Ein Stein nach dem Anderen

Kritik – ein Kratzer auf wunder Haut

"Ich liebe Kritik!
Aber ich muss damit einverstanden sein."
~Mark Twain~

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, fühlen sich meine Glieder nicht mehr ganz so steif an. Und so schnappe ich mir einen Korb und hüpfe gut gelaunt in den Garten. Vor meinem Gemüsebeet mache ich Halt und schaue mir das reichhaltige Angebot an. Nach Lust und Laune wähle ich ein paar Zutaten für mein heutiges Mittagessen aus. Natürlich denke ich dabei auch an einen Salat für meinen Besucher. Denn meine fordernde Nilgans thront noch immer stolz und gelassen auf seinem neuen Schaukelstuhl… der wohl bemerkt heute Morgen noch meiner war… Aber so ist das mit Besitz, man kann sich nicht ewig an ihn klammern. In der Küche pfeife ich fröhlich vor mich hin während ich das Gemüse schnipple und zusammen mit Sesam- und Kümmelsamen in den Wok gebe. Nach und nach gebe ich noch hinzu was mir gerade so in den Sinn kommt: Kokosmilch, Agavendicksaft, Kurkuma, Erdnussbutter, Weißwein und Linsenaufstrich. Zwischendurch probiere ich immer mal wieder, bis mir das Ergebnis gefällt. Dazu gibt es Reis. Und natürlich zwei Schüsseln Salat. Eine für Nilgans Hannes und eine für mich. Ich trage alles nach draußen und mache es mir gegenüber von Hannes bequem. Der scheint zufrieden mit seinem Mittagessen. Und ich bin es auch.
Nachdem wir so gemütlich den Nachmittag verbracht haben, ist mir abends wieder nach etwas Gartenarbeit. Der Steingarten wartet…

Kritik sticht mir bis ins Mark

Oh… böses Thema! Hier ein Beispiel: Ich bekomme eine Bewertung auf der alle Punkte im Einser Bereich sind. Da es nach Prozent geht (90-100% = 1), finden sich auch einige Einser mit 90% in der Auflistung. Und genau daran bleibe ich hängen! Mein Kopfkarussell springt sofort an „Was habe ich falsch gemacht? Warum denkt der das von mir? Der mag mich nicht! Ich bin schlecht!…..“ Ich muss selbst etwas darüber lachen. Aber warum zur Hölle ist das so? Warum sehe ich immer sofort das „Schlechte“, fühle mich angegriffen und werte mich als komplette Person ab? Irgendwann hat die kleine Biene damals gelernt, dass sie perfekt sein muss um ein Recht auf Liebe und somit auf eine Daseinsexistenz zu bekommen. Die große Biene weiß eigentlich (also zumindest vom Verstand her), dass es nicht so ist. Das Gefühl, das in solchen Moment der Kritik also in mir hochkommt ist das Gefühl der kleinen Biene. Eine andere Sache ist die Frage, wie Kritik ausgesprochen wird. Gibt mir die andere Person das Gefühl, dass wir auf einer Ebene kommunizieren und sie nicht von oben herab mit mir spricht, dann nehme ich die Kritik als einen Ratschlag auf und kann so damit umgehen. Wird die Kritik jedoch spöttisch oder von oben herab kommuniziert, dann fühle ich mich angegriffen. In meinem Kopf zeigt sich derzeit kein Geistesblitz, also auf an die Nachforschung.

Ich habe zum Thema Kritikfähigkeit übrigens einen Test gefunden, der mir nach Auswertung folgendes Ergebnis lieferte:

