Den Steingarten renovieren

Wie Stärken und Schwächen aufeinander aufbauen

"Schwächen verwandeln sich in Stärken,
sobald man zu ihnen steht."
~Andreas Tenzer~

Eigentlich wollte ich bereits heute Morgen mit der Unkrautbekämpfung meines Steingartens beginnen. Doch als ich aufwache, höre ich in meinem Garten einen Ast im Wind knarren. Es klingt wie ein langgezogenes Stöhnen eines verwundeten Tieres. Sofort springe ich auf und eile hinaus. Ich starre in die Baumreihen und lausche. Da war es wieder, dieses herzzerreißende Knarren. Es kommt aus der Ecke mit meinen größten Bäumen, deren Wurzeln sehr tief in die Erde schlagen. Ich eile über das noch taufrische Gras um mir das genauer anzusehen. Der nächste Windhauch verrät es mir: Das Knarren kommt von meinem Lieblingsbaum. Eine alte Eiche. Sie ist der größte und mächtigste Baum in meinem Garten. Und sie war auch der erste Baum, der hier wurzelte. Er war einer der wenigen, der den schweren Sturm vor etlichen Jahren überlebte und er wuchs stärker denn je nach. So hängte ich an seinen kräftigsten Ast meine Schaukel. Und er trug mich mühelos. Doch heute sieht er kränklich aus. Das erschreckt mich sehr. Den ganzen Tag über laufe ich immer wieder zu ihm, suche ihn nach Schäden ab, versorge ihn mit Nährstoffen und Wasser und rede ihm gut zu. Am Nachmittag zeigt meine Fürsorge endlich Wirkung. Das Knarzen hört auf. Erleichtert erhole ich mich eine Weile auf der Veranda. Doch dann ruft mich mein heutiges Projekt wieder in den Garten. Und so stehe ich da und starre auf den undefinierbaren Haufen aus Steinen und Unkraut. Ich stehe hier schon eine halbe Stunde lang und starre diesen Haufen einfach nur an. Herrje, war ich wirklich so lange nicht mehr hier?! Wo sind meine schönen Sukkulenten hin?! Einige von ihnen habe ich intensiv gepflegt. Mit viel Liebe und Zeit. So wuchsen sie zu stattlichen Pflanzen heran. Andere wuchsen einfach von alleine und erfreuten mich mit ihren bunten Farben und auffälligen Formen. Wieder andere bekam ich geschenkt von Menschen, die mir begegneten. Doch jetzt kann man kaum mehr eine Sukkulente unter all dem Unkraut erkennen. Nur die Steine, die sehe ich sehr deutlich…

Vor vier Wochen saß ich in einem Vorstellungsgespräch (frag nicht weiter danach… es hat mich viel Kraft gekostet das zu verdrängen) und wurde nach meinen Stärken und Schwächen gefragt. Eine typische Frage für so eine Situation. Ich wühlte hektisch in meinem Kopf nach einer Antwort. Viel kam dabei nicht raus. Dabei bin ich mir sicher, dass es eine Zeit gab, in der ich mir meiner Stärken bewusst war… meiner Schwächen wohl immer schon. Schwierig ist es für mich, das Ganze objektiv zu sehen. So neige doch nun mal dazu, meinen Schwächen mehr Gewicht zu geben und meine Stärken abzuwerten. Mit Selbstbewusstsein hab ich es halt nicht so… oder wenn dann nur phasenweise. Diese Phasen machen mich ohnehin wahnsinnig! Ich komme mir oft vor, als wäre ich schizophren (nicht im klinischen Sinne, sondern in dem was man landläufig für schizophren hält). In meinen guten Phasen strotze ich vor Selbstbewusstsein, reiße die Menschen um mich herum mit meinem Enthusiasmus mit und bin kaum zu bremsen. Doch dann, kommen die dunklen Tage. Ich möchte mich verkriechen, traue mir gar nichts zu. Ich bin nervös, unsicher und furchtbar verletzlich. Damit stehe ich mir dann selbst im Weg und so will mir tatsächlich nichts mehr gelingen (so ein dunkler Tag war übrigens der Tag des Vorstellungsgespräches). Fragst Du mich an solchen Tagen nach meinen Stärken… vermutlich müsste ich erstmal im Duden nachschauen, was zur Hölle das denn sein soll.
Wie gut, dass ich doch da noch diese Liste meiner Liebsten habe. Nachdem ich mir daraus bereits meine Werte ziehen konnte (siehe hierzu meinen Blogeintrag zum Thema Werte), hilft sie mir vielleicht auch einen Einstieg in mein neues Projekt zu finden. Ich schau mal, was ich da für Stärken und Schwächen finde…

Wild schüttle ich den Kopf um mich selbst aus meiner Erstarrtheit zu befreien. Es nutzt ja nichts! Wenn ich meine Sukkulenten retten will, dann muss das Unkraut da weg! Ich kremple meine Ärmel hoch und stapfe Richtung Gartenhaus. Wollen doch mal sehen, was ich da an Werkzeug finde. Den Schubkarren werde ich auf jeden Fall benötigen, denn da muss einiges zum Kompost transportiert werden.

