Die Raupe im Apfelhäuschen

Und plötzlich wurde es dunkel

„Und wenn Du das Gefühl hast,
dass gerade alles auseinander zu fallen scheint,
bleib ganz ruhig…
es sortiert sich nur neu.“
~Unbekannt~

Heute Morgen zog der Winter in meinen Garten ein. Die Nebelschwaden krochen zwischen den Zweigen hindurch, legten sich über jedes Blatt und jeden Halm bis sie alle nur noch dunkle Schatten ihrer Selbst waren. Ich konnte kaum noch etwas sehen. Ich saß auf meiner Veranda und starrte in das trübe Grau.  Verwirrt versuchte ich es zu verscheuchen. Ich pustete mit meinem warmen Atem gegen den Nebel an, fuchtelte wild mit den Armen durch die feuchte Kälte. Vergeblich. Mein Brustkorb schnürte sich zu. Ich bekam keine Luft mehr. Ich versuchte tief einzuatmen um meine Lungen wieder zu füllen, doch der Knoten in der Brust ließ meinen Lungenflügeln keinen Spielraum. Panisch schnappte ich nach Luft. Mein ganzer Körper schmerzte. Eine erste Träne rollte meine Wangen hinab. Ungläubig tastete ich mit meinen klammen Fingern danach. Ich betrachtete die glänzende Spur, die diese einzelne Träne auf meiner Fingerkuppe hinterließ. Das brach meinen inneren Widerstand. Der Knoten in der Brust platzte. Der Damm brach. Ich weinte. Und ich hörte zwei Stunden lang nicht mehr auf. Was war passiert?

Heute Morgen wachte ich auf und hörte die Vögel zwitschern. Die Sonnenstrahlen kitzelten mich an der Nasenspitze und die Schäfchenwolken am sonst blauen Himmel malten fröhliche Bilder. Gut gelaunt, wenn auch noch etwas verschlafen, griff ich nach meinem Handy um einer lieben Freundin einen Guten Morgen zu wünschen. Wir plauderten ein wenig, ehe sie zur Arbeit aufbrach. Zehn Minuten später meldete sie sich wieder und teilte mir mit, dass eine Bekannte nach mir gefragt hätte. Sie wollte wissen, was ich denn inzwischen machen würde. Als sie hörte, dass ich derzeit nichts mache, gab sie direkt Ratschläge wo ich mich bewerben könnte.

Als ich das las, rotierten meine Emotionen. Ich spürte Druck und es regten sich Ängste und auch mein Stolz. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, hatte das Gefühl mich erklären und verteidigen zu müssen. Mehrere Nachrichten tippte ich in mein Handy… und löschte sie wieder. Ich hatte mir doch vorgenommen, nicht direkt zu antworten, sondern mich erst zu sortieren ehe ich emotionsgeladen reagiere. Doch dann wurde es dunkel… Und plötzlich überforderte mich die ganze Welt. Es ist doch völlig egal was ich mache, wo ich arbeite, wo ich bin… ich kann doch sowieso nichts und irgendwie ist es immer scheiße. Ich möchte unter meiner Decke bleiben und keinem Druck, keiner Kritik und keinen negativen Stimmungen mehr ausgesetzt sein. Ich will nicht mehr!!!

