Auf der Suche nach meinen Steinfiguren

Werte als Leitlinie nutzen

"Öffne der Veränderung deine Arme,
aber verliere dabei deine Werte
nicht aus den Augen."
~Dalai Lama~

Steinfiguren… ich habe einen Faible für sie! Früher habe ich sie gesammelt und sie haben meinen halben Garten in Beschlag genommen. Andauernd habe ich sie umgestellt, ausgetauscht, manchmal welche wieder weggeworfen, dann aber dafür zwei Neue erworben. Meist waren es kleine billige aus dem Discounter, die ohnehin nicht lange lebten. Vor einigen Jahren dann, verliebte ich mich in eine große massige Steinfigur. Die war sicher nicht günstig, aber… ach komm, Du kennst das doch sicher auch, dass du etwas siehst und Deine Gedanken auch noch Wochen später immer wieder dahinschweifen, oder? Na jedenfalls sparte ich darauf hin. Und als der Tag endlich gekommen war und ich sie in meinen Garten stellte, verblassten die kleinen Discounter Figürchen neben ihr. Daher mistete ich riguros aus. Seitdem wähle ich die Figuren mit Bedacht.
Da ich mich ja leider in den letzten Jahren wenig um meinen Garten gekümmert habe, hatte ich kaum Freude an meiner Sammlung. Und nun stehe ich inmitten meines Gartens und frage mich, wo sie denn alle hin sind. Umgestürzt bei einem Sturm, von Unkraut überwuchert und auf der ein oder anderen ist sicher auch ein Wildschwein herumgetrampelt. Ich fühle mich etwas an meine Kindheit zurückerinnert, als ich zusammen mit meinen Geschwistern im Garten nach Ostereiern suchte…

Auf der Suche nach mir Selbst möchte ich mich zunächst meinen Werten zuwenden. Denn für mich ist klar, dass die meine Leitlinie sein sollen. Sie sollen über meinem Handeln, meinen Worten und meinem Denken stehen. Das ist sicherlich nicht immer leicht danach zu leben, aber ich möchte es versuchen. Ich bin davon überzeugt, dass ich so mir selbst m ehesten treu bleiben kann. Denn die letzten Jahre haben mir eines gelehrt: Verbiegen, das will ich nicht mehr! Ich möchte mir ein Umfeld schaffen, indem ich auch ich selbst sein darf. Aber gut, dazu muss ich erstmal wissen wer ich eigentlich bin…

Vor einem halben Jahr steckte ich mal wieder in einer Negativspirale aus „ich kann nichts… ich bin nichts…“. Zusammen mit meinem Therapeuten habe ich mir etwas überlegt, wie ich wieder ein positiveres Bild von mir bekommen kann. Denn wenn ich mich selbst nur noch verschwommen sehe… ja, dann sollte ich dringend mal zum Optiker. Aber mal im Ernst, wer kennt uns denn besser als unsere Freunde und unsere Familie? Und deswegen, wollte ich eben diese um Hilfe bitten. Ich erhoffte mir, dass sie mir ein Bild von mir aufzeigen könnten, indem ich mich wiederfinden kann. Somit bat ich meinen engsten Familienkreis und meine Freunde darum, mir die drei Eigenschaften zu nennen, die ihnen zu mir als erstes einfallen. Bevor ich jedoch die Antworten las, setzte ich mich selbst hin und überlegte, was mir denn eigentlich zu mir einfällt. Und hier ist das Ergebnis:

– humorvoll
– begeisterungsfähig
– selbstkritisch
– kreativ
– sensibel
– hilfsbereit

Hmm… naja immerhin ist mir was eingefallen. Nur irgendwie fühlt sich das wie leere Worte an. Aber gut, ich habe ja bereits festgestellt dass ich zum Optiker muss… es bleibt also verschwommen.
Doch mein Dank gilt meiner Familie und meinen Freunden. Die meisten von ihnen haben sich etwas Zeit erbeten, denn sie nahmen meine Bitte um Unterstützung sehr ernst und so wollten sie sich in Ruhe hinsetzen um sich eine Antwort zu überlegen.
Weil ich so unfassbar viele Eigenschaften dadurch sammeln konnte, fasste ich einige zusammen und gab ihnen Überschriften. Und hier nun das Bild, das die mich liebenden Menschen von mir haben:

Werte
– Humor
– Naturverbundenheit
– Begeisterungsfähigkeit
– Kreativität
– Gerechtigkeit
– Freiheit
– Harmonie

emotionale Stabilität
– selbstkritisch
– diszipliniert
– emotional / sensibel
– mutig / kämpferisch
– perfektionistisch

soziale Stabilität
– hilfsbereit
– loyal
– ehrlich
– motivierend / inspirierend
– liebevoll / warmherzig
– empathisch

Arbeitsgeist
– verantwortungsbewusst / verlässlich
– intelligent
– lösungsorientiert
– reflektierend
– organisiert
– eigensinnig

