lassen und mich auf meine Freizeit einstellen. Ich freute mich dann schon jeden Tag auf meinen Cappuccino.

Im Laufe der Jahre habe ich immer mal wieder andere Rituale in meinen Alltag eingebaut. So wie es eben passte. Ich habe mich mal mehr und mal weniger darum gekümmert. Momentan sieht es damit bei mir so aus:

1. Guten-Morgen-Ritual
Davon habe ich Dir ja bereits gestern erzählt. Jeden Morgen mache ich mir einen Kaffee und schlurfe dann mit dem nach draußen. Egal was das Wetter sagt, zumindest für eine Minute stehe ich dann dort und lasse meinen Blick umherschweifen. Ich begrüße die Welt, frage sie wie es ihr geht und lächle. Übrigens stimmt es nicht ganz was ich gestern sagte, denn eigentlich sage ich meinen Spruch auf Englisch: „Good morning world! How are you today?“ Warum? Weil der Sing-Sang in Englisch irgendwie fröhlicher klingt und fast schon wie ein Mantra wirkt, da ich die Worte sonst im Alltag nicht benutze.

2. Abendrunde
Als ich mich Mitte Januar mit einer schweren Entscheidung quälte, begann ich, jeden Abend spazieren zu gehen. Ich wollte meine Gedanken ordnen und etwas zur Ruhe kommen. Denn war ich Zuhause, fühlte ich mich wie ein Tiger im Käfig. Meine Gedanken rasten und ich fand keine Ruhe. Also ging ich vor dem Schlafengehen spazieren, bis ich ruhiger wurde. Dabei kaute ich alles durch, was mit meiner Entscheidung zusammenhing. Bis eines Abends der Knoten platzte und die Entscheidung fiel.
Das Ritual habe ich seitdem beibehalten. Denn es tut mir gut, spät abends noch eine Runde durch die Siedlung zu laufen. Es hat sich daraus eine feste Route von etwa einer Stunde ergeben. Ich komme zur Ruhe, genieße die frische Luft und die ruhig daliegende Welt (denn die meisten schlafen ja bereits) und kann meine Gedanken sortieren.

3. Positiver Tagesabschluss
Nach der Abendrunde mache ich es mir in meinem Bett gemütlich und nehme mir noch ein paar Minuten Zeit um den Tag Revue passieren zu lassen. Aber natürlich möchte ich mich dabei natürlich nicht an den Ärger mit dem Chef oder die noch ungelösten Probleme erinnern. Nein! Ich möchte jeden Tag in positiver Erinnerung behalten. Daher stelle ich mir jeden Abend drei Fragen:
– Worüber hast Du Dich heute gefreut?
– Wofür bist Du heute dankbar?
– Worauf bist Du heute stolz?
An manchen Tagen fällt mir dazu ganz viel, an anderen Tagen muss ich etwas mehr überlegen. Doch immer kann ich so meinen Tag mit positiven Gedanken beenden. Die Fragen beantworte ich mir übrigens schriftlich. Ich habe dafür extra ein eigenes Notizbuch. Hin und wieder blättre ich darin und erinnere mich an schöne Momente.

Als ich noch arbeiten ging, gab es auch jeden Tag nach der Arbeit einen handgemachten Latte Macchiato. Also ein ähnliches Ritual wie damals, nur dass ich den inzwischen ohne dabei Ablenkung zu haben in Ruhe genießen konnte.

In den letzten Jahren habe ich immer mehr gemütliche Ecken in meinen Garten integriert. Angefangen habe ich mit den gemütlichen Ecken auf meiner Veranda. Die Hollywoodschaukel, der Schaukelstuhl, die gemütliche Sitzbank… Weiter ging es dann im Garten. Als erstes brachte ich eine Schaukel an der alten Eiche an, dann stellte ich eine Bank an den Teich, Korbsessel unter vor die Rosenbüsche, Sitzecke vors Gartenhaus und zuletzt eine Hängematte unter die große Tanne. Immer mal wieder habe ich mir neue Plätze zum Ausruhen gesucht, manche auch mal verwittern lassen weil ich mich nicht um sie gekümmert habe. Aber inzwischen achte ich immer sehr darauf, dass sowohl meine Veranda als auch mein Garten mit gemütlichen Plätzen gespickt sind. Denn was nutzt einem der schönste Garten, wenn man sich nicht die Zeit nimmt ihn zu genießen?

Wie ich es geschafft habe, aus meiner Ruhelosigkeit heraus zu kommen und inzwischen wirklich achtsame Momente genießen kann? Kleine Schritte und viel Übung!
Z.B. habe ich (natürlich mit einem Genussgetränk in der Hand) mich ans Fenster oder nach draußen gesetzt und habe die vorbeiziehenden Wolken beobachtet, oder die Vögel. Ich habe mir also etwas gesucht, worauf ich mich konzentrieren konnte. Manchmal habe ich auch die Augen geschlossen und den Geräuschen um mich herum gelauscht. Das heißt, ich habe meine Konzentration ganz auf eine Sache fokussiert. Klar, das klappt mal mehr mal weniger gut. Ich habe meine Phasen, da bin ich sehr unruhig, da rasen die Gedanken in meinem Kopf, Probleme nagen an mir… da fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. In solchen Phasen schaffe ich es auch nicht immer, mich zu diesen Ritualen zu zwingen. Dabei weiß ich genau, dass die mir helfen würden…

Jaja, das mit den Werkzeugen ist so eine Sache… sie sind da… ich weiß auch oft welches Werkzeug ich wofür bräuchte… aber es dann auch wirklich nehmen und benutzen… manchmal klappt das nicht so, wie mein Verstand das gerne hätte. Es ist so, als würde ich mit Magenschmerzen im Bett liegen und vor mich hin leiden, anstatt aufzustehen und mir einen Tee zu machen.

