Weitere Steine schrubben

„Nein“ sagen und Grenzen setzen

"Grenzen setzen 
ist Ausdruck Deiner Liebe 
zu Dir selbst.
Grenzen achten 
ist Ausdruck Deiner Liebe 
zu anderen."
~Elke Bischofs~

„Guten Morgen Welt! Wie geht es Dir heute?“ Ich stehe mit meinem Kaffee in der Hand und einer Katze auf der Schulter an den Stufen meiner Veranda, habe mich an den Pfosten gelehnt und strahle mit der Sonne um die Wette. Du siehst mich gerade bei meinem Morgenritual. Denn ich gehe jeden Morgen hinaus, schaue in die Ferne und begrüße die Welt. Irgendwie macht mir das gute Laune. Wobei die heute auch vorher schon da war. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau und die Vögel zwitschern. Meine Katze schnurrt fröhlich auf meiner Schulter vor sich hin und schmiegt ihre Wange an meine. Genau in diesem Moment ist meine Welt perfekt so wie sie ist. Ich bin ganz im Hier & Jetzt und lasse mich auf dem Glück des Augenblicks dahintreiben.

Ja ich kann… vielleicht… nicht… oder doch…

Das ist ein Punkt, bei dem ich mich schon sehr weiter entwickelt habe. Früher wollte ich jedem helfen und habe mich dabei völlig aussaugen lassen. Inzwischen helfe ich zwar sehr gerne, aber nicht mehr bis zur Selbstaufgabe. Für meine Liebsten würde ich zwar nach wie vor mein letztes Hemd geben, aber für alle anderen gebe ich nur so viel ab, dass es mir nicht selbst schadet. Was ich auch gelernt habe: Man kann anderen Menschen ihre Aufgaben nicht abnehmen. Man kann sie dabei nur unterstützen, aber gehen müssen sie den Weg alleine. Das war eine sehr wichtige Erkenntnis für mich. Denn dadurch konnte ich etwas besser Loslassen.

In welchen Situationen zeigt sich meine Schwäche?
Es gibt vier verschiedene Typen von Situationen, in denen ich mich innerlich zerrissen fühle zwischen „ich will helfen“ und „ich will nicht“.

  • Der Bittsteller:
    Jemand bittet mich um Hilfe. Eigentlich möchte ich auch gerne helfen, aber andererseits passt es mir im Moment nicht. Vielleicht weil ich selbst viel zu tun habe, vielleicht weil es mir im Moment nicht gut geht oder einfach weil ich nicht machen möchte, worum ich gebeten werde. Hier geht es um Nein-sagen.
  • Der dreiste Bittsteller:
    Eine Steigerung davon sind jedoch dreiste und fordernde Menschen. Für die ist es selbstverständlich, dass ihre Bitte erfüllt wird. Z.B. stellen sie die Bitte/Forderung in folgender Form: „Kannst du mich morgen am Bahnhof abholen? Weiß nicht wie ich sonst dahin kommen soll. Bin um 9 Uhr am Hinterausgang.“ Ein Bitte, der ich wahrscheinlich ohne drüber nachzudenken nachkommen würde, wäre da nicht die Art und Weise der Fragestellung. Hierbei ist es eine Mischung aus Nein-sagen und Grenzen setzen.
  • Der Problemabschieber:
    Noch etwas schwieriger ist es mit Menschen, die ihre Bitte nicht direkt sondern indirekt aussprechen. Beispiel: „Ich weiß gar nicht wie ich Morgen vom Bahnhof wegkommen soll. Ich werde es von da nie pünktlich schaffen und dann bekomme ich bestimmt Ärger. Scheisse was mache ich nur!“ Ist jetzt vielleicht etwas schwer das in dem Beispielsatz auszudrücken, aber sicher hast Du es auch schon mal erlebt, wenn Dir jemand etwas erzählt und Du genau wusstest, dass derjenige damit möchte, dass Du das geschilderte Problem löst. Auch hier geht es um eine Mischung aus Nein-sagen und Grenzen setzen. Vielleicht aber auch darum, sich dem Problem des Gegenübers nicht annehmen.
  • Der Grenzüberschreiter:
    Ganz schwierig wird es für mich bei Menschen, die grenzüberschreitend handeln. Z.B. bauen sie eine Nähe auf (egal ob körperlich oder emotional) die mir einfach zu eng für diese Beziehung ist. Beispiel: Ich erzähle einem Bekannten von einem Problem und er sagt in einem väterlichen Ton „Wir schaffen das schon! Mach dir keine Sorgen!“ Ich weiß nicht, ob Du das nachvollziehen kannst, aber mir stellen sich dabei jetzt schon die Nackenhaare auf. Ein weiteres Beispiel wäre eine Person, die mich etwas Persönliches fragt und ich signalisiere oder sogar ausspreche, dass ich darauf nicht antworten möchte, die Person aber trotzdem weiter nachbohrt. Nächstes Beispiel wäre eine Person, die versucht mich in etwas hineinzudrängen obwohl ich schon mehrfach Nein gesagt habe. Hier geht es ganz klar darum, Grenzen zu setzen.

