Bei schlechtem Wetter muss die Arbeit warten

Selbstliebe statt Ursachenvorschung

"Heckenschere gesucht,
Caipirinha-Zutaten gefunden.
Tagesplan geändert."
~SauLustig.com~

Mein Körper fühlt sich schwer an. Ganz so, als hätte der Stein von gestern die ganze Nacht auf mir gelegen. Wahrscheinlich hat er das auch. Er lag wohl auf meinen Gedanken. Heute ist der erste Tag seit Beginn meines Gartenprojektes, an dem mir die Glieder schmerzen. Der erste Tag, an dem der Gedanke an die weitere Arbeit in mir keinen Enthusiasmus auslöst. Steifen Schrittes schlurfe ich mit meinem Morgenkaffee auf die Veranda und mache es mir in meinem Schaukelstuhl bequem. Die Knie angezogen, die Decke eng um mich gelegt sitze ich da und starre in den Garten. Er starrt zurück. Heute begrüßt er mich nicht mit zwitschernden Vögeln, auch nicht mit tanzenden Sonnenstrahlen und schon gar nicht mit bunten Farben. Mein Garten sieht heute so gar nicht nach einem verlockenden Paradies aus. Heute sind wir keine Freunde, heute starren wir uns einfach nur an wie Cowboys im Duell. Ich ziehe meine Knie noch enger an mich und verstecke mein Gesicht dahinter. In mir sträubt sich alles. Ich mag keinen Fuß in diesen unwirtlichen Garten setzen. Ich will nicht… ich will nicht! ICH WILL NICHT!!!

Nun gut, meine gestrige Analyse war anstrengend. Heute ist der erste Tag, an dem ich mich nicht darauf freue, mit meiner Analyse weiter zu machen. Tatsächlich sträubt sich gerade alles in mir dagegen und windet sich wie ein Wurm der versucht zu entkommen. Was hilft also, wenn der nächste Schritt schwer fällt? Richtig! Ziele vergegenwärtigen. Warum mache ich das alles hier? Warum quäle ich mich da so durch? Was bringt mir das alles? Meine Gedanken schütteln wild den Kopf und weigern sich.
Gut, dann ein neuer Ansatz. Kennst Du den „beste Freundin Modus“? Dabei geht es darum, dass Du Dich selbst so behandelst, wie Du Deine beste Freundin behandeln würdest. Ich habe diesen Therapieansatz vor vielen Jahren mal in der Therapie kennengelernt, konnte aber damals nicht so viel damit anfangen. Bis ich vor drei Jahren mit meiner besten Freundin im Urlaub war…

Ich gehe wahnsinnig gerne wandern und so kletterte ich an einem norwegischen Fluss den Berg hinauf, während meine beste Freundin im Auto lag und las. Die Hänge wurden immer steiler und so konnte ich mich irgendwann nur noch mit Hilfe meiner Arme fortbewegen. Ich zog mich von Vorsprung zu Vorsprung an einer Felswand entlang. Unter mir der reißende Fluss. Als ich mich kurz keuchend vor Anstrengung auf einem Vorsprung ausruhte, hörte ich in meinen Gedanken eine Stimme: „Würdest Du das Deiner besten Freundin erlauben?“ Ich stutzte. Was war das? Und Herrgott Nein! Würde meine beste Freundin hier entlang klettern, würde ich furchtbar mit ihr schimpfen! Ich würde ihr befehlen da sofort runter zu kommen, weil das zu gefährlich ist. Aber ich? Ich wollte unbedingt da hinauf. Ich musste lachen aufgrund dieser Zwiesprache und sagte laut zu mir selbst: „Jaja! Du hast Recht. Komm, wir gehen zurück.“ Den restlichen Urlaub lang stellte ich mir immer wieder diese Frage, wenn ich mal wieder irgendwo herumkletterte. Ich schmunzelte über mich selbst und kehrte mit einem warmen Gefühl liebevoller Selbstzuneigung um.

Tatsächlich begleitet mich diese „innere Stimme“ seitdem. Inzwischen kann ich sogar bewusst in diesen Modus schalten. Z.B. wenn es mir nicht gut geht, ich mich aber zwingen möchte meine to-do´s abzuarbeiten. Dann frage ich mich auch „Was würdest Du jetzt Deiner besten Freundin raten?“ und lande am Ende mit einem heißen Kakao und einem Lieblingsfilm auf der Couch. Ein bisschen mehr Selbstliebe kann sicher keinem von uns schaden. Und deswegen, breche ich heute aus meiner to-do-Abfolge aus und behandle statt den Ursprüngen meiner Schwäche das Thema Selbstliebe. Um aber noch mal kurz auf meine Schwächen zurück zu kommen: Ich bin unflexibel und hasse es, wenn ich von meinem Plan abweichen muss… Und tue es heute trotzdem! Ein Sieg über meine Schwächen! 😉

Ich wollte gerade eine Metapher zum Thema Selbstliebe schreiben aber oh Schreck! In meinem Garten habe ich noch gar kein Symbol dafür! Das muss ich schnell ändern! Hmm… was könnte ich denn mal nehmen… Ich schaue aus dem Fenster und lächle. Ja! Das gefällt mir!

Während ich so verdrießlich in meinem Schaukelstuhl hocke und nicht friedlich, sondern trotzig vor und zurück schaukle, höre ich plötzlich ein lautes schnatterndes Tröten. Vorsichtig schaue ich über meine Knie hinweg in den Garten. Nichts hat sich verändert, er liegt noch genauso unwirtlich da wie vor hin. Doch da höre ich es wieder. Diesmal lauter. Es klingt aufgeregt und fast fordernd. Und mit einem Mal entdecke ich eine bunte Gans die im Sturzflug auf meinen Garten zielt. Kurz vor meinem Steingarten stoppt sie, rudert mit den Flügeln zurück und streckt die Füße vor bis diese den von mir gestern so mühsam geschrubbten Stein berühren. Nun steht sie da, oben auf der Spitze meines Steingartens und schaut sich um. Fast schon suchend wirkt sie. Ich richte mich auf. Dabei erzeugt der hölzerne alte Schaukelstuhl ein knarzendes Geräusch. Die Nilgans springt kurz hoch und dreht sich dann zu mir um. Neugierig legt sie den Kopf schief und schaut mich an. Dann lässt sie wieder ihr forderndes schnatterndes Tröten erklingen.

Und so fand eine Nilgans den Weg in meinen Garten und bildet die Metapher zur Selbstliebe. Warum eine Nilgans? Zum einen, weil ich diese Tiere wunderschön finde und zum anderen, weil auf dem Kamin am Haus gegenüber seit einer Woche eine Nilgans wohnt. Jeden Tag sitzt sie dort und scheint den wärmenden Platz zu genießen.

Bevor ich Dir aber was zum Thema Selbstliebe erzähle, muss ich mich kurz selbst fragen, was mir denn heute gut tun würde. Also gehe ich kurz in mich…
Gut, das ging schnell. Eine fast schon kindliche Stimme in mir sprach fröhlich: „Ich möchte heute zuhause bleiben. Einkaufen kann ich auch morgen. Ich möchte es mir gemütlich machen. Lesen. Mir etwas Leckeres kochen. Und mich einfach einkuscheln.“ „Gut“, sage ich „so machen wir das!“ Dass meine Katze sich in dem Moment scheinbar zustimmend schnurrend auf meinem Schoß zusammenrollt, werte ich mal als gutes Zeichen.

Selbstliebe, was ist das eigentlich? Ich gehe mal ganz wissenschaftlich an das Thema ran und schlage den Duden auf. Dort steht geschrieben:

„Bedeutung: egozentrische Liebe zur eigenen Person; Eigenliebe“
„Synonyme: Egoismus, Eigenliebe, Selbstsucht“


Also wenn Du mich fragst, klingt das ganz schön narzisstisch und wenig nach dem, was ich damit verbinde. Eine für mich passendere Erklärung finde ich dafür auf dem Buchrücken von „Der kleine Taschencoach – Selbstliebe Der Schlüssel zu einem glücklichen Leben“ von Iris Seidenstricker:

„Nur wer sich selbst wertschätzt, seine Stärken nutzt und seine Schwächen annimmt, kann aus reichen Energiequellen schöpfen und auch anderen etwas davon abgeben – ein doppelter Gewinn. Das unterscheidet gesunde Selbstliebe von selbstverliebtem Narzissmus.“

Damit kann ich schon viel mehr anfangen! Denn ja, für mich hat Selbstliebe etwas mit der Wertschätzung der eigenen Person und den eigenen Bedürfnissen zu tun. Es heißt eben nicht, dass man nur auf sich selbst achtet und die Bedürfnisse anderer mit Füßen tritt. Es heißt viel mehr, dass man sich selbst achtsam und mit Liebe behandelt.
In den letzten zehn Jahren habe ich viel zum Thema Selbstliebe dazugelernt. Noch vor zehn Jahren hätte ich auf dieselbe Situation völlig anders reagiert als heute. Beispiel:
Ein Arbeitskollege sagt etwas zu mir, dass mich sehr kränkt.
Reaktion vor zehn Jahren:
Ich ziehe mich nicht nur von ihm sondern auch von allen anderen zurück, spiele mit dem Gedanken zu kündigen, will ihn bestrafen und auch mich. Fange an zu hungern, schlafe auf dem Boden oder kratze mir die Arme auf bis es blutet.
Reaktion heute:
Ich bin beleidigt, reagiere patzig. Heule mich deswegen bei anderen aus. Bin ich sehr angespannt und wütend, gehe ich nach der Arbeit joggen. Fühle ich mich einfach nur verletzt, koche ich mir einen Kakao und kuschle mich auf die Couch.
Du siehst also, früher habe ich mit Selbstbestrafung reagiert. Das resultierte aus einem tiefen Selbsthass. Heute reagiere ich mit Selbstfürsorge und die resultiert aus Selbstliebe. Meine Reaktion ist zwar noch nicht die, die ich mir wünschen würde, denn seien wir ehrlich, am liebsten würde ich gelassen reagieren, aber wenn ich auf den Weg zurückschaue den ich bereits gegangen bin, dann darf ich mal kurz voller Selbstliebe stolz auf mich sein.

Aber wie finden wir sie nun, diese Selbstliebe? Wie oben bereits beschrieben, habe ich den Weg zur Selbstliebe über den „beste Freundin Modus“ gefunden. Dabei frage ich mich nach meinen Bedürfnissen, schenke mir Trost und tue mir etwas Gutes. Also genau das, was wir mit unserer besten Freundin machen würden. Stell Dir z.B. vor, Deine beste Freundin hat furchtbaren Liebeskummer. Was machst Du dann mit ihr? Vielleicht einen gemütlichen Abend auf der Couch bei dem sie sich ausheulen kann, Du Dir alles in Ruhe anhörst und sie tröstest? Oder geht ihr feiern und lasst so richtig die Sau raus? Oder fahrt ihr spontan übers Wochenende nach Berlin zur Ablenkung? (Hierbei ein Gruß an meine beste Freundin. :-*) Jeder Mensch hat in solch einer Situation andere Bedürfnisse. Also frag Dich, was Dir in dem Moment gut tun würde. Wonach ist Dir? Und auch: Wonach ist Deinem Körper? Was hat er für Bedürfnisse? Erholung oder Bewegung? Lieber alleine sein oder Gesellschaft suchen? Ruhe oder laute Ablenkung? Sprich mit Dir, wie Du mit Deiner besten Freundin sprechen würdest, nachsichtig und verständnisvoll. Sei nicht so streng zu Dir! Denn manchmal brauchen wir einfach eine Pause um wieder Energie zu tanken.

In ihrem Buch schreibt Iris Seidenstricker zum Thema „Wie wir handeln, wenn wir uns lieben“ folgendes:

Wenn wir uns lieben und achten…
…nehmen wir uns mit all unseren Stärken und Schwächen an und haben ein positives Selbstwertgefühl
…fühlen und wissen wir, dass unser Wert nicht von unserer Leistung abhängt
…freuen wir uns über Lob und Komplimente und loben selbst auch gern
…haben wir Verständnis für unsere Fehler und Schwächen und übernehmen die Verantwortung für deren Folgen
…haben wir auch Verständnis für die Fehler, Schwäche und Missgeschicke von anderen und gehen nachsichtig mit ihnen um
…behandeln wir uns selbst mit Respekt und Achtung
…wollen wir auch von anderen respektvoll behandelt werden
…fühlen wir mit uns, ohne in Selbstmitleid zu versinken
…setzen wir Grenzen und zeigen sie anderen auf, falls sie sie überschreiten
…setzen wir auch uns Grenzen, indem wir uns an Regeln halten, die uns guttun
…behandeln wir andere immer so, wie wir selbst gern behandelt werden möchten
…achten wir darauf, dass es uns selbst und anderen gut geht

Lass es! Ich habe Dein Aufstöhnen gehört. Dein „Ach das schaff ich doch nie“. Du schaust doch wohl nicht gerade auf die Spitze des Berges, den du erklimmen möchtest? Denke daran:

"Denke nicht an den Gipfel. 
Plane Deine nächste Rast 
und freue Dich auf die dortige Aussicht." 
~Biene~

Plötzlich hüpft mein neuer Besucher von seinem Aussichtsplatz herunter und kommt über den Rasen in meine Richtung gehopst. Nanu! Was will er denn? Vor den Stufen meiner Veranda bleibt er stehen, legt wieder seinen Kopf schief und trötet mich auffordernd an. „Was möchtest du denn?“, frage ich ihn verwundert. Doch er trötet nur wieder. Ich überlege. Was kann denn so eine Gans wollen? Dann schaue ich mich um, ob ich irgendwo etwas finden könnte, das ihm vielleicht gefallen würde. Auf der Fensterbank finde ich noch eine Schale mit Keimlingen, die ich gestern angesetzt hatte und heute über meinen Salat streuen wollte. Ich hole die Schale und stelle sie mit vorsichtigen Bewegungen auf der untersten Stufe ab. Und siehe da! Die Nilgans macht sich direkt darüber her. Freudig beobachte ich ihn dabei. Als er fertig ist, schaut er mir wieder an. Fragend schaue ich zurück. Und da kommt wieder sein forderndes Tröten. „Noch mehr habe ich aber gar nicht“, entschuldige ich mich bei ihm. Doch da macht er auch schon einen Satz nach vorne und hüpft langsam die Stufen hinauf. Ich mache einen Schritt zurück um ihm nicht im Wege zu stehen. Oben angekommen schaut er sich um. Dann legt er wieder seinen hübschen Kopf zur Seite, schaut mich an und trötet. „Bitte, komm ruhig herein und mach es Dir gemütlich“, fordere ich ihn lachend auf. Als hätte er mich verstanden, watschelt er Richtung Schaukelstuhl, scheint kurz zu überlegen, breitet dann seine Flügel aus und hüpft hinauf. Oben angekommen lässt er sich fallen. Nun thront er dort und schaut sich scheinbar zufrieden in seinem neuen Zuhause um. Und ich? Ich stehe nur verwundert da und schmunzle über meinen neuen Gast, der mir so fordernd seine Wünsche darlegt.

Anmerkung
Ohne hier Werbung machen zu wollen, kann ich das Buch „Der kleine Taschencoach – Selbstliebe Der Schlüssel zu einem glücklichen Leben“ von Iris Seidenstricker wirklich wärmstens empfehlen. Ich finde das Buch sehr gut strukturiert und jedes Thema ist mit kleinen Übungen und Impulsen für den Alltag versehen.



In meinem Bücherregal finden sich eine Menge Ratgeberbücher und sicher werde ich hier auch mal das ein oder andere empfehlen. Wertvoll erscheinen mir dabei immer die, die auch umsetzbare Tipps und Übungen enthalten. So hat man gleich einen Ansatzpunkt und kann loslegen.

So, ich werde es mir jetzt gemütlich machen… so wie Hannes (ja, die Nilgans brauchte endlich einen Namen), denn der sitzt schon wieder auf seinem Kamin. Und was tust Du Dir heute Gutes?

5 Gedanken zu “Bei schlechtem Wetter muss die Arbeit warten

  1. Ach Biene, wie achtsam du heute mit dir umgehst! Danke auch, für deine Inspiration, dass wir uns heute alle Gutes tun sollten.
    Daher habe ich für heute Abend meine beste Freundin eingeladen. Wir werden Essen bestellen, einen Wein aufmachen und uns unseren Lieblingsfilm ansehen.
    Ich wünsche dir einen erholsamen Tag und morgen wieder ganz viel Sonnenschein! 🌞😘

    Gefällt 1 Person

    • Wilkommen Tante Emma!

      Ich freue mich sehr, dass Du den Weg in meinen Garten gefunden hast und dass ich dich inspirieren konnte.
      Das klingt nach einer wunderbaren Abendplanung! Wenn ihr beiden morgen nicht zu verkatert seid, schaut doch auf einen Kaffee in meinem Garten vorbei. Ich hoffe, dann wieder mit Sonnenschein. Und vielleicht wird auch Hannes wieder dabei sein. 😉

      Liebe Grüße und einen schönen Abend!
      Biene

      Liken

    • Lieber Reiner, willkommen in meinem Garten!

      Schön, dass Du hergefunden hast. Mir gefällt deine Beschreibung „dankbarer und trockener Alkoholiker“. Ich denk, dass Dir diese Dankbarkeit, die man nach einer dunklen Zeit verspürt, wohl vertraut ist. Vielleicht nehmen wir die schönen Momente bewusster wahr, weil wir wissen wie es ohne sie ist.

      Ich hoffe Du schaust bald wieder vorbei.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Bis zum letzten Staubkorn | Mein innerer Garten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s