Und deswegen gibt es heute Tipps, wie man den inneren Schweinehund überwindet und Rituale in seinen Alltag einbaut!

  1. Ziele setzen
    Überlege Dir ein Ritual. Wie soll das aussehen? Wann willst Du es in Deinen Tag einbauen? Wo willst Du das Ritual ausführen? Was brauchst Du dafür? Z.B. Gemütlich einen Kaffee trinken, jeden Morgen, in meinem Lieblingssessel, dafür stehe ich eher auf.
  2. Ablenkung ausschalten
    Bevor Du mit Deinem Ritual beginnst, schalte jede Ablenkung aus. Füttere vorher Deine hungrige Katze (glaub mir, ich weiß wovon ich spreche), schalte Dein Handy ab, sage Deinem Partner, dass Du seiner Bitte in einer halben Stunde nachkommst, etc. Was auch immer Du tun musst, damit Du in dieser Zeit Ruhe hast, erledige es vorher.
  3. Kleine Schritte gehen
    Überlege Dir zunächst nur EIN Ritual. Fang nicht an, Deinen Alltag über und über mit Ritualen vollzupacken. Fange langsam an.
  4. Positive Einstellung
    Sieh Dein neues Ritual nicht als einen weiteren Punkt auf Deiner to-do-Liste, sondern besetze ihn mit positiven Gedanken. Sieh es als eine Auszeit, eine Zeit für Dich, eine Zeit in der durch durchatmen und zur Ruhe kommen kannst. Sage Dir, dass es Dir danach besser geht und Du auch wieder mehr Energie für die Aufgaben des Tages hast.
  5. Demotivationen abbauen
    Was hält Dich davon ab, Dein Ritual umzusetzen? Vielleicht kostet es Dich Mühe früher aufzustehen? Oder Deine to-do-Liste ist noch so ewig lang? Oder verlangt Dein Partner gerade Deine Aufmerksamkeit? Schreibe alles auf, was Dich davon abhält, Dein Ritual umzusetzen. Dann versuche jeden Punkt davon aus dem Weg zu räumen.
  6. Motivierende Belohungen
    Baue in Dein Ritual etwas ein, dass für Dich eine Belohnung ist. Das kann Dein Lieblingsgetränk, Deine Lieblingszeitschrift, ein Stück Schokolade oder ein Stück Kuchen sein. Aber auch ein schöner Ort, schöne Musik.
  7. Unterstützung suchen
    Falls Du nicht alleine lebst, kannst Du Deinem Partner/Mitbewohner von Deinem neuen Ritual erzählen. Einerseits, damit er diese Zeit für Dich respektiert, andererseits damit er Dich unterstützen kann, dieses Ritual auch umzusetzen.
  8. Visualisierung
    Fällt es Dir heute schwer, Dein Ritual umzusetzen? Dann stelle es Dir bildlich vor, wie Du Dein Ritual ausführst. Wie schmeckt Dein Getränk/die Schokolade? Was hörst Du? Was spürst Du? Und dann spüre, wie Du zur Ruhe findest… und dann findest Du auch Deine Motivation das Ritual umzusetzen.
  9. Das „Warum“
    Halte Dir immer vor Augen, warum Du dieses Ritual machst. Du möchtest mehr Entspannung? Ruhe? Achtsamer werden? Einfach Zeit für Dich? Halte Dir immer vor Augen, wofür Du das machst und setze es somit auf Deiner Prioritätenliste ganz nach oben.
  10. Keine Ausreden
    Ich muss aber heute… Nein! Ich habe heute keine Zeit, weil… Nein! Ich mag heute nicht, weil… Nein! Was auch immer Dein Schweinehund sich da ausdenkt, NEIN!
  11. Starte sofort
    Wenn Du Dir ein Ritual überlegt hast, dann fange noch heute (oder eben morgen früh) damit an. Warte nicht darauf, dass es wieder einen Jahreswechsel gibt oder Du Urlaub hast. Starte jetzt!

Als ich meine Augen wieder öffne, hat sich neue Energie zu meiner Zufriedenheit dazugesellt. Noch einmal lasse ich meinen Blick über meinen Garten schweifen. Ja, man kann es an jeder Ecke sehen, wie sich über den Schäden der letzten Stürme neue Knospen bilden, Gras über kahle Stellen wächst, Vögel ihre Zufluchten verlassen und die Bienen neue Blüten finden.
Sogar an meinem Apfelbaum erblicke ich die ersten kleinen Äpfel. Und auch der Teich liegt ruhig da.

2 Gedanken zu “Kräutertee auf der Schaukel

  1. Du ballerst die Artikel echt nur so raus… und trotzdem nimmt die Qualität nicht ab! Das Ding ist, auch diesen Artikel hast du sehr schön, sehr bedacht geschrieben, die Tipps sind alle sinnvoll. Ich wusste das alles schon, trotzdem habe ich es gern gelesen, aber mich gleichzeitig geärgert, dass ich diese einfachen Tricks in letzter Zeit so vernachlässige und, obwohl ich diese Rituale aufbauen WILL, sich ein Teil von mir doch bei jeder Gelegenheit weigert und das Thema lieber meidet. Veränderungen sind halt schwer…

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für Dein Lob! Es macht Spaß meine Gedanken zu teilen, es recht, wenn es auch für andere eine Hilfe ist.
    Sei nicht so streng mit Dir! Setz Dich zu mir, ich gieße Dir einen Tee ein, und wir genießen zusammen den Sonnenuntergang.

    Biene

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