Was löst sie in mir für Gefühle aus?
Ich winde mich innerlich und fühle mich unter Druck gesetzt. Wenn es auch noch darum geht, dass ich meine Grenzen überschritten fühle, dann macht mich das wütend. Ich fühle mich eingeengt und bekomme das Gefühl meine Grenzen verteidigen zu müssen.

Was für Reaktionen ruft sie hervor?
Ich werde unsicher, weiß nicht wie ich reagieren soll. Oft suche ich dann schwammige Ausflüchte, versuche nicht sofort eine Antwort geben zu müssen. Bei den Steigerungen reagiere ich abwehrend, patzig oder sogar fast schon aggressiv. Ich fühle mich dabei wie ein zickiger Teenager.
Den dreisten Menschen will ich es nicht so leicht machen und versuche ihn in einen Kompromiss zu drängen. Allerdings nicht indem ich klar meine Wünsche ausdrücke… sondern eher handle wie ein Problemabschieber. Diesen Typen ignoriere ich übrigens meistens, fühle mich dann aber trotzdem so unter Druck gesetzt, dass meine innere Einstellung ihm gegenüber feindselig wird. Sehr schnell stellen sich bei mir auch Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen ein, wenn ich eine Bitte abschlage oder selbst wenn ich dem Problemabschieber sein Problem nicht abnehme.
Zusammengefasst reagiere ich also entweder ausweichend oder abwehrend.

Soeben habe ich noch den Moment genossen als würde er nie enden… und dann hocke ich auch schon wieder vor meinem Steingarten. Der heutige Stein ist etwas porös. Er scheint aus mehreren Teilen zu bestehen, die ich nun alle vorsichtig mit der Bürste bearbeite. Die Arbeit fällt mir inzwischen viel leichter als noch beim ersten Stein. So bin ich diesmal auch nicht überrascht, als ich feststelle, dass auch dieser Stein etwas tiefer sitzt als von der Oberfläche aus erkenntlich. Während ich den porösen Stein schrubbe, entdecke ich jedoch auch immer wieder Raupen und anderes Getier in seinen Ritzen und Löchern. Wie ich die loswerde, darüber werde ich mir wohl ein anderes Mal Gedanken machen müssen. Sonst fressen die mir auch noch meine ohnehin schon mitgenommenen Sukkulenten an.

Woher kommt diese Schwäche?
Ich will es immer gerne allen recht machen. Denn ich möchte ja gemocht werden, möchte perfekt sein. Scheinbar glaubt etwas in mir drin, dass ich nicht mehr gemocht werde, wenn ich Nein sage. Meine Angst vor Ablehnung spielt hierbei auf jeden Fall eine große Rolle.
Übrigens muss ich gerade wieder an meine Mutter denken. Denn die reagiert in der Tat beleidigt wenn man ihr eine Bitte abschlägt. Auf die Spitze getrieben, kommt das einem Liebesentzug gleich. Kind lernt also: Nein-sagen = Liebesentzug. Um den Kontakt aber aufrecht zu halten und weiterhin Liebe und Zuneigung zu bekommen, sagt das Kind fortan Ja. So extrem kann ich das zwar in meiner Kindheit nicht sehen, aber es ist ein Hinweis darauf, dass ich schon als Kind lernte, dass ein Nein meinerseits zu Disharmonie führt. Somit kommt zu meiner Angst vor Ablehnung noch die Angst vor Konflikten dazu.
Dennoch habe ich eines gelernt: Sage ich Ja, erfahre ich Bestätigung und fühle mich in meinem Dasein berechtigt.