Dir fällt es schwer, kritisiert zu werden
Du weißt es wahrscheinlich schon: Du hast Schwierigkeiten, mit Kritik umzugehen. Es ist nicht schön, dieses Feedback zu bekommen. Aber es hilft dir, dich selbst besser kennen zu lernen. Außerdem lässt sich viel dafür tun, kritikfähiger zu werden.
Wichtig ist, dass du erst einmal Verständnis für dich aufbringst. Denn wenn wir nicht kritikfähig sind, hat das meist gute Gründe. Vielleicht bist du in längeren Phasen deines Lebens viel kritisiert worden, sodass du dazu neigst, jede Art von Kritik als Angriff zu werten. Dann ist es eine ganz natürliche Reaktion, sich erst einmal zu verteidigen oder einen Gegenangriff zu starten. Oder die Kritik trifft einen wunden Punkt. Etwas, das dir peinlich ist oder das du an dir selbst nicht magst. Auch dann ist es nicht leicht, gelassen zu bleiben. Vielleicht fällt es dir auch schwer, zu glauben, dass du trotz deiner Schwächen und Fehler gemocht wirst. Denn dann interpretiert man jedwede Kritik leicht als einen Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Du siehst, für mangelnde Kritikfähigkeit gibt es viele nachvollziehbare Gründe. Das Wichtigste ist aber, dass du lernen kannst, anders und besser mit Kritik umzugehen.
Machen dir bewusst: Es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Du hast vielleicht einen Fehler gemacht, aber du bist nicht der Fehler. Ist dir das immer öfter bewusst, fällt es dir leichter, der Kritik des anderen wirklich zuzuhören. Und du kannst dich entscheiden, ob du die Kritik annehmen möchtest oder nicht. Oftmals steckt in der Kritik eines anderen nämlich eine große Chance, etwas über sich selbst zu erfahren.
Wenn du also das nächste Mal kritisiert wirst, frage dich:
Was genau kritisiert der andere hier an mir. Welches Verhalten?
Steckt in der Kritik ein nützlicher Hinweis, den ich in Zukunft berücksichtigen möchte, um mein Leben einfacher, besser und schöner zu machen? Oder geht es um eine unsachliche Kritik, bei der ich als Person angegriffen werde? Dann brauchst du die Kritik nämlich nicht anzunehmen und kannst dich innerlich von ihr distanzieren.

Willst Du Dich auch testen? Dann schau doch mal hier nach:
https://zeitzuleben.de/selbsttest-wie-kritikfaehig-sind-sie/

In welchen Situationen zeigt sich meine Schwäche?
Hauptsächlich natürlich im Job, denn wo wird man sonst am meisten kritisiert? Genauso missfallen mir aber auch alle anderen Situationen, in denen ich bewertet oder gar mit anderen verglichen werde. Alle Situationen in denen ich einem Leistungsdruck ausgesetzt bin oder in denen etwas von mir erwartet wird, lähmen mich. Bzw. ich bin dann so nervös und angespannt, dass ich Blackouts bekomme oder total hibbelig werde.
Aber auch im privaten Umfeld fällt es mir oft schwer, mit Kritik umzugehen. Besonders, wenn ich auf etwas stolz bin und das dann kritisiert wird.

Was löst sie in mir für Gefühle aus?
Ich fühle mich schnell verletzt und angegriffen, fühle mich als ganze Person abgewertet.

Was für Reaktionen ruft sie hervor?
Da ich mich angegriffen fühle, verteidige ich mich natürlich. Und das auch gerne mal sehr patzig. Ja, ich bin dann eine beleidigte Leberwurst!

Woher kommt diese Schwäche?
Ich bin mir sehr sicher, dass der Ursprung meiner mangelnden Kritikfähigkeit mein mangelndes Selbstbewusstsein ist. Denn irgendwo tief in mir sitzt eine Stimme die mir immer sagt „du bist nichts, du kannst nichts“. Sobald diese Stimme Futter von außen bekommt, wird sie lauter. Das heißt auch hier kämpfe ich wieder gegen die Angst an, nichts wert zu sein. Ich habe doch gelernt, dass ich perfekt sein muss um etwas wert zu sein und um geliebt zu werden. Zeigt man mir aber einen Makel auf, bin ich nicht mehr perfekt und somit auch nichts mehr wert. Ach herrje! Klassisches schwarz-weiß-Denken eines Borderliners! Dabei hab ich doch schon in vielen Situationen gelernt, Graustufen zu sehen. Scheinbar aber noch nicht, wenn es um Kritik geht. Entweder bin ich perfekt oder ich bin nichts.