Depressionen sind scheiße. Ganz ehrlich, das müssen wir uns nicht schönreden. Können wir ja auch gar nicht, wenn sich ihr Schatten über uns und über unsere Gedanken legt. Also verschwenden wir keine Energie daran und akzeptieren es wie es ist: Depression ist ein Arschloch! Mein Achtsamkeitsratgeber rät mir wie folgt mit Arschlöchern umzugehen: Mich in mein Gegenüber hineinversetzen, seine Bedürfnisse erspüren, Verständnis entwickeln und ihm verzeihen. Ahja…
Gut, schauen wir uns das Gegenüber mal an. Es ist ein dunkler Schatten, der sich wie ein Teerfilm über meine Gedanken und meinen Körper legt und sie hinabzieht. Gut, sie möchte also, dass ich in dieses Loch gehe. Das scheint ihr ein Bedürfnis zu sein. Nur warum? Was hat sie davon, wenn ich in diesem Loch sitze? Es ist also ein sadistisches Arschloch, das Freude daran entwickelt mich zu quälen. Moment… mein Achtsamkeitsratgeber rät mir, meinem Gegenüber positive Absichten zu unterstellen. Also noch mal neu…
Hmm… das war jetzt sehr achtsam meinen Wünschen gegenüber. Das bringt mich aber meinem Gegenüber nicht näher. Achja, ich soll eine Wohlfühlatmosphäre schaffen…
Also liebste Depression, du scheinst einsam zu sein in deinem Loch. Daher verstehe ich, dass du mich gerne bei dir haben würdest. Es macht mich traurig, wenn du da unten ganz alleine sitzt. Leider geht es mir nicht so gut, wenn ich dich besuchen komme. Ich brauche das Leben hier oben, das Licht, die zwitschernden Vögel, den Himmel über mir und die Bäume die im Wind rauschen. Komm doch einfach zu mir, hier ist es viel schöner.
Halt, Stop! Habe ich gerade ernsthaft dieses dunkle teerartige Ding zu mir eingeladen?! Damit es sich wie eine dunkle Wolke vor die Sonne legt, den Himmel verdeckt, den Vögeln Angst einjagt und den Bäumen die Luft zum Atmen nimmt?! Nee, das ist keine gute Idee!
Kompromisse finden… das macht man doch auch so wenn es Stress in der Partnerschaft gibt.
Meine liebe Depression. Ich habe deine Einladung zur Kenntnis genommen und freue mich sehr darüber, dass du mich bei dir haben möchtest. Ich bitte dich jedoch um Verständnis, dass ich mich bei dir nicht sehr wohl fühle. Ich möchte dir daher vorschlagen, dass ich nur hin und wieder in dein Loch hinabsteige. Nur lass mich ein paar Dinge mitbringen, damit ich mich bei dir wohler fühle: Zwei heiße Tassen Kakao, eine kuschelige Decke, ein schönes Buch und eine Kerze. Dann machen wir uns einen gemütlichen Abend zusammen.
Na wenn das nicht mal sehr achtsam, respekt- und liebevoll war!
Die Depression begleitet mich nun schon seit fast 20 Jahren. Vieles habe ich bereits versucht, um sie zu bekämpfen. Doch vielleicht, ist das der falsche Weg. Vielleicht muss ich einfach nur den Weg einer friedlichen Co-Existenz finden.

So, nach dem ich mich wieder beruhigt habe, nun zurück zu dem Konflikt, der diesen plötzlichen Wintereinbruch ausgelöst hatte. Was war passiert?

Welche Emotionen kamen in mir auf?
Okay, ich spürte Druck und auch mein Stolz regte sich. Ich wollte mich verteidigen. Wovor denn eigentlich? Ich nehme mir momentan eine Auszeit, weil mich das letzte halbe Jahr sehr viel Kraft gekostet hat. Ich hatte das Gefühl, mich selbst verloren zu haben, mein Selbstbewusstsein lag am Boden, ich hatte keine Energie mehr und ich wusste nicht, wo ich jetzt eigentlich mit meinem Leben hin soll. Daher entschloss ich mich für eine Auszeit. Ich wollte mich sortieren, zur Ruhe kommen, Energie tanken und mir überlegen, was ich vom Leben will und wo ich hin möchte. Achja, und meine Depressionen auskurieren… Ich habe mich bewusst für diese Auszeit entschieden ohne einen genauen Plan zu haben, wie lange sie gehen soll. Das war meine Entscheidung, weil ich mich danach gefühlt habe und entschieden habe, dass es für mich das Beste ist. Und doch, schäme ich mich vor anderen dafür. Zumindest vor Menschen, die nicht zu meinem engsten Kreis gehören. Und so möchte ich eigentlich nicht, dass andere Menschen davon erfahren. Dabei sollte es mir doch eigentlich egal sein, was die denken.

