Gartenplanung

Ein Schritt nach dem Anderen

"Denke nicht an den Gipfel.
Plane Deine nächste Rast
und freue Dich auf die dortige Aussicht."
~Biene~

Wie im Rausch wirbeln die bunten Blätter umher. Tanzen wild zu einer Melodie, die unseren Ohren verborgen bleibt. Steigen hinauf, drehen sich um ihre eigene Achse. Schneller. Immer schneller. Stürzen dann plötzlich wieder herab, bis sie kurz vor dem Boden erneut aufgewirbelt und emporgeschleudert werden. Ich stehe auf der obersten Stufe meiner Veranda, habe mich an einen Pfosten gelehnt und schaue dem Spektakel, das die freche Windböe in meinem herbstlichen Garten veranstaltet, zu. Als die Blätter wieder zu Boden sinken und die Windböe so heimlich den Garten verlässt, wie sie ihn erobert hat, lasse ich meinen Blick umherschweifen. In jeder Ecke wirbeln Ideen in mir auf, warten Aufgaben auf mich. So viel… In den letzten Jahren verbrachte ich viel Zeit damit, im Vorgarten mit den Wildschweinen zu kämpfen. Währenddessen eroberten Schädlinge, Rehe und auch das liebe Unkraut meinen Garten. Also Ärmel hochkrempeln und ran an die Arbeit. Neue Blumen säen, Bäume und Sträucher wässern, vertreiben was nicht hier hergehört, die Pflanzen im Steingarten düngen und so einiges auf den Kompost schaffen. Achja und die Veranda benötigt auch einen dringenden Anstrich. Und was ist eigentlich mit dem Vorgarten? Was pflanze ich denn da an? Kurz höre ich das Blöken aufgeregter Schafe. Doch dann atme ich tief durch und sage leise zu mir: „Ein Schritt nach dem anderen. Denke nicht an den Gipfel. Plane deine nächste Rast und freue dich auf die dortige Aussicht“.

Wo will ich eigentlich hin? Eine gute Frage! So planlos wie im Moment, war ich zuletzt vor 10 Jahren. Damals war ich Anfang 20, meine Psyche glich einem Schlachtfeld, beruflich trieb ich so vor mich hin und privat war außer ein paar losen Kontakten nichts los. Ich fühlte mich einsam, der Welt und meiner psychischen Störung hilflos ausgeliefert. Wusste nicht wohin ich gehen soll oder ob ich überhaupt gehen soll. Das alles scheint so furchtbar lange her… Der Mensch der ich damals war, den erkenne ich heute kaum wieder. Seitdem hat sich vieles verändert. Ich habe mich verändert, dadurch veränderte ich auch mein Umfeld und meinen Garten…

Jahrelang tobte ein Sturm durch meinen Garten. Er riss Bäume aus, wirbelte das Wasser des Teiches auf, verscheuchte Vögel und Bienen und ließ keinem Gewächs die Ruhe, dort Wurzeln zu schlagen. Wildschweine kamen und durchpflügten den Garten, Reiher klauten mir die Fische und die Rehe kamen täglich und nagten die wenigen hoffnungsvollen Knospen ab. Nur das Unkraut, das wucherte. Und ich? Ich stand inmitten dieses Sturms. Mitten in meinem brach liegenden Garten und versuchte mich an alles zu klammern, was ich zu fassen bekam. Wildschweine, Rehe, ja selbst an das Unkraut klammerte ich mich. Schutzlos und ängstlich suchte ich nach Halt und versuchte gleichzeitig zu verhindern, dass der Sturm auch noch die letzten Besucher vertrieb. Doch eines Tages, als der Wind etwas nachließ, da schaute ich hoch und traute meinen Augen nicht. Vor mir, nur etwa einen halben Meter entfernt, saß ein Fuchs und schaute mich erwartungsvoll an. Ich setzte mich auf. Und da lief er plötzlich los. „Nein warte! Bleib doch hier!“, rief ich entsetzt und rappelte mich hoch. Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Taumelnd machte ich einen Schritt nach vorn. Da lief er wieder einige Schritte weiter, blieb stehen und drehte sich um. Unsicher stand ich auf meinen wackeligen Beinen. Nicht sicher, ob meine Muskeln nach all den Jahren in starrer Hockstellung noch in der Lage waren sich zu bewegen. Ich atmete stoßartig aus und setzte langsam einen Fuß vor der anderen. Federnd trabte der Fuchs wieder voran. Er erklomm die Stufen der Veranda, wandte sich oben angekommen wieder zu mir um und ließ sich nieder. Ich blieb stehen, wollte ihn nicht wieder verscheuchen. Doch er blieb ruhig sitzen. Ganz langsam ging ich näher, bis ich vor den Stufen stand. Da rutschte er ein wenig zur Seite, ließ sich nieder und rollte sich, den Schwanz schützend über sich gelegt, ein. Ganz langsam, darauf bedacht kein Geräusch und keine hektische Bewegung zu machen, erklomm ich die Stufen und setzte mich neben ihn. Ich ließ meinen Blick in den Garten schweifen. Der Sturm fegte inzwischen wieder über ihn hinweg. Doch ich saß hier, im Schutz der Veranda, und bekam nur ein paar Windböen ab.