Schadet sie mir?
Ähm… ja! Ich werte mich selbst ab, das kann nicht gesund sein! Zudem reagiere ich auf das mich kritisierende Gegenüber nicht gerade liebevoll und achtsam. Wie ich ja bereits auf der Suche meiner Werte festgestellt habe, möchte ich jedoch achtsam und liebevoll mit meinem Gegenüber umgehen.

Lösungsansätze
Eigentlich habe ich schon den Weg einer Lösung beschrieben. In meinem ersten Blogeintrag, Die Raupe im Apfelhäuschen, fühlte ich mich nämlich aufgrund eines lieb gemeinten Ratschlages ebenso angegriffen. Die Lösung ist: achtsame Kommunikation. Wie das funktioniert? Ich habe mir das mal in einzelne Schritte aufgeteilt:

  • reagiere nie sofort
  • nimm deine Emotionen wahr
  • unterstelle deinem Gegenüber positive Absichten
  • erspüre deine Bedürfnisse und die deines Gegenübers
  • schaffe eine Wohlfühlatmosphäre
  • handle in positiver Absicht

Gut, das wird funktionieren wenn ich eine WhatsApp bekomme bei der ich mich angegriffen fühle. Denn dann habe ich Zeit, in Rühe darüber nachzudenken, meine Emotionen zurück zu nehmen und mir meine Reaktion bewusst zu überlegen. Stehe ich aber vor meinem Chef und der kritisiert mich, sieht die Sache anders aus.

Was ich inzwischen aber bereits gelernt habe, ist die Situation im Nachhinein anders zu bewerten. Dafür analysiere ich im Nachhinein die Situation und gehe die einzelnen Schritte der achtsamen Kommunikation durch. Am Ende stelle ich mir dann folgende Frage „Wie möchte ich zukünftig in so einer Situation reagieren?“ Denn je öfter man solche Situationen im Kopf durchspielt, umso eher kann man sie auch irgendwann in der Realität umsetzen.

Eine andere Möglichkeit ist der Realitätscheck. Hier ein Beispiel:
Situation:
Mein Kollege kontrolliert meine Arbeit und weist mich auf einen Fehler hin.
Meine Gedanken:
Der kann mich nicht leiden, der will mich abwerten und mich klein machen.
Realitätscheck:
Mein Kollege hat mich auf etwas hingewiesen, das ich verbessern kann.

Du siehst, der Realitätscheck erfolgt völlig emotionslos. Das ist wichtig, da in dem Moment meine Emotionen keinen nützlichen Handlungsweg aufweisen. Und ich bin noch nicht soweit, dass ich in einer solchen Situation die Methoden meiner achtsamen Kommunikation anwenden kann.
Ich bin mir sicher, dass ich es irgendwann schaffe, auch in einer direkten Situation anders reagieren zu können. Um das zu schaffen, werde ich das so oft wie möglich üben. Wie gut, dass es WhatsApp gibt.

Welche Aufgaben ergeben sich daraus?
– Achtsame Kommunikation üben
– Situationen im Nachhinein analysieren und eventuell umbewerten
– in den Situationen selbst, erstmal tief durchatmen und die Emotion zurückstellen

Zufrieden hocke ich mich ins Gras und bestaune mein Tageswerk. Hatte ich doch heute Morgen noch solche Angst, dass der nächste Stein wieder so viel Arbeit wird, habe ich ihn nun mit wenig Mühe abschrubben können. Der Schmutz saß weniger fest als beim gestrigen Stein (ich vermute, dass er von meiner gestrigen Putzaktion am Stein darüber eingeweicht wurde) und dieser war auch längst nicht so groß.
Als ich zurück zur Veranda komme, ist der Schaukelstuhl leer. Kurz spüre ich ein Stechen in meiner Brust. Ein kurzer sehnsüchtiger Schmerz. Doch dann mache ich es mir in MEINEM Schaukelstuhl bequem, schaue auf das Spiel aus Licht und Schatten, dass die Lampen im Garten auf die Blumen zaubern, und erinnere mich mit Freude an die schönen Momente des heutigen Tages.

Und morgen? Da schaue ich einfach wonach mir ist…

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