Was war die Intention meines Gegenübers?
Meine liebe Bekannte von heute Morgen kann mich gut leiden. Sie ist ein Mensch, der sich oft um andere sorgt und ihre Schäfchen gerne gut behütet weiß. Ich spüre, dass meine momentane Planlosigkeit andere Menschen in meinem Umfeld unruhig macht. Sie brauchen Sicherheit. Okay, ich sehe ihr Bedürfnis nach Sicherheit. Sie wollte mich also unterstützen. Mir helfen aus dieser, für sie, so unsicheren Situation heraus zu kommen. Das ist lieb. Danke dafür.

Nun war diese Situation heute Morgen nur der Auslöser eines tieferen Konfliktes. Denn die liebe Bekannte war ja nicht die erste, die nach meiner Situation fragte. Viele tuen das in letzter Zeit. Und das setzt mich unter Druck. Ich bekomme das Gefühl, mich verteidigen zu müssen. Aber Moment mal… verteidigen müsste ich mich doch nur, wenn ich angegriffen werde. Werde ich das denn? Ich habe doch soeben erkannt, dass mein Gegenüber ein Bedürfnis nach Sicherheit hat. Dieses Bedürfnis wird mein Gegenüber auf mich übertragen und somit glaubt es, mir helfen zu müssen. Das ist eine sehr positive und lieb gemeinte Absicht. Ich nehme diese positive Absicht wahr und freue mich, dass sich so viele Menschen um mich sorgen und mir helfen möchten.

Das Bedürfnis meines Gegenübers
Mein Gegenüber hat also ein Bedürfnis nach Sicherheit. Da mir mein Gegenüber mit positiver Absicht entgegentritt, möchte ich es ihm gleich tun. Ich möchte nicht mein Schwert der Verteidigung zücken, sondern achtsam und mit positiver Absicht darauf eingehen. Das könnte so aussehen: „Danke, dass du dich um mich sorgst. Das ist sehr lieb von dir und es freut mich, dass du an mich denkst.“

Gut, das klingt schon sehr warmherzig. Wie aber, kann ich nun auf das Bedürfnis nach Sicherheit eingehen? Meine Planlosigkeit macht meinem Gegenüber Angst. Hmm… kann es sein, dass diese Planlosigkeit auch mir etwas Angst macht und ich deswegen so sehr in die Offensive gehe?  Moment! Ich muss kurz meine eigenen Ängste sortieren und sie beruhigen, ehe ich meinem Gegenüber seine Angst nehmen kann.

Meine Ängste
Interessant… Ja, ich denke da ist etwas Wahres dran. Mein Verstand sagt mir, dass ich diese Auszeit jetzt brauche. Doch meine Angst braucht Sicherheit. Sie möchte einen Plan haben, eine Aussicht auf… ja worauf denn? Auf ein Ende dieser Planlosigkeit…? Ich horche in mich hinein… und tatsächlich…

Aus einem am Boden liegenden faulenden Apfel schauen mich auf einmal zwei große ängstliche Augen an. Verwundert blicke ich auf die kleine Raupe hinab. Sie hat sich tatsächlich, ganz heimlich durch meinen Apfelbaum gefuttert. Naja, ganz heimlich… Okay, zugegeben, ich habe durchaus gemerkt, dass da was nagt. Aber vielleicht habe ich einfach nicht hinsehen wollen. Doch nun stehe ich hier, Auge in Auge mit einer ängstlichen kleinen Raupe. Vorsichtig hebe ich den Apfel samt der Raupe hoch um sie mir näher anzusehen. Ich rede ihr gut zu und verspreche ihr, dass sie vor mir nichts zu befürchten hat. Ich trage sie auf meine Veranda und setze sie behutsam auf dem Tisch ab. Dann mache ich es mir wieder gemütlich, wickle mich ganz in die kuschelige Decke ein und lege meine Hände um die wärmende Tasse mit Tee. Misstrauisch beäugt mich die Raupe. Ich lächle beschwichtigend und nippe an meinem Tee. Als ich merke, dass sie sich etwas entspannt, frage ich freundlich: „Was macht dir solche Angst?“

Ich habe Angst, in Vorstellungsgesprächen gefragt zu werden, warum ich nicht gearbeitet habe. Oder dass ich direkt vorher aussortiert werde wegen meiner Lücke im Lebenslauf. Es macht mir Angst, dass Leute gehässig über mich reden könnten weil ich derzeit arbeitslos bin und sowas sagen wie „Siehste, wusste ich doch dass die nichts taugt“. Ahja… und da sind wir auch wieder bei einem anderen Problem: Ich habe Angst, dass jemand denkt ich tauge nichts und damit meiner bösen Stimme, die mir genau das sagt, Futter gibt.