Die Resonanz war rührend. Was ich da zu lesen bekam, zeichnete mir das Bild eines Menschen, den ich durchaus mögen könnte. Ich war erstaunt, über das was ich da las. So ein Mensch soll ich sein? Ich spürte die Liebe und die Wertschätzung aus den Worten meiner Liebsten. Dabei glaubte ich doch eben noch, dass ich niemandem etwas geben könnte, ich nichts wert sei und es vollkommen egal wäre, ob ich da bin oder nicht. Diese Aktion öffnete mir wahrhaftig die Augen. Ich rückte auch emotional wieder näher an einige Menschen heran. Das alles tat so gut und es bleibt mir nur ihnen zu danken, von ganzem Herzen. Denn es fühlte sich an, als würde ich fallen… und ganz plötzlich, ohne dass ich es erwartet hätte, war da ein Netz das mich auffängt. Ein Netz voller Wärme. Ich fand mich in diesem Netz wieder, konnte es nicht fassen… und war zu Tränen gerührt. Danke, dass ihr da seid!

Heute, ein halbes Jahr später, nehme ich den Zettel mit den gesammelten Eigenschaften wieder zur Hand um nach den Werten zu suchen, die meine Leitlinie darstellen sollen. Das Schöne ist, dass diese Werte nicht bloß leere Worte bleiben. Denn die Person, die meine Liebsten dort gezeichnet haben, trägt diese Werte bereits in sich und zeigt sie nach außen in Form ihrer Eigenschaften. Der Mensch, den diese Personen kennen, ist mein Kern-Ich. Denn bei den Menschen, die mir so nah stehen, verbiege ich mich nicht (naja oder eher selten). Ich möchte zukünftig lernen, das Kern-Ich aus seiner Wohlfühlzone herauszuführen. Denn ich möchte Ich sein können ohne eine Maske tragen und ohne mich verbiegen zu müssen.

Den Worten meiner Liebsten nach zu urteilen bin ich ein sehr sozialer Mensch. Mir liegt das Wohl meiner Mitmenschen am Herzen. Ich bin harmoniebedürftig und möchte immer, dass es allen gut geht. Ich bin sehr hilfsbereit… vielleicht manchmal etwas zu sehr, weil ich meine eigenen Bedürfnisse dadurch zurückstelle. Auf mich kann man sich verlassen. Ich helfe wo ich kann, fühle mich in mein Gegenüber ein und bin meinen Freunden gegenüber stets loyal. Ich habe Verständnis für andere Menschen, für ihr Handeln, selbst wenn es negativ ist. Aber ich versuche immer den Grund dahinter zu sehen. Ich finde mich nicht so schnell mit einem Problem ab, sondern versuche es zu ergründen und eine Lösung zu finden. Auch mit Ungerechtigkeiten kann ich mich so gar nicht abfinden, egal ob sie mich oder jemand anderen betreffen. Ich werde zum Löwen wenn ich Ungerechtigkeiten sehe und kämpfe… oft bis ich selbst daran Schaden nehme. Und apropos kämpfen: Für meine Liebsten würde ich alles tun. Auch für sie kämpfe ich wie eine Löwin bis zum bitteren Ende. Greift jemand einen mir geliebten Menschen an, legt er sich mit mir an. In der Regel (also wenn nicht gerade Winter ist) bin ich ein positiver Mensch, nehme das Leben nicht zu ernst und sehe in jeder Situation etwas über das ich lachen kann. Denn ich lache viel und gerne und bringe auch andere liebend gern zum Lachen. Auch mache ich anderen immer gerne eine Freude mit Überraschungen oder kleinen Geschenken. Ich kann mich ganz verlieren wenn ich kreativ sein kann. Egal ob malen, schreiben oder musizieren. Ebenso versinken kann ich in Büchern, aber auch in meiner eigenen Fantasie. Ich bin gerne in der Natur, liebe die Wälder, die Ruhe und kann mich gar nicht sattsehen an dem was ich da finde. Die Begeisterungsfähigkeit habe ich mir von der kleinen Biene noch erhalten und so kann ich auch eine halbe Stunde vor einem schönen Baum stehen und staunen. Tiere und Pflanzen haben einen großen Platz in meinem Leben. Mir bedeuten Geld, Luxusartikel, teure Urlaube und sonstige Statussymbole nichts. Ich mag es gemütlich und einfach. Meine Freiheit geht mir über alles. Ich mag es gar nicht, wenn jemand mir diese beschränkt. Dadurch tue ich mich schwer mich an Regeln zu halten, wenn diese für mich keinen Sinn ergeben. Ich bin halt eigensinnig und auch stur. Und ich bin launisch. Wehe ich habe Hunger, dann sollte man mir aus dem Weg gehen. Ich bin sehr emotional und das versetzt meiner Stimmung extreme Schwankungen. Das macht es sicher nicht immer leicht, mit mir umzugehen. Ich fühle mich schnell verletzt, aber eben auch, weil ich selbst ein schlechtes Bild von mir habe und daher oft Bestätigung von außen brauche. Mit Kritik kann ich daher nur schlecht umgehen. Ich will doch immer perfekt sein… denn die Stimme in meinem Kopf sagt mir: „Wenn du nicht perfekt bist, dann bist du nichts wert.“