Ganz extrem zeigte ich dieses Verhalten in einer ohnehin sehr ungesunden Paarbeziehung, in die ich vor drei Jahren so reingerutscht bin:
Ich hatte eine schwere Phase und suchte verzweifelt etwas, das mir Halt gibt. Und dann kam Arschloch (sorry, in meinem Freundeskreis heißt er halt so). Der Typ laberte mich in der Tat in diese Beziehung rein und laberte mich auch während der Beziehung immer wieder in Situationen, die mir mehr als unangenehm waren. Ich verbog mich für ihn, versuchte ihm alles recht zu machen. Denn auch er strafte mich sonst mit Liebesentzug. Hinzu kam, dass er mich andauernd abwertete und mich kritisierte. Z.B. sagte er zu mir „Wir müssen dir dringend mal ne Waage kaufen“. Ich hatte ein wenig zugenommen (wohl bemerkt, weil er mich jeden Tag mit Imbissessen versorgte). Damals war ich ziemlich schlank und das bisschen mehr auf den Hüften war kaum zu sehen. Was mich aber im Nachhinein so extrem wütend an dieser Aussage macht: Er wusste ganz genau, dass ich Essstörungen hatte und daher mit Absicht keine Waage besitze und auch mit Absicht nicht auf mein Gewicht oder auf das was ich esse achte!
Doch ich ließ mir all das gefallen nur um an dem Gefühl festzuhalten, geliebt zu werden. Ich verlor völlig den Sinn für meine eigenen Bedürfnisse, meine Prioritäten, selbst für meine Pflichten und am Ende verlor ich mich selbst. Nach drei Monaten schaffte ich es, mich daraus zu befreien. Drei Monate mag nicht viel klingen… aber ich verfiel danach in schlimme Depressionen. Ich wusste nicht mehr wer ich war… An dieser Stelle gilt ein Dank an meine Familie und meine Freunde. Die haben mir in der Zeit zur Seite gestanden und so überstand ich es, fand wieder Freude am Leben und fand auch wieder zu mir zurück. Mir selbst verzeihen konnte ich aber lange nicht. Warum hatte ich das alles mit mir machen lassen? Noch heute verspüre ich eine leichte Wut auf mich.

Eine weitere Sache, die mir gerade in den Sinn kommt, ist folgende: Mir fällt es schwer, zu meiner Meinung zu stehen. Hat mein Gegenüber eine andere Meinung und belabert mich, dann zweifle ich schnell an meiner Meinung. Dass auch das an meinem mangelnden Selbstwertgefühl liegt, liegt auf der Hand. Ich selbst bin eben nicht so viel wert, wie die anderen. Also ist auch meine Meinung weniger wert. Ich lasse mir schnell einreden, dass ich eine Situation völlig falsch bewerte und zweifle somit an mir. Dadurch gebe ich mir selbst immer wieder die Schuld an einer Situation anstatt diese auch bei meinem Gegenüber zu suchen.

Und weil mir meine eigene Meinung so wenig wert ist, fühlte ich mich auch zeitlebens von den Meinungen anderer unter Druck gesetzt, sobald es um mich ging. Wenn ich z.B. einen Plan für meine berufliche oder private Zukunft gemacht hatte, dann konnte mich das in Grund und Boden erschüttern, wenn jemand dagegenredet oder mich gar belächelte. Ganz so schlimm ist es heute glücklicherweise nicht mehr. Inzwischen fühle ich mich wesentlich sicherer auf meinem Weg, auch wenn den andere nicht nachvollziehen können. Es muss keiner verstehen, warum ich meinen Kaffee mit einem Espressokocher auf dem Herd koche und die Milch daneben in einem Milchtopf aufheize um sie anschließend mit einem Holzquirl aufzuschlagen. Und ebenso wenig muss ich verstehen, was an einer vollautomatischen Kaffeemaschine mit Milchschäumer, Eiswürfelmaker und integrierter Waschmaschine so toll ist.
Früher habe ich mich oft nicht beachtet und nicht ernst genommen gefühlt. Und ernte ich heute Spott, so triggert mich das oft und die Gefühle von damals kommen wieder hoch.

Und noch etwas spielt eine Rolle: Das Gefühl gebraucht zu werden. Helfe ich anderen, so fühle ich mich gebraucht anstatt wertlos.