Durch mehrere Klinikaufenthalte, ambulante Therapien, Selbsthilfegruppen, Selbsthilfebüchern, usw. lernte ich, dass ich dem Sturm in meiner Psyche nicht hilflos gegenüber stehen musste, sondern dass ich aktiv etwas gegen ihn unternehmen konnte. Ich konnte ihn zwar nicht verhindern, aber ich konnte mich schützen. Doch das konnte nur ich selbst. Nach und nach erkannte ich, was mir gut tat und was nicht und sortierte letzteres aus.

Zunächst richtete ich mir die Veranda gemütlich ein und verkroch mich dort vor dem Sturm. Nach und nach kam ich zu Kräften. Und als ich mich stark genug fühlte, vertrieb ich die Wildschweine, riss die Mauer um meinen Garten herum ab, baute stattdessen einen stabilen Holzzaun und ich baute einen Riegel an mein Gartentor. Ich sammelte die verstreut herumliegenden Werkzeuge ein, baute ihnen ein Gartenhaus und verstaute sie ordentlich darin. Den empfindlichen Topfpflanzen, deren Töpfe zerschlagen, baute ich ein Gewächshaus und pflanzte sie dort liebevoll wieder ein. Ich pflanzte neue Sträucher, umsorgte sie etwas ängstlich. Einige überwässerte ich, anderen gab ich nicht die richtigen Nährstoffe… doch die Starken, die wuchsen und aus einigen wurden sogar Bäume. Auch Blumen säte ich und irgendwann war mein Daumen nicht mehr schwarz, sondern bekam einen leichten Grünstich. Und so traute ich mich Gemüse und Kräuter anzupflanzen und dann sogar einen winzigen, zaghaften Apfelbaum inmitten meines Gartens. Ja, jetzt sah das brachliegende Grundstück aus wie ein richtiger Garten. Ein Garten, indem man es sich gemütlich machen konnte, ein Garten zum Wohlfühlen.

Und jetzt ist es wieder an der Zeit, etwas zu verändern. Wo will ich beruflich hin? Wo privat? Was ist mir wichtig? Was brauche ich in meinem Leben? Was kann weg? Was will ich verändern? Wo sind meine Baustellen? Und über all dem die Frage: Wer bin ich eigentlich?
Die letzten Jahre haben mich viel Energie gekostet, ich habe den Blick auf mich selbst und auf meine Bedürfnisse verloren. Es ist an der Zeit den Blick wieder nach innen zu richten um all die offenen Fragen zu beantworten. Ich habe das Bedürfnis, in mir aufzuräumen, meine innere Mitte wiederzufinden um dann wieder in Ruhe nach vorne blicken zu können.

Meine Aufgabe diesen Monat lautet also: Finde heraus wer du bist und was du willst. Und weil das ja eine ganz schön große Aufgabe ist, also der Berg auf den ich da hinauf klettern möchte sehr hoch ist, teile ich mir das Ganze in kleine Schritte auf. Für März habe ich mir daher folgende Fragen überlegt, die es zu beantworten gilt:

– Was sind meine Werte?
– Was sind meine Stärken und Schwächen?
– Wer sind die Menschen mit denen ich mich umgebe?
– Wie möchte ich meine Freizeit verbingen?
– Wie soll mein beruflicher Alltag aussehen?
– Wo sind meine Baustellen?

Erst wenn ich die Antworten auf diese Fragen gefunden habe, geht es weiter mit dem nächsten Schritt.

Der Fuchs hatte Recht. Ich kann den Sturm nicht verändern, aber ich kann meine Einstellung zu ihm verändern und ich kann ihn nutzen. Ich muss nur aufstehen und Schritt für Schritt voran gehen.

3 Gedanken zu “Gartenplanung

  1. Pingback: Wie könnt ich wegsehen, wenn Deine Krone sich im Sturm neigt | Mein innerer Garten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s