Das alles bin also ich… Alles in allem gefällt mir das Bild ganz gut. Aus diesem Bild möchte ich nun die Werte herausziehen, die mir wichtig sind:

Wonach möchte ich handeln?
Liebe
Ich möchte meinem Gegenüber und auch mir selbst stets mit positiver
Absicht entgegentreten. Ich möchte hilfsbereit sein und für andere
einstehen.
Humor & Optimismus
Ich möchte das Leben und mich nicht so ernst nehmen und mir stets das
Lachen bewahren. Und dadurch gelassener sein.
Begeisterung
Ich möchte innehalten um mich an der Blume am Wegesrand zu erfreuen.
Bescheidenheit & Dankbarkeit
Ich möchte mit dem zufrieden sein, was ich habe und nicht nach
Größerem streben (bescheidene Wünsche und Träume sind genehmigt).
Empathie
Ich möchte mich in mein Gegenüber hineinversetzen um sein Handeln zu
verstehen.

Was brauche ich?
Harmonie
Ich brauche ein harmonisches Umfeld, indem die Menschen in positiver
Absicht handeln.
Freiheit / Unabhängigkeit
Ich brauche Unabhängigkeit und die Möglichkeit ich selbst sein zu können.
Akzeptanz
Ich brauche es, dass ich akzeptiert werde so wie ich bin.
Ruhe
Ich brauche Ruhe. Hektik, Stress, Zeitdruck sind Gift für mich. Ebenso
brauche ich Ruhe und Zeit für mich. Dadurch möchte ich mehr
Achtsamkeit in mein Leben bringen.
Gerechtigkeit
Ich brauche Gleichberechtigung und flache Hierarchien. Ein Umfeld, in
dem jeder Mensch mit seinen Stärken, seinen Schwächen und seinen
Meinungen zählt.

Was möchte ich mir noch aneignen?
Intuition
In der Vergangenheit habe ich immer wieder gemerkt, dass ich auf mein
Bauchgefühl hätte hören sollen. Zukünftig möchte ich dem mehr Gehör
verschaffen.

Gut, das klingt jetzt alles sehr nach einer Friede-Freude-Eierkuchen-Welt. Mir ist bewusst, dass es diese Welt so nicht gibt und dass auch ich nicht immer so super „perfekt“… ha! Da ist es wieder, dieses böse P-Wort! Also mir ist wirklich klar, dass ich es nicht immer schaffen werde, so zu handeln. Aber diese Wertesammlung soll auch kein Regelwerk, sondern eine Leitlinie für mich werden. Ich werde Abstriche machen müssen, Kompromisse schließen und vielleicht auch das ein oder andere noch mal überdenken, aber ich denke im Großen und Ganzen, habe ich mich damit gut sortiert.

Ich habe inmitten meines Gartens einen langen Tisch aufgestellt und ihn festlich gedeckt. Er ist über und übervoll mit allerlei Köstlichkeiten von herzhaft bis zuckersüß serviert in bunten Schalen und auf bunten Tellern. Auf jedem Teller habe ich ein Namenskärtchen und ein Begrüßungsgeschenk mit einem Brief platziert. Die Briefe die ich schrieb, sind voller Dankbarkeit und Liebe. Eingeladen habe ich alle meine Liebsten. Meine Familie und meine Freunde.
Die Stimmung ist ausgelassen, es wird viel gelacht. Die Köstlichkeiten werden herumgereicht bis auch der letzte sich zufrieden und mit vollem Bauch in seinem Korbsessel zurücklehnt. Die Lichterketten in den Bäumen und an der Veranda sind längst angegangen und der Mond steht hoch am Himmel, als ich den letzten Gast verabschiede.

Ich schließe das Gartentor hinter ihm, fülle mir noch ein Gläschen Wein und schlendere zur Veranda hinüber. Dort lasse ich mich auf der obersten Stufe nieder und lasse meinen Blick über den Garten schweifen. Ich sehe die mächtigen Schatten der großen Bäume, die tiefe und feste Wurzeln in meinen Garten geschlagen haben. Und ich sehe die dichten Büsche, die gesund heranwachsen. Mein Herz füllt sich mit einer wärmenden Dankbarkeit. Im Mondlicht sehe ich die wiedergefundenen Steinfiguren leuchten. Eine Woche hat es gedauert sie alle wieder auszugraben. Doch mit viel Hilfe habe ich es geschafft. Nun stehen sie da als ein stolzes Mahnmal meiner Selbst.

4 Gedanken zu “Auf der Suche nach meinen Steinfiguren

  1. Selbst der wildeste Garten lässt sich noch zähmen wenn man liebe Menschen hinter sich hat, die einem bei jedem Wetter beistehen. Es freut mich sehr so einen positiven Eintrag zu lesen, zumal er so umwerfend gut geschrieben ist! Ich wünsche der kleinen Biene weiterhin nur das Beste für den Garten und bin gespannt was es Neues von dort gibt.

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  2. Pingback: Den Steingarten renovieren | Mein innerer Garten

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