Schadet sie mir?
Sie schadet mir zumindest in dem Sinne, dass ich mich schlecht fühle wenn ich versuche meine Grenzen zu wahren oder meine Bedürfnisse einzufordern. Gerne möchte ich lernen, meine Bedürfnisse und Wünsche zu äußern und klar meine Grenzen zu setzen ohne mich dabei schlecht zu fühlen.

Lösungsansätze
Auch hierbei kann mir wieder achtsame Kommunikation helfen.

  • reagiere nie sofort
  • nimm deine Emotionen wahr
  • analysiere deine Emotionen
  • unterstelle deinem Gegenüber positive Absichten
  • erspüre deine Bedürfnisse und die deines Gegenübers
  • schaffe eine Wohlfühlatmosphäre
  • handle in positiver Absicht

Auf zeitzuleben.de habe ich noch Tipps gefunden, wie man ein Nein sanft ausdrückt:

  • das Nein begründen
  • Verständnis zeigen
  • sich bedanken
  • mit Humor
  • Teil-Nein (Kompromisse)
  • ein Gegenangebot machen

Woher weiß ich aber nun was ich will? Ein guter Indikator dafür ist mein Bauchgefühl. In den letzten Jahren habe ich immer öfter bemerkt, dass mein Bauch Recht hat. In allen Situationen in denen ich mich hinterher geärgert habe, weil ich zugesagt habe, wusste mein Bauch schon vorher, dass das nicht gut für mich endet.

Wie bei jeder Lernaufgabe gilt: Kleine Schritte.

Welche Werkzeuge stehen mir zur Verfügung?
Und wieder können mir Reflexion, Empathie und Ehrlichkeit helfen. Verrückt… eigentlich habe ich doch schon alle Werkzeuge. Ich muss nur lernen sie richtig einzusetzen.

Welche Aufgaben ergeben sich daraus?
– in kleinen Schritten Nein-sagen üben
– bei Entscheidungen (seien sie auch noch so klein) in mich hineinhorchen
– achtsame Kommunikation üben
– herausfinden was die Grenzen sind, die ich verteidigen möchte
– und natürlich mein Selbstwertgefühl steigern… aber dazu an anderer Stelle mehr

Anmerkung
Ich bin momentan in einer Phase, in der ich zunächst versuche mich zu sortieren. Wenn ich damit fertig bin, dann werde ich versuchen aktiv an den für mich problematischen Situationen zu arbeiten. Ich möchte mir also zunächst meiner Baustellen bewusst werden, sie dann analysieren, Lösungsansätze ausarbeiten um dann im nächsten Schritt an den Situationen zu arbeiten. Aber das wirst Du ja alles noch miterleben, wenn Du hin und wieder in meinem Garten vorbeischaust.

P.S.: Ich bin heute hoch erhobenen Hauptes im Drogeriemarkt an den hochaufgetürmten Paletten mit Klopapier vorbei gegangen. Na wenigstens bin ich weder ein Hypochonder, noch lasse ich mich von anderen in eine Massenpanik hineintreiben. ;-D

Meine heutige Arbeit lässt mich etwas unbefriedigt zurück. Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, mit dem Stein fertig zu sein. Nachdenklich sitze ich nun auf den Stufen meiner Veranda und schaue in den Garten. Irgendwie erscheint er mir im Dämmerlicht wild und undurchdringlich. Es fühlt sich an, als hätte ich in der letzten Woche mit einer Machete eine Schneise von 1m in einen Dschungel von 100.000km² geschlagen. Schnell besinne ich mich darauf, dass jeder Schritt, mag er auch noch so klein sein, mich voran bringt. Ich muss nur ganz langsam immer wieder einen Schritt vor den anderen setzen. Ich schließe meine Augen, atme tief ein und lächle. Einige Minuten lausche ich mit geschlossenen Augen auf die Geräusche meines Gartens. Das Zwitschern der Vögel, das leise Rauschen der Blätter in der Abendbrise, das Summen der Bienen… und… einem Quietschen. Irritiert schlage ich die Augen wieder auf. Als ich auf der Suche nach der Ursache für dieses Geräusch meinen Blick Richtung Gartentor schwenken lasse, steht dieses plötzlich auf. Während ich noch überlege, ob ich hinüber gehen soll um nachzusehen, schiebt sich ein massiger, wolliger weißer Schädel durch das Tor. Ich muss lachen vor freudiger Überraschung. Meine Schafe kommen nach Hause.

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