Ich schaue auf den faulen Apfel, der vor mir auf dem Tisch liegt. Und da wird es mir klar…

Ich habe Angst, nicht zu genügen und wenn ich nicht mehr genüge, dann bin ich es auch nicht wert geliebt zu werden. Das ist die eigentliche Angst hinter „die reden schlecht über mich“. Denn es kann mir ja egal sein. Es ist mir ja auch egal, wenn die z.B. darüber lästern dass ich eine grüne Jacke trage. Denn ich trage sie, weil sie mir gefällt. Ich stehe also zu dieser Jacke und bin von ihr überzeugt. Ich bin nur leider nicht davon überzeugt, ein wertvoller Mensch zu sein der es wert ist geliebt zu werden. Und die Stimme der Gesellschaft und somit auch die Stimme der Werte in meiner Erziehung sagen: Kein Job = kein Wert. Ich bin also wertlos… Wow!

Meine Aufgaben
Meine daraus resultierende Aufgabe lautet also: Liebe dich selbst. Wenn ich diese Auszeit nutzen möchte, dann muss ich mir den Druck nehmen. Mein Druck entsteht durch mangelnde Selbstliebe. Würde ich mich selbst lieben, hätte ich auch mehr Achtung vor meiner Entscheidung und es wäre mir egal, was andere über mich denken. Also auf geht´s Richtung Selbstliebe!
Eine weitere Hilfe um mir etwas Druck zu nehmen, wäre ein Plan. Mein Gefühl nach Sicherheit wünscht sich eine Aussicht auf eben diese.

Entschlossen stelle ich meine Teetasse vor mir auf den Tisch, schlage die Decke zurück und springe auf. Die Raupe sucht erschrocken Schutz in ihrem Apfel. Ich hüpfe die Stufen zum Garten hinunter und schaue mich um. Schnell sehe ich, was ich gesucht habe: Unkraut. Ich beuge mich hinab und zupfe ein paar Blätter ab. Zurück auf der Veranda, lege ich die Blätter vor dem Apfelhäuschen der Raupe ab. Vorsichtig schaut diese nun hinaus und schnuppert in der Luft. Misstrauisch beäugt sie mich. Ich nicke ihr aufmunternd zu und mache es mir wieder in meinem Sessel bequem.

Auf mein Gegenüber eingehen
So, nachdem ich meine eigenen Ängste analysiert habe, kann ich nun auch besser auf mein Gegenüber eingehen um ihm seine Ängste zu nehmen. Ich möchte ihm keine Lügen erzählen und kann ihm daher seine Sorge nicht ganz nehmen, aber ihm eine Hoffnung auf ein Ende meiner Planlosigkeit geben. „Es ist lieb, dass du dir um mich Gedanken machst. Die letzten Wochen brauchte ich etwas Ruhe um mich zu erholen. Aber keine Sorge, mir geht es inzwischen besser und ich schmiede Pläne. Momentan weiß ich noch nicht genau, wo ich hin möchte, daher nehme ich mir noch etwas Zeit um das herauszufinden. Brauche ich dafür aber länger als geplant, dann werde ich mir zunächst eine Übergangslösung überlegen und komme gerne auf dein Hilfsangebot zurück“.

Langsam kriecht die Raupe aus dem Schutz ihres Apfelhäuschens heraus. Das frische Grün scheint sie magisch anzuziehen und so stürzt sie sich mit frischem Appetit darauf. Doch aus den Augen lässt sie mich dabei nicht. In kürzester Zeit hat sie sich einmal quer durch die Blätter gefressen. Sichtlich zufrieden und mit dickem Bauch rollt sie sich darunter zusammen und schlummert ein.



Ein Gedanke zu “Die Raupe im Apfelhäuschen

  1. Pingback: Ein Stein nach dem Anderen | Mein innerer Garten

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