Kurz zu meiner Definition von Stärken & Schwächen: Es geht mir hier nicht darum, Argumente für mein nächstes Vorstellungsgespräch zu finden. Ich möchte viel mehr die Stärken & Schwächen finden, die mich ausmachen. Ich bin mir nicht sicher, was mein absolutes Unverständnis für alles was mit Zahlen zu tun hat dabei über mich aussagen soll. Viel mehr möchte ich mir am Ende dieses Projektes meiner Stärken bewusst sein. Ich möchte diese für mich hervorheben können um sie noch mehr zu stärken und den Fokus wieder mehr darauf zu legen. Ich möchte mir aber ebenso meiner Schwächen bewusst werden. Was ich dann mit denen mache? Ich habe vor sie in einem weiteren Projekt genauer zu ergründen. Woher kommen sie? Kann ich vielleicht daran arbeiten? Oder werde ich lernen sie zu akzeptieren? Wir werden sehen…

Stärken
Soziale Fähigkeiten:
– Loyalität
– motivierend
– inspirierend
– Empathie
– Verlässlichkeit
– Hilfsbereitschaft
– Ehrlichkeit
– Warmherzigkeit
– Fürsorge
– Kontaktfreude
– guter Zuhörer

Einstellung:
– Kreativität
– Disziplin
– Mut
– Reflektion
– Humor
– Organisation
– Lösungsorientiertheit
– Begeisterungsfähigkeit
– Naturverbundenheit
– Tierliebe

Schwächen
Soziale Schwächen:
– Eigensinn
– Sturheit
– Anerkennung suchend
– geringe Kritikfähigkeit *
– Anpassungsschwierigkeiten *
– Schwierigkeiten Nein zu sagen *
– Schwierigkeiten Grenzen zu setzen *

Schwächen in der Einstellung:
– schwaches Selbstbewusstsein
– Perfektionismus
– Emotionalität
– stimmungsanfällig *
– Inflexibilität *
– Entscheidungsschwäche *
– Stressempfindlichkeit *
– Ungeduld *

Die mit dem * habe ich selbst noch hinzugefügt. Sagt ja auch viel aus, dass ich nur die Schwächen ergänzt habe…

Erschöpft wische ich mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die gröbste Unkrautschicht konnte ich bereits entfernen und so sind meine Sukkulenten darunter wieder sichtbar geworden. Einiges Unkraut ist jedoch noch hartnäckig und krallt sich so sehr an meine Sukkulenten, dass ich es mit Vorsicht werde entfernen müssen, will ich meine Pflanzen nicht beschädigen. Die sind ohnehin schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Der lange Entzug von Nährstoffen und Licht ist nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Noch ist mehr grauer Stein als bunte fleischige Blätter zu sehen. Ratlos blicke ich auf die nackten grauen Steine. Schön sind sie wirklich nicht. Am liebsten würde ich sie alle einzeln aus dem Haufen entfernen und mit meinem Schubkarren ganz weit weg… aber Moment…. was ist das? Verwirrt runzle ich die Stirn. Das kann doch nicht… Ach! Ich hatte doch bei der Suche nach meinen Steinfiguren schon das Gefühl gehabt ich müsste mal zum Optiker. Das wird es sein: Eine Täuschung! Dennoch mache ich neugierig einen Schritt näher und beuge mich über das Überbleibsel meines Steingartens. Doch tatsächlich, ich hatte richtig gesehen. Die Sukkulenten hafteten mit ihren Wurzeln an den Steinen fest. Sie fanden dort Halt. Klammerten sich an sie, als gehörten sie zusammen…

Beim Betrachten meiner Liste ist mir etwas aufgefallen: Manche Stärken ergeben sich aus meinen Schwächen, was die Schwächen plötzlich nur noch zu vermeintlichen Schwächen werden lässt. Vieles ist auch miteinander verbunden oder baut aufeinander auf. Ich glaube, ich muss das alles noch mal sortieren…

Nachdem ich jetzt die Liste noch mal auf ein Blatt Papier übertragen, Stärken & Schwächen gegenübergestellt und wirre Linien gezogen habe, konnte ich einiges zusammenführen.

schwaches Selbstbewusstsein:
– Anerkennung suchend (Selbstbewusstsein von außen pushen)
– geringe Kritikfähigkeit (Kritik kratz am wenig vorhandenen
Selbstbewusstsein)
– nicht Nein sagen & keine Grenzen setzen können (Angst
Zuneigung/Anerkennung zu verlieren)
+ Humor (um meine Unsicherheit zu verbergen… wobei das sicher nicht der
einzige Ursprung meines Humors ist)
+ Hilfsbereitschaft & Fürsorge (denn ich kann ja nicht Nein sagen)

Perfektionismus
– Entscheidungsschwäche (denn keiner der Wege ist perfekt)
– Stressempfindlichkeit (Stress nimmt die Liebe zum Detail)
– Inflexibilität (weil ich alles genau nach Plan machen möchte)
– Ungeduld (immer an den Plan denken…)
+ Verlässlichkeit (das ist perfekt)
+ Disziplin (denn es soll ja perfekt werden)
+ Organisation (damit es perfekt wird)
+ Lösungsorientiertheit (auf der Suche nach der möglichst perfektesten
Lösung)
+ Reflektion (das System läuft nicht perfekt, finde den Fehler)

Emotionalität / Sensibilität
– Stimmungsanfälligkeit (starkes Gespür für Stimmungswellen)
+ Warmherzigkeit (meinem Gegenüber soll es gut gehen)
+ Begeisterungsfähigkeit (also wenn Begeisterung keine Emotion ist…)
+ Empathie (durch meine Emotionen spüre ich auch die der anderen)

Eigensinn
– Sturheit (weil das so ist!)
– Anpassungsschwierigkeiten (wer seinen eigenen Sinn hat tut sich schwer
mit dem anderer)
+ Kreativität (ist Eigensinn nicht gleich Kreativität?)
+ Kampfgeist (der resultiert aus meiner Sturheit)

Mit den Verknüpfungen im Kopf stelle ich mir mein nächstes Vorstellungsgespräch vor:
„Was sind Ihre Stärken und Schwächen?“
„Ich bin ein eigensinniger Perfektionist mit schwachem Selbstbewusstsein und starken Emotionen.“
„Äh… was waren jetzt Stärken und was Schwächen?“
„Wer sagt, dass das einen Unterschied macht?“

Zufrieden und erschöpft lasse ich mich ins Gras sinken. Es ist spät geworden, der Tag war lang und ich spüre ihn und die heutige Anstrengung in meinen Knochen. Ich lasse mich zurückfallen, strecke alle Gliedmaßen von mir und atme die kühle Nachtluft ein. Der Mond hat den Himmel schon fast ganz für sich erobert. Nur ein schmaler heller Streif am Horizont erinnert noch an die Sonne. Mit meinem Steingarten bin ich heute noch nicht ganz fertig geworden. Meine geliebten Sukkulenten konnte ich noch retten, ehe das Unkraut ihnen auch die letzte Luft zum Atmen nimmt. Doch längst nicht alles Unkraut konnte ich entfernen. Zu fest sitzen seine Wurzeln an denen meiner Sukkulenten. Da muss ich noch mal mit Gefühl ran. Und dann brauchen die Sukkulenten erstmal ganz viel Liebe, damit sie sich wieder aufpäppeln können. Und die Steine? Den ein oder anderen habe ich inzwischen akzeptiert. Doch manche sind mir noch zu dominant. Aber das stört mich jetzt erstmal nicht weiter. Ich weiß ja, dass sich in meinem Gartenhaus für alles ein Werkzeug finden lässt. Ich muss nur manchmal etwas suchen…

Anmerkung:
In meinem Blog nutze ich die Metapher des Gartens für meine Psyche. Jeder Bereich, jedes Tier und jede Pflanze hat dabei eine Bedeutung. Damit Du mir besser folgen kannst, schau Dir doch einmal meine Gartenskizze an.

3 Gedanken zu “Den Steingarten renovieren

  1. Pingback: Steingarten Tag 2 | Mein innerer Garten

  2. Was für eine schöne Metapher der Steingarten doch ist, ich staune jedes Mal wie gut du all deine Metaphern wählst. Sie funktionieren hervorragend; ich musste sogar schmunzeln als du die Verbindung zwischen den Steinen und den Sukkulenten aufgedeckt hast. Zu dieser Erkenntnis zu gelangen hat den Steinen doch bestimmt einiges an Gewicht genommen. Ich finde, von diesem Gedanken kann bestimmt jeder Leser profitieren!

    Gefällt 1 Person

    • Mein lieber Fuchs,
      wie schön Dich wieder hier zu sehen!
      Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand etwas aus meinen Erkenntnissen und Gedanken für sich mitnehmen kann. So funktioniert es doch am besten, in gegenseitigem